04.08.2009 - 20:47 Uhr

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Kafka auf dem grünen Sofa

Text: ally1983

Lieber Kafka, es gibt Tage, an denen ich dich besonders vermisse. Natürlich ist es kein wirkliches Vermissen, denn ich habe dich ja nie gekannt. Es macht mich aus unerfindlichen Gründen traurig. Du wurdest geboren, hast gelebt und bist gestorben. Ein Leben von unzähligen, von denen ich niemals erfahren werde, denn es ist alles in einer Zeit passiert, in der ich nicht war. Und doch ist es, wenn ich dich lese, ein wenig so, als hielte ich einen Brief eines Freundes in der Hand, der es gut mit mir meint und mir viel bedeutet. Vieles ist mir so vertraut und deswegen vermisse ich dich, wenn du gehst. In dem Augenblick in dem ich das Buch zuklappe, entfernst du dich langsam, ganz langsam, bis du nur noch eine verschwommene Gestalt vor meinem inneren Auge bist. Ich sitze vor dem Haus, auf dem altmodischen grünen Sofa, das ich damals gekauft hatte, ohne die Haustür vorher abzumessen. Natürlich passte es nicht hindurch und so musste ich es leider draußen stehen lassen, an der schönsten Seite des Gebäudes. Dort, wo die Efeuranken es umklammern und die Spätnachmittagssonne die grünen Polster besonders intensiv leuchten lässt. Leute spazieren an Sonntagen durch die Straßen, sie unterhalten sich und manchmal setzten sie sich auf das grüne Sofa, um eine Pause zu machen. Ich beobachte sie aus dem Fenster. Paare unterhalten sich oder legen die Arme umeinander, ältere Herren rauchen eine Zigarette und streicheln ihren Hund, Jugendliche lachen über Dinge, von denen ich nichts ahne, aber ich höre ihnen gerne zu. Kinder hüpfen auf den schon etwas abgewetzten Polstern auf und ab, ich kann das leichte Quietschen bis nach oben hören. Es stört mich ein bisschen. Einmal, als noch niemand etwas von dem Sofa wusste, saß ich einen ganzen Nachmittag darauf. Ich glaube, es war auch ein Sonntag und wie so ziemlich jeden Sonntag war ich leicht benebelt, musste aber unbedingt hinaus. Eigentlich wollte ich auch einen Spaziergang durch das Viertel und darüber hinaus machen, weiter und weiter und weiter gehen bis ich mich nicht mehr auskannte. Mich fragen, wieso ich diese Gasse entlang gelaufen war und nicht jene, an den Rosen riechen, die Heimat vermissen. Doch ich war zu müde, die Gedanken zu leicht; sie schwebten in meinem Kopf herum und ich bekam sie nicht zu fassen. Sie waren vielleicht auch gar nicht wirklich da. Jedenfalls setzte ich mich auf das grüne Sofa, versank in den Polstern wie schon viele, unendlich viele Menschen vor mir, ich fühlte mich ein wenig wie ein Schatten, aber nicht auf negative Weise. Einer von vielen und das ist okay. Deine gesammelten Briefe hatte ich dabei, du schriebst an Max und an deinen Vater, an Milena, an deine Schwester. Wenn ich dich lese, Kafka, ist es immer sehr eigenartig. Ich weiß, es wird schmerzen, und doch will ich diesen Schmerz spüren, will erfahren, wie es dir ging in diesen Tagen, in denen du kaum die Kraft zu haben schienst, auch nur den Stift zu heben, den Kopf voller Beton. Und doch die richtigen Worte fandest, Worte wie stumpfe, sich an sich selbst schärfende Messer. Deine Schwäche ist dann auch die meine, deine Zweifel die meinen, deine Angst lässt mich frieren, obwohl es eine warmer Nachmittag ist. Ich befinde mich nicht mehr auf dem grünen Sofa, ich sitze bei dir in deinem Büro und kann fast spüren, wie der Wind hereinweht und du schnell aufstehst, um das Fenster zu schließen. Du hast diese besondere Art zu leiden, diese logische Paranoia, diese wunderbare Art, zu beschreiben wie schwer es ist, einfach nur hindurchzukommen durch dieses Leben. An manchen Stellen habe ich immer Tränen in den Augen. Ganz deutlich sehe ich deine Gedanken vor mir. Lieber Kafka, wir werden niemals zusammen auf dem grünen Sofa sitzen. Und doch haben wir genau das so oft getan. Ich wollte manchmal, du wärst nicht so intensiv, ja aggressiv in meinem Kopf, denn du lässt mich nie so einfach los. Wie ein Taucher muss ich mich erst orientieren, feststellen dass dort wo ich bin, keine Luft mehr ist zum Atmen und versuchen, wieder an die Oberfläche zu kommen. Ich frage mich, was passiert, wenn ich einmal zu tief tauche.


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