58 58 Kommentare | 0 keine Lesenswertpunkte | Ortstermin |

Macht

| 30.07.2009 18:30  

Gelöbnis vs. Gelöbnix

Text: philipp-mattheis  Bild: rtr
Am Donnerstagnachmittag wurden auf dem Münchener Marienplatz junge Bundeswehrrekruten vereidigt - und alte Feindbilder gepflegt.
Es sind die nicht die linken Demonstranten, deren Farben auffallen. Es sind die Mützen der Soldaten in Blau, Rot, Hellrot und Schwarz. Und es sind die Uniformen der Polizei: Hellgrün, Dunkelgrün und Schwarz. 1300 Polizisten haben sich am Donnerstagnachmittag auf dem Münchner Marienplatz versammelt, um ein paar Rekruten vor ein paar Demonstranten zu schützen. Mit Gittern ist der Platz weiträumig abgesperrt, seit dem Morgen sieht man nichts als Polizeiwagen, in denen Beamte aus dem ganzen Freistaat nach München gebracht wurden. Rundherum sammeln sich Passanten – vor allem Rentner und Schüler -, um dem Gelöbnis beizuwohnen.





Um 13.45 Uhr trappeln die Gleichschritte der Soldaten auf dem Asphalt, eine Ausbilderin schreit die jungen Männern mit einem Satz an, der nach „Links, zwo, drei, vier“ klingt. Jemand pfeift. Uli, 21, von der Roten Hilfe sagt: „Viele von uns haben sie nicht hereingelassen. Bloß, weil sie Trillerpfeifen haben.“ Links, rechts und vor dem schmalen Punk mit Iro stehen große Männer in schwarzen Uniformen und Schlagstöcken. Hinter ihm tragen sechs Zivilpolizisten einen schreienden Demonstranten davon. Ab und zu fliegt ein Stapel kleiner, neongrüner Zettel in die Luft. Auf ihnen steht „Gelöbnix“ und andere antimilitaristische Parolen. Ein älterer Herr schreit immer wieder den Satz „Bundeswehr raus aus Afghanistan“ über den Platz.

Seit Gründung der Bundeswehr, seit 54 Jahren also, gibt es Gelöbnisse. Die Zeremonie dient dazu, Wehrdienstleistende auf die Bundesrepublik zu vereidigen. Die Soldaten sprechen den Satz: „Ich gelobe, der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen.“ Bis 1980 fanden solche Veranstaltungen ausschließlich innerhalb von Kasernen statt. Als am 6. Mai 1980 im Bremer Weserstadion zum ersten Mal Wehrdienstleistende öffentlich vereidigt wurden, kam es zu gewaltsamen Ausschreitungen, bei den 260 Personen verletzt wurden; es kam außerdem zu einem Sachschaden von über 1.000.000 DM.
Das letzte öffentliche Gelöbnis in München fand vor neun Jahren statt. Viele Politiker, darunter auch Horst Seehofer und Münchens Oberbürgermeister Christian Ude verteidigten die Veranstaltung, da es die Bundeswehr in der Gesellschaft verankere. Wahrscheinlich ist genau dies gerade notwendig: Auch in Deutschland wird zunehmend klar, dass die Afghanistan-Strategie des Westens gescheitert ist und dass der „Friedenseinsatz“ der Bundeswehr letztlich ein Euphemismus für Krieg ist. Ein Bündnis aus 25 linken und pazifistischen Münchner Gruppen hat zu Protesten aufgerufen, eine Gegendemonstration wurde nicht genehmigt.

Samuel, 33, klatscht genau in dem Moment, als das Gegröle der Demonstranten wieder anschwillt. Er findet das öffentliche Gelöbnis gut: „Wir müssen uns nicht mehr verstecken. Bei der WM 2006 hat sich ein neues Gefühl in Deutschland breit gemacht, wir haben wieder Verantwortung in der Welt und dazu sollten wir auch stehen. Von mir aus sollen sie dagegen demonstrieren, das ist ihr gutes Recht. Aber während der Nationalhymne zu pfeifen, ist respektlos.“

Nach einer Stunde ist die Veranstaltung vorüber. Ein Mann bezeichnet die vielen kleinen Zettel am Boden als „Schweinerei“. Während die Polizeibeamten und Feldjäger bereits dabei sind, die Sperrgitter zu entfernen, verteilt ein junger Mann mit Seitenscheitel immer noch Zettel. Auch darauf steht: „Raus aus Afghanistan“. Wendet man das Flugblatt, liest man „Verteidigt die Ehre unserer Soldaten“. Der junge Mann heißt Philipp Hasselbach und „Bürgerinitiative Ausländerstopp“, eine der NPD nahe stehenden Gruppierung.


Mehr Texte von jetzt.de liest Du jeden Montag in der Süddeutschen Zeitung - außerdem dienstags im Lokalteil der SZ. Teste Deutschlands große Tageszeitung jetzt zwei Wochen kostenlos und unverbindlich: hier klicken!
Textoptionen
Mehr Texte Mehr Texte von philipp-mattheis
Alle Texte Alle Texte zum Label Ortstermin
-----
Lesenswert Diesem Text einen Lesenswertpunkt geben
Abonnieren Abonnieren: Kommentare oder Texte von philipp-mattheis
-----
Netiquette Netiquette Melden Diesen Text melden
-----
Kommentare
Kommentar schreiben:


+ -
Kommentar >> speichern
Alle Kommentare anzeigen
jacke_wie_hose 30.07.2009 | 19:17
schlimm, dass die elf leute mit grasflecken auf'm trikot mehr anerkennung bekommen als die, die für unser land täglich sand fressen.

noch schlimmer, dass die mit echtem nationalbewusstsein nicht an die richtige positionen kommen.

Beides zeigt wie stark die deutsche Identität kulturell
bereits unterwandert ist.

-27

Du hast schon abgestimmt Du hast schon abgestimmt Den Kommentar möchte ich melden


taylorthelatteboy 30.07.2009 | 19:18
Und der Preis für den gruseligsten Kommentar des Tages geht an...

3

Du hast schon abgestimmt Du hast schon abgestimmt Den Kommentar möchte ich melden


Purcell 30.07.2009 | 19:37
Ist das hier Zufall, Herr Mattheis?

Artikel: "Bis 1980 fanden solche Veranstaltungen ausschließlich innerhalb von Kasernen statt. Als am 6. Mai 1980 im Bremer Weserstadion zum ersten Mal Wehrdienstleistende öffentlich vereidigt wurden, kam es zu gewaltsamen Ausschreitungen, bei den 260 Personen verletzt wurden; es kam außerdem zu einem Sachschaden von über 1.000.000 DM."

Wiki: "1980 wurde zum ersten Mal nach Kriegsende ein öffentliches Gelöbnis außerhalb des Kasernenbereiches durchgeführt. Bei gewalttätigen Ausschreitungen wurden am 6. Mai 1980 am Weserstadion in Bremen 260 Personen verletzt und viele Dienstfahrzeuge gingen in Flammen auf. Die Sachschäden wurden mit 1.000.000 DM beziffert."

6

Du hast schon abgestimmt Du hast schon abgestimmt Den Kommentar möchte ich melden


vigezzo 30.07.2009 | 19:42
Wer jetzt auf eine Diskussion über Patriotismus einsteigt hat nichts verstanden über Internet und Politik.

0

Du hast schon abgestimmt Du hast schon abgestimmt Den Kommentar möchte ich melden


gynt 30.07.2009 | 19:48
dass ne größere gruppen demonstranten, die sprechchöre á la "raus aus afghanistan geschrien' haben eingekesselt wurden udn dann recht ruppig rausgeschmissen wurden fehlt in dem text....

0

Du hast schon abgestimmt Du hast schon abgestimmt Den Kommentar möchte ich melden


gynt 30.07.2009 | 19:50
aber schön, dass schon was da ist....
iwer müsste auch ca eine millionen fotos haben als die netten herren in der uniform angefangen haben harmlose jugendliche udn studenten rauszuschmeißen....

0

Du hast schon abgestimmt Du hast schon abgestimmt Den Kommentar möchte ich melden


philipp-mattheis 30.07.2009 | 20:21
Purcell sagte:
Ist das hier Zufall, Herr Mattheis?

Artikel: "Bis 1980 fanden solche Veranstaltungen ausschließlich innerhalb von Kasernen statt. Als am 6. Mai 1980 im Bremer Weserstadion zum ersten Mal Wehrdienstleistende öffentlich vereidigt wurden, kam es zu gewaltsamen Ausschreitungen, bei den 260 Personen verletzt wurden; es kam außerdem zu einem Sachschaden von über 1.000.000 DM."

Wiki: "1980 wurde zum ersten Mal nach Kriegsende ein öffentliches Gelöbnis außerhalb des Kasernenbereiches durchgeführt. Bei gewalttätigen Ausschreitungen wurden am 6. Mai 1980 am Weserstadion in Bremen 260 Personen verletzt und viele Dienstfahrzeuge gingen in Flammen auf. Die Sachschäden wurden mit 1.000.000 DM beziffert."



Lieber Herr Purcell,
Internetrecherche kann man es auch nennen. Ich bin mir über die Probleme die eine Recherche bei Wikipedia mit sich bringt durchaus bewusst. Solange die Informationen - wie in diesem Fall - belegt sind, sehe ich bei einer Übernahme in Form einer Paraphrasierung aber keine Probleme. Natürlich wäre es noch toller, diese Informationen direkt und exklusiv zu recherchieren. Nur, wenn das Ereignis um ca. 15.30 Uhr zu Ende ist und danach maximal zwei Stunden Zeit bleiben, einen Text zu schreiben, ist das leider sehr unrealistisch. Falls in deinem Posting ein versteckter Vorwurf enthalten sein sollte, dann müsstest du auch bereit sein, ein größeres FAss aufzumachen: Dann geht es um Geld, um zusätzliche Stellen, um den Wunsch des Lesers nach Aktualität und um Arbeitsbedingungen von Journalisten. Ich will darüber nicht jammern, aber so ist es nunmal - in keiner tagesaktuellen Produktion wird das anders gehandhabt. Und - wie gesagt - solange die Informationen eines Wikipedia-Artikel ausreichend belegt sind, sehe ich da auch keine Probleme.

Gruß

MorbusBahlsen 30.07.2009 | 20:47
Freie Meinungsäußerung = Stören anderer Veranstaltungen?

1

Du hast schon abgestimmt Du hast schon abgestimmt Den Kommentar möchte ich melden


Ashur 30.07.2009 | 20:52
Die Ausschreitungen in Bremen sind im Roman "Neue Vahr Süd" vom Herrn Regener sehr amüsant dargelegt.

1

Du hast schon abgestimmt Du hast schon abgestimmt Den Kommentar möchte ich melden


alces 30.07.2009 | 22:29
MorbusBahlsen sagte:
Freie Meinungsäußerung = Stören anderer Veranstaltungen?


Außer, Du störst eine Antiglobalisierungsentglasung - das ist dann "Faschismus".

-4

Du hast schon abgestimmt Du hast schon abgestimmt Den Kommentar möchte ich melden



zurück
erste Seite (inaktiv) einen Block zurück (inaktiv)
1 2 3 4 5 6
einen Block weiter (inaktiv) letzte Seite
weiter


Kommentar schreiben:


+ -
Kommentar >> speichern
Alle Kommentare anzeigen
ist jetzt-Mitarbeiter und hat diesen Beitrag verfasst.


-----
-----
-----
Beiträge von philipp-mattheis zu den Labels:
woche (1)
11Freunde (1)
Banana-Pancake (8)
Bildervergleich (27)
DieseWoche (4)
Diese_Woche (1)
Ding_der_Woche (1)
FallFuerZwei (1)
IndenSchuhenvon (2)
Interview (32)
jetzt-classics (1)
jetztgedruckt (59)
jetztticker (58)
Jungsfrage (5)
Magazinschau (1)
MeineTheorie (9)
Ortstermin (3)
Rätselgalerie (1)
Redaktionsblog (65)
Sexkritik (1)
Stilogramm (3)
SZ-Magazin (13)
Tag_in_Bildern (1)
Textmarker (6)
ToDo-Liste (4)
VideoderWoche (14)
Wahl2009 (2)
Weckruf (2)
Wortschatztruhe (1)
WTF!? (1)

 
RSS Newsfeed
-----