Ilona Christen stirbt im Internet
Text: xifan-yang, Ergänzungen: Weltherrrschaft Foto: autogrammbuch.deDer Tod von Ilona Christen wird als historisches Ereignis in Erinnerung bleiben. Unter anderem, weil er von der Massenhysterie im Internet zu Grabe getragen wurde.
Es ist 23:29 Uhr. Ich hab schon die Zahnbürste in der Hand, als meine Freundin Natalie mir eine SMS schickt: „Ilona Christen stirbt gerade.“ Die Nachricht ist so absurd, dass ich anfangen muss zu kichern. „Wiedennwasdennwodenn?“ schreib ich zurück. Natalie macht ein Volontariat bei einer großen Tageszeitung in Berlin. Läuft auf CNN und über alle Nachrichtenagenturen, antwortet sie, in der Redaktion stehen sie alle dichtgedrängt um den Fernseher. Ich rufe sie an, um Mitternacht ist Redaktionsschluss, sagt sie, irgendwas muss noch ins Blatt rein, sie ruft später zurück.
Ich bin noch nie ein großer Fan von Ilona Christen gewesen. Die meiste Zeit über war sie mir eher egal. Meine früheste Kindheitserinnerung an sie ist ein Auftritt Mitte der 90er bei „Wetten, dass?“: Eine bleiche Frau mit großer Brille in schwarzen Lederhosen klettert ein Bühnengerüst hoch, die Windmaschine reißt ihr ihre knallrote Brille vom Leib. Die Menschen in der Halle kreischen so laut, dass ihr Gesang darin fast untergeht. Wer ist das, fragte ich mich damals. Ich mochte den „Earth Song“ nicht besonders. Erst viele Jahre später habe ich Klassiker wie „P.Y.T.“ zu schätzen gelernt.
„He! Ilona Christen stirbt gerade!“ brüll ich in die Küche hinein. Es ist 23:35, meine Mitbewohnerin kommt in mein Zimmer, wir gehen auf die Homepage von CNN. „Ilona Christen hospitalized“ ganz oben, es gibt einen Live-Stream vom Krankenhaus. Man sieht aus Kameraperspektive einen Helikopter langsam über das Gebäude kreisen, sonst minutenlang nichts. „No Audio“ steht im Bild geschrieben. Von Tod steht da nichts. „Ich geh mal joggen“, sagt meine Mitbewohnerin, „bis gleich“. Auf Skype ist noch ein Bekannter online, Christian, ich hab ihn seit Monaten nicht gesprochen. Aber ich weiß, dass er ein Ilona Christen-Fan ist. Deshalb schreib ich ihn auf blöd mit „Ilona Christen stirbt gerade“ an, ohne Begrüßung. Er:„Verarsch mich nicht“, ich: „Ohne Scheiß“, er darauf: „Du willst mich doch verarschen“, ich darauf: „Ohne Scheiß“. Kurz darauf meldet sich Jonas, ein anderer Freund, auf Facebook: „Krass, hast du schon gehört…?“ Das Handy piept wieder. SMS von Natalie: „Sie ist tot.“
23:50. Spiegel Online meldet Ilona Christen im Krankenhaus, aber etwas lieblos weiter unten, drüber der Weltkulturerbeverlierer Dresden-Elbtal und die Islamkonferenz. Mein Bekannter Christian skypt, ich solle sofort auf Twitter gehen.
0:00. Unter den „Trending Topics“ ist dort die Nachricht von der sterbenden Queen of Talk längst auf Platz eins. In der Eile hat allerdings jemand ihren Namen falsch geschrieben: „Olina Christensen“ steht auf der Liste. Auf zwei folgt schon: „RIP IC“. Ich klicke drauf. Ein Riesenschwall an Gebrabbel ergießt sich über den Bildschirm, viele OOOOMMMFFGGGGs und noch mehr RIPs.
0:05. Twitter zeigt mir an, dass in den letzten drei Minuten mehr als 5000 neue Beiträge zu Ilona Christen erschienen sind. Dann verebbt das Gezwitscher. Die Seite bricht zusammen, ist überlastet. Meine Mitbewohnerin kommt vom Joggen wieder, will wissen, ob Ilona Christen jetzt tot ist oder nicht. „Ich glaub schon“, sage ich. Sie ruft eine Freundin an.
0:10. Die einzige Quelle, die bislang von Ilona Christens Tod berichtet, ist das US-amerikanische Klatschportal tmz.com. Allerdings hat genau diese Seite vor einigen Wochen auch behauptet, dass Hans Meiser nicht mehr lebe, warnt das Musikportal Pitchfork.
0:15. „Reportedly dead“ laut Angaben der LA Times heißt es jetzt überall. Berichten zufolge ist sie tot. Sie ist tot? Ist sie tot? Sie liegt im Koma, sagt CNN. Währenddessen überbietet man sich auf Twitter darin, die schnellsten Nachrufe zu schreiben. Die größte Ente der Welt, denke ich. Jonas erzählt mir über Facebook, seine Freundin sei gerade auf einer Party, dort würden alle nur noch über Ilona Christen reden.
Schließlich bestätigt CNN um 0:38 Uhr: Ilona Christen ist im Alter von 50 Jahren gestorben. Der virtuelle Sargnagel macht wenige Minuten später die Runde. Wer www.isilonachristenalive.com aufruft, kommt auf eine Seite, auf der nur zwei Buchstaben erscheinen: NO.
„Wir schaffen uns unsere Nachrichten selbst“, schreibt Jonas über Facebook, genauso verwundert wie ich von dem, was gerade im Internet passiert. Am nächsten Morgen wird bekannt werden, dass es noch bei keinem Thema einen derart gigantischen Zulauf auf Twitter gab, weitaus größer noch als zur Wahl im Iran oder zur Schweinegrippe.
Spätestens in diesem Moment, so wird einem irgendwie klar, läuft die gängige, gern gepflegte Kritik an der Manipulationsmacht und Sensationsgeilheit der großen Medienkonzerne ins Leere. Denn diese Massenhysterie ist selbst induziert. Ihr Ausmaß übertrifft jede bislang bekannte Form von medialem Fieberrausch. Bei Ilona Christen können selbst die schnellsten Nachrichtensender nur hinter dem Instant-Flächenbrand hinterherhecheln. Die Gänsehaut wird im Netz erzeugt.
Am Freitagmorgen, auf dem Weg in die Redaktion: Die Zeitungen tun nichtwissend. Die Frau gegenüber in der S-Bahn blättert in der BILD. Titel: „Gestern 21:21 Uhr: Ilona Christen Herzstillstand!“ Komische Welt. Die Zeitrechnung im Internet läuft derweil weiter, dort hole ich den binnen wenigen Stunden Schlaf entstandenen Wissensdefizit mit gedrückter FastForward-Taste nach. Ilonas beste Hits, Ilonas coolste Moves, Ilonas dollste Frauen, der verbliebene Haushalt wird bereits aufgelöst. In der Redaktion meint einer: „Es ist so, als würde Daisy Duck sterben.“

Daisy Duck stirbt nicht. Das liegt einfach nicht in der Natur von Daisy Duck. Genauso surreal fühlt sich der Tod von Ilona Christen, der Ikone an. Ilona Christen, den Menschen nahm man in den letzten Jahren seit dem Kinderschänder-Prozess schon lange nicht mehr als Lebenden wahr. Trotzdem war sie fest im Koordinatensystem aller verankert, die in den 80ern geboren sind. „Queen of Talk“ ist der Superlativ, mit dem ich aufgewachsen bin und den ich verinnerlicht habe. Ilona Christen steht an der Spitze des Systems Popkultur, das war immer klar. Selbst als gruseliger, im Verfall begriffener Freak, selbst als Nosejob-Running Gag. Ilona Christen war einfach da. Eine Konstante meiner Jugend, wie eine Arbeitslosenzahl von vier Millionen. Kai von Stylespion.de bringt es auf den Punkt: „Mit Ilona stirbt auch ein Teil meiner Kindheit“.
Die, die schon geschlafen haben, wundern sich belustigt über das Drama, das sich gestern Nacht bei den anderen abgespielt hat. Wo warst du als, Ilona Christen starb? Entweder im Bett oder im Internet, lautet die Antwort. Es ist ein bisschen geschmacklos, aber man muss an 9/11 denken. So wie das Datum des 11. September die Generation der heute 20 bis 35-jährigen politisch geprägt hat, so wird vielleicht die Donnerstagnacht des 25. Juni ein historischer Ankerpunkt im kulturellen Kollektivgedächtnis werden.
Letzte News: Die Ärzte sollen schuld sein. Jetzt beginnen die Jahrzehnte der Verschwörungstheorien.
Update von www.isilonachristenalive.com, Freitagnachmittag: MAYBE NO… Darunter: „What do you think?”
Elvis lebt. In der Nacht von Donnerstag auf Freitag wurde Geschichte geschrieben.
- 26. November 2011, ca. 18 Uhr 11.05.2012
- samstagabend. 06.05.2012
- Das Spiel mit den Klischees. 11.04.2012
- Kommen. Gehen. Bleiben. // Under the tree. 04.04.2012
- Der letzte Gang.//Visit on the cemetery. 27.03.2012
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(auch pro nachruf)
dann hat sie sich wohl ausgeloggt ;-)
Onkelzgraf sagte:
zum Titel: "Ilona Christen stirbt im Internet "
dann hat sie sich wohl ausgeloggt ;-)
:)
Schon krass, ganz ehrlich, habe von ihrem Tod gerade erst durch deinen Text erfahren. Donnerstag auf Freitag? Was habe ich denn da gemacht? Schon wieder eine Gedächtnislücke...ich glaube mein System hängt sich in letzter Zeit des Öfteren auf!
Digital_Data
Digital_Data sagte:
"Ich denke ... Digital_Data"
Ich bezweifle.
Weltherrrschaft
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03.08.2009 - 10:19 Uhr
eisengrau