Der Bachelor lässt mich sterben - Kein Text über ein anstrengendes Studium.
Erst war ich nur traurig. Inzwischen bin ich sauer. Ich bin tagsüber wütend und abends verzweifelt, weil ich begreifen musste und begriffen habe, dass Bachelor und Master für mich mehr sein werden als ein Bildungssystem. Die Worte Bachelor und Master werden – zumindest für die kommenden Jahre – ein Symbol für meine zerplatzten Träume sein. Und Katalysator. Für die Wut, die seit Jahren die wichtigste Frage meines Lebens begleitet – „Warum hört uns niemand zu?“ Ich habe Abitur gemacht, um studieren zu können. Um zu lernen, was mich interessiert. „Um das machen zu können, was dich interessiert, musst du auch mal etwas lernen, was dich vielleicht nicht so interessiert“, haben alle gesagt. Mit 18 war ich zu naiv, um zu verstehen, dass eine gute Abiturnote nicht ausreichen würde für einen Studienplatz. Was zum Sommersemester 2005 mit einer einfachen Einschreibung möglich war, schien zum Wintersemester 2005/2006 aufgrund hoher Studienanfänger-Zahlen wie ein hoffnungsloses Unterfangen. Eine Absage nach der anderen landete im Briefkasten meiner Eltern. Wir gewöhnten uns daran, spannen Ersatzpläne, Auslandsjahr mit Sprachkurs, jobben, die ganze Familie war bemüht, das Ziel zu erreichen: Wartesemester sammeln, damit die Tochter studieren gehen kann. Plötzlich kamen dann doch die Bescheide, Nachrückverfahren, häufig mit einem Anruf verziert „Aber Sie möchten vermutlich ohnehin nicht mehr kommen, die Vorlesungszeit hat ja bereits vor einer Woche begonnen.“ Aber natürlich wollte ich kommen und ich ging. Ich landete im Bachelor- und Mastersystem. Im Nachhinein war es chaotisch, gelernt habe ich viel. Über das Erwachsenwerden, über die Bürokratie und über 16 unterschiedliche Bildungsabschlüsse in der Bundesrepublik Deutschland, die alle unverschämterweise den gleichen Namen tragen: Abitur. 12 Stunden am Tag auf dem Campus waren keine Ausnahme. Zwischen den Vorlesungen und Seminaren immer wieder in die Bibliothek. Schon gern, manchmal weniger gerner, und zwar um das zu lernen, was mir schwer fiel. „Um das machen zu können, was dich interessiert, musst du auch mal etwas lernen, was dich vielleicht nicht so interessiert“, habe ich mir gesagt. Mein Ziel: Ein Master. Parallel zum Studium begann ich eine Ausbildung, eine sehr begehrte Ausbildung, die in meinem groben Lebensplan eigentlich erst nach dem Studium ihren Platz finden sollte. Die Chance meines Lebens. Das Wort „Geschenk“ blinkt jedes mal in großen Lettern vor meinen Augen, wenn ich am Sinn dieser Ausbildung zweifle. In den Semesterferien arbeite ich diese Ausbildung ab, besuche Seminare, mache hier und da ein Praktikum, das mich interessiert. Heute bin ich 23 Jahre alt. Ich habe mein Bachelorstudium in fünf Fachsemestern mit 1,9 abgeschlossen. Ich habe zwei Auslandssemester in Helsinki studiert. Mit meiner Bachelorarbeit habe ich Pionierarbeit geleistet, schreibt mein Dozent. Ich mache parallel zum Studium und jetzt darüber hinaus ein Volontariat. Ich habe mich für das Wintersemester 2009/2010 an der FU Berlin für einen Master beworben und wurde abgelehnt. Ich wollte das machen, was mich interessiert, nachdem ich 17 Jahren lang gelernt habe, was mich nicht so interessiert. Natürlich hätte ich mich auch an anderen Universitäten bewerben können. Natürlich kann ich mich auch zum Wintersemester 2010/2011 noch einmal bewerben. Auch an anderen Unis. Doch dann bin ich 24. Es wird nicht mehr Studienplätze geben. Ein weiterer Schwung Bachelors möchte völlig unerwartet einen Master machen. Und die, die dieses Jahr, so wie ich, keinen Platz bekommen haben, werden sich wieder bewerben. Auch an anderen Unis. Wenn sie nicht aufgegeben und sich dem System gefügt haben, so wie ich. Ich folge dem Rat eines Kollegen. Ich mache meine Ausbildung fertig und suche mir einen Job. Als Bachelor, der sich fühlt, als habe er gerade erst gelernt, zu lernen. Und ich frage mich: Warum hört uns niemand zu? Bachelor und Master ist kein System. Es belastet mich, es belastet andere. Es belastet Familien. Das Warten macht mürbe, die Absagen machen kaputt. Wozu Abitur, wenn man mich nach drei Jahren aus meinem Studium hinaus wirft? Wozu die vergangen vier Jahre? Ich hätte mehr lernen müssen? In welcher Welt leben wir, wenn ein Zwischenprüfungsschnitt von 1,9 nicht zum Hauptstudium berechtigt? Eine Berechnung zum Schluss: Eine kleine bayerische Universität mit knapp unter 8000 Studenten lässt zu seinem Bachelor im Fach A 140 Studienanfänger zu. Die FU Berlin mit knapp 30000 Studenten schickt Zulassungsbescheide für ihren Master im Fach A an 70 von insgesamt 340 Bewerbern.Alle Kommentare anzeigen
Viel schlimmer als das System Hochschule sind die Leute die sie besuchen. Mich haben die "Studis" immer davon abgehalten ein Studium an einer Hochschule zu beginnen. Die Universität scheint ja der Hort zu sein, in dem sich alle treffen, die später mal durch ihr Studium in der Lage sind entweder den Planeten oder ihre Mitmenschen auszubeuten. Oder es sind eben diese, mit denen im Kindergarten schon keiner gespielt hat und vor denen man am liebsten weglaufen würde wenn man sie kommen sieht. Man braucht nur mal im Linienbus an einer Uni vorbeifahren. Schon steigen nur Leute ein die sich nur um sich selbst kümmern und unbedingt ihren Sitzplatz wollen, auch wenn er anderen eher zustehen würde. Es gibt natürlich unter den Studenten auch Ausnahmen. Aber die bestätigen auch nur die Regel und verlassen im Allgemeinen ohne Abschluss die Hochschule, weil sie es nicht ertragen können mit lauter Knalltüten die beste Zeit ihres Lebens zu verbringen.
Was ist denn Stand der Dinge bei dir?
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20.02.2010 - 18:08 Uhr
FroilainX