Gelöbnis vs. Gelöbnix
Am Donnerstagnachmittag wurden auf dem Münchener Marienplatz junge Bundeswehrrekruten vereidigt - und alte Feindbilder gepflegt.
Es sind die nicht die linken Demonstranten, deren Farben auffallen. Es sind die Mützen der Soldaten in Blau, Rot, Hellrot und Schwarz. Und es sind die Uniformen der Polizei: Hellgrün, Dunkelgrün und Schwarz. 1300 Polizisten haben sich am Donnerstagnachmittag auf dem Münchner Marienplatz versammelt, um ein paar Rekruten vor ein paar Demonstranten zu schützen. Mit Gittern ist der Platz weiträumig abgesperrt, seit dem Morgen sieht man nichts als Polizeiwagen, in denen Beamte aus dem ganzen Freistaat nach München gebracht wurden. Rundherum sammeln sich Passanten – vor allem Rentner und Schüler -, um dem Gelöbnis beizuwohnen.
Um 13.45 Uhr trappeln die Gleichschritte der Soldaten auf dem Asphalt, eine Ausbilderin schreit die jungen Männern mit einem Satz an, der nach „Links, zwo, drei, vier“ klingt. Jemand pfeift. Uli, 21, von der Roten Hilfe sagt: „Viele von uns haben sie nicht hereingelassen. Bloß, weil sie Trillerpfeifen haben.“ Links, rechts und vor dem schmalen Punk mit Iro stehen große Männer in schwarzen Uniformen und Schlagstöcken. Hinter ihm tragen sechs Zivilpolizisten einen schreienden Demonstranten davon. Ab und zu fliegt ein Stapel kleiner, neongrüner Zettel in die Luft. Auf ihnen steht „Gelöbnix“ und andere antimilitaristische Parolen. Ein älterer Herr schreit immer wieder den Satz „Bundeswehr raus aus Afghanistan“ über den Platz.
Seit Gründung der Bundeswehr, seit 54 Jahren also, gibt es Gelöbnisse. Die Zeremonie dient dazu, Wehrdienstleistende auf die Bundesrepublik zu vereidigen. Die Soldaten sprechen den Satz: „Ich gelobe, der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen.“ Bis 1980 fanden solche Veranstaltungen ausschließlich innerhalb von Kasernen statt. Als am 6. Mai 1980 im Bremer Weserstadion zum ersten Mal Wehrdienstleistende öffentlich vereidigt wurden, kam es zu gewaltsamen Ausschreitungen, bei den 260 Personen verletzt wurden; es kam außerdem zu einem Sachschaden von über 1.000.000 DM.
Das letzte öffentliche Gelöbnis in München fand vor neun Jahren statt. Viele Politiker, darunter auch Horst Seehofer und Münchens Oberbürgermeister Christian Ude verteidigten die Veranstaltung, da es die Bundeswehr in der Gesellschaft verankere. Wahrscheinlich ist genau dies gerade notwendig: Auch in Deutschland wird zunehmend klar, dass die Afghanistan-Strategie des Westens gescheitert ist und dass der „Friedenseinsatz“ der Bundeswehr letztlich ein Euphemismus für Krieg ist. Ein Bündnis aus 25 linken und pazifistischen Münchner Gruppen hat zu Protesten aufgerufen, eine Gegendemonstration wurde nicht genehmigt.
Samuel, 33, klatscht genau in dem Moment, als das Gegröle der Demonstranten wieder anschwillt. Er findet das öffentliche Gelöbnis gut: „Wir müssen uns nicht mehr verstecken. Bei der WM 2006 hat sich ein neues Gefühl in Deutschland breit gemacht, wir haben wieder Verantwortung in der Welt und dazu sollten wir auch stehen. Von mir aus sollen sie dagegen demonstrieren, das ist ihr gutes Recht. Aber während der Nationalhymne zu pfeifen, ist respektlos.“
Nach einer Stunde ist die Veranstaltung vorüber. Ein Mann bezeichnet die vielen kleinen Zettel am Boden als „Schweinerei“. Während die Polizeibeamten und Feldjäger bereits dabei sind, die Sperrgitter zu entfernen, verteilt ein junger Mann mit Seitenscheitel immer noch Zettel. Auch darauf steht: „Raus aus Afghanistan“. Wendet man das Flugblatt, liest man „Verteidigt die Ehre unserer Soldaten“. Der junge Mann heißt Philipp Hasselbach und „Bürgerinitiative Ausländerstopp“, eine der NPD nahe stehenden Gruppierung.
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30.07.2009 - 22:53 Uhr
Crushed_on_You
und warum sollte man bei der hymne nicht pfeifen? dachte zu nem liedchen kann man immer pfeifen? mir bedeutet die hymne rein gar nichts... na gut, denken andere anders drüber...
philipp-mattheis sagte:
Lieber Herr Purcell,
Internetrecherche kann man es auch nennen. [...]
Vielen Dank für die Antwort. Ich habe viel Verständnis für den Job und wollte eigentlich tatsächlich nur wissen, ob es ein Zufall war (auch, weil genau für diese Fakten bei Wikipedia eben keine Quellen angegeben sind - hätte ja sein können, daß Du eben solche genutzt hast, bei denen dann wiederum der Wiki-Autor geklaut hätte, ohne es anzugeben). Reines Interesse.
Ich will auch nicht weiter über den konkreten Fall diskutieren (oder daß man sich generelle Informationen ja eigentlich als Vorbereitung, nicht als Nachbereitung beschaffen könnte) ... ich finde es ja fast sympathisch ehrlich, wenn Du Deine Paraphrasierung aus Wikipedia - was, wie Du selber sagst, zum Usus mancher Kollegen gehören mag - kaum kaschierst ... ;-)
Purcell sagte:
philipp-mattheis sagte:
Lieber Herr Purcell,
Internetrecherche kann man es auch nennen. [...]
Vielen Dank für die Antwort. Ich habe viel Verständnis für den Job und wollte eigentlich tatsächlich nur wissen, ob es ein Zufall war (auch, weil genau für diese Fakten bei Wikipedia eben keine Quellen angegeben sind - hätte ja sein können, daß Du eben solche genutzt hast, bei denen dann wiederum der Wiki-Autor geklaut hätte, ohne es anzugeben). Reines Interesse.
Ich will auch nicht weiter über den konkreten Fall diskutieren (oder daß man sich generelle Informationen ja eigentlich als Vorbereitung, nicht als Nachbereitung beschaffen könnte) ... ich finde es ja fast sympathisch ehrlich, wenn Du Deine Paraphrasierung aus Wikipedia - was, wie Du selber sagst, zum Usus mancher Kollegen gehören mag - kaum kaschierst ... ;-)
Hi,
danke für deine Antwort. Prinzipiell würde ich sagen, ja es ist Usus und ja, es ist ein Problem. Aber nur dann, solange solche Quellen unreflektiert übernommen werden. Über die Qualität von Wikipedia und anderen - genauso auch von Print-Lexika wie Brockhaus - könnte man lange diskutieren. Ich persönliche sehe darin weniger Probleme als manche - meist ältere - Kollegen. Schließlich gewährleistet ein Print-Produkt, blow weil es gedruckt ist, nicht, dass darin nichts falsches steht.
@ silanea: Es ist bei journalistischen Artikeln schlicht und einfach nicht Usus, Quellenangaben zu machen. Diese Praxis kann man kritisieren. Manche Medien wie zum Beispiel Le Monde Diplomatique handhaben das anders, aber dann musst du halt auch mit einer ganzen Menge Fußnoten vorlieb nehmen. Im Gegensatz zu wissenschaftlichen Arbeiten wird die korrekte Wiedergabe von Informationen schlicht vorausgesetzt. Und ganz ehrlich: Ein solcher Text ist weder eine wissenschafttliche Arbeit, noch werde ich dafür den Kisch-Preis gewinnen. Jetzt auch noch mit Quellenangaben daher zu kommen - auch wenn das prinzipiell eine berechtigte Forderung ist - würde einfach dem Format nicht gerecht werden.
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3
30.07.2009 - 22:51 Uhr
Crushed_on_You
Und das auch noch in der Öffentlichkeit! Früher hätt's das nicht gegeben!