24.07.2009 - 18:30 Uhr

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"Ich habe mittlerweile Angst vor der Polizei"

Text: philipp-mattheis - Foto: ddp

Malte März war am 4. Juli auf dem Hamburger Schanzenfest. Beinahe hätte er sein rechtes Auge verloren.

Am Samstag, den 4. Juli, fand in Hamburg das Schanzenfest statt. Das Datum ist dafür bekannt, dass es dort immer wieder zu Ausschreitungen kommt und sich Autonome mit der Polizei heftige Straßenschlachten liefern. Das Fest aber begann dieses Mal zunächst friedlich. Gegen 19 Uhr tauchten Einsatzgruppen der Polizei auf, um "Präsenz zu zeigen, bevor es zu Ausschreitungen kommt", wie ein Polizeibeamter sagte. In den darauf folgenden Stunden eskalierte das Schanzenfest. Insgesamt waren 1800 Beamte im Einsatz, 67 vermeintliche Randalierer wurden festgenommen. Die Einsatzkräfte gingen mit Wasserwerfen und Schlagstöcken gegen Vermummte vor, die wiederum brennende Barrikaden errichteten und die Polizisten mit Flaschen und Feuerwerkskörpern bewarfen. Später wurde die Polizei wegen ihres harten Vorgehens kritisiert. Malte Lärz, 24, studiert Umweltwissenschaften und verlor in dieser Nacht fast sein rechtes Auge.
Malte, du hast am 4. Juli fast dein Auge verloren. Was ist da passiert? Ich war den ganzen Tag über auf dem Schanzenfest. Gegen 22 Uhr ging es mit der Eskalation des Schanzenfestes durch die Polizei vor der Roten Flora los und dann wurde mir die Situation schon zu gefährlich. Es war unübersichtlich und Polizei und unterschiedlichste Besuchergruppen gingen immer heftiger aufeinander los. Ich habe dann für mich entschlossen, das Schulterblatt Richtung Pferdemarkt zu verlassen und war auf der Suche nach einer ruhigen Ecke. Was ist dann genau passiert?< Ich stand vor einem Geschäft in einer kleinen Menge. Ohne Vorwarnung schoss ein Wasserwerfer mir direkt ins Gesicht. Ich bin sogar der Meinung, dass derjenige direkt auf mein rechtes Auge gezielt hat und drei bis fünf Sekunden darauf gehalten hatte. An das, was danach folgte, habe ich nur noch blasse Erinnerungen. Erst nach zwei, drei Minuten kam ich wieder zu Bewusstsein. Es kam Blut und Eiter aus dem Auge. Die rechte Gesichtshälfte war komplett zugeschwollen. Gab es irgendeine Warnung seitens der Polizei? Nein, gar nichts. Ich würde ja noch eher damit klarkommen, wenn ich in irgendeiner Form der Polizei einen Anlass für solch ein Vorgehen gegeben hätte. Aber es gab nichts dergleichen, ich wollte nur friedlich auf diesem Straßenfest feiern. Der ist an mir vorbeigefahren, hat geschossen und ist weitergefahren. Wie ging es weiter? Ein paar Leute haben zum Glück einen Krankenwagen verständigt. So gegen 23.30 Uhr war ich dann im Krankenhaus Hamburg-Altona, dort waren schon weitere fünf Personen mit Augenverletzungen. Einige davon waren deutlich schlimmer zugerichtet als ich. Einer hatte ein offenes Lid, Resultat einer Schlagstockverletzung. Was waren das für Leute dort im Krankenhaus? Typische Besucher des Schnazenfestes: Von Autonomen bis zum normalen Jugendlichen war alles dabei. Einer war auch in Begleitung der Polizei dort. Nach einer Stunde kam ich dann zu einer Ärztin. Das Krankenhauspersonal war nicht auf die Situation vorbereitet, niemand von der Polizei hat sie verständigt. In einem anderen Krankenhaus musste sogar die Notaufnahme wegen Überfüllung geschlossen werden. Die Prognose war ziemlich schlimm, sie sagte: Seien Sie froh, wenn sie noch 30 bis 50 Prozent sehen können. Und jetzt? Das hat sich zum Glück nicht bewahrheitet. So wie es aussieht, werde ich keine bleibenden Schäden davon tragen. Momentan leide ich noch an einer Pupillenstarre, aber das wird wohl vorbeigehen. Wahrscheinlich ist das aber nur eine Lähmung des Pupillenreflexes durch die Härte des Wasserstrahls. Wie willst du jetzt weiter vorgehen? Erstattest du Anzeige? Das ist eine gute Frage und ich bin mir nicht sicher. Ich habe Zeugen, die alles gesehen haben. Einer hat sogar ein Video von dem Vorfall gemacht. Die Frage ist: Was passiert, wenn ich Anzeige gegen die Polizei erstatte? Fälle aus der Vergangenheit zeigen, dass die Polizei sofort Gegenanzeige wegen "Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte" erstatten wird und die Erfolgsquote in Verfahren gegen Polizeibeamte sehr gering ist. Ich habe plötzlich Angst, in einen Repressionsapparat einer sich seit Ronald Schill verselbstständigenden und willkürlich agierenden Hamburger Polizei hineinzurutschen. Ich weiß auch nicht, ob ich Lust und Kraft habe, jetzt zwei, drei Jahre einen Rechtsstreit durchzustehen. Andererseits muss ja etwas geschehen. So wie die Polizei eigentlich die Pflicht hat, gegen Gewalttäter auf dem Schanzenfest vorzugehen, sollten Besucher des Schanzenfestes auch ihre Bürgerpflicht wahrnehmen und gegen Gewalttäter in Reihen der Polizei vorgehen. Mir kam es vor, als wollte man Menschen durch willkürliche Gewaltanwendung Angst machen, von wegen: Ihr wollt auf ein unangemeldetes Straßenfest gehen? Das nächste Mal werdet ihr euch das zwei Mal überlegen. Warst du denn vor der Sache politisch aktiv? Ja, ich bin mit der Anti-AKW-Bewegung groß geworden und seitdem ich 15 bin Mitglied in der SPD und habe unterschiedlichste Ämter und Funktionen ausgeübt. Vor einem Jahr war ich noch AStA-Sprecher der Universität Lüneburg. Zudem gehe ich oft auf Demonstrationen. Aber ich lehne Gewalt komplett ab. Hattest du seitdem mit der Polizei Kontakt? Ich war auf einer kleinen Demo in Lüneburg gegen die Gentrifizierung eines Stadtteils. In einer Nacht bin ich zufällig in eine Personalienkontrolle geraten. Es war unangenehm, ich hatte sofort schwitzige Hände bekommen. Ich muss sagen, ich habe mittlerweile Angst vor der Polizei.


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schraege
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Mag ich Mag ich nicht

1

24.07.2009 - 18:46 Uhr
schraege

ich werde lauter rote daumen bekommen, aber ich glaube, bis auf die paar idioten unter den polizisten, die es in jeder personengruppe gibt, hat der rest null bock stundenlang auf irgendwelchen demos zu stehen, sich dumm anlabern zu lassen und am besten noch zu sehen wie irgendwelche kollegen ohne ersichtlichen grund (sowas solls ja geben!) zusammengeschlagen werden.
was ihm (malte) passiert ist, darf nicht sein, aber pauschalisieren tun wir ja alle gerne.

bluemerant
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Mag ich Mag ich nicht

0

24.07.2009 - 19:26 Uhr
bluemerant

eiter kommt doch nicht nach drei bis fünf minuten aus einer wunde.
sondern nur aus schon länger bestehenden wunden, entzündungen.
ist ein arzt anwesend?

air_kaviar
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Mag ich Mag ich nicht

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24.07.2009 - 19:54 Uhr
air_kaviar

armes schwein. immerhin haben sie ihn nicht erschossen oder beklaut haben...

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24.07.2009 - 19:55 Uhr
air_kaviar

da haben mir die links doch glatt die grammatik zerschossen.

Beru
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Mag ich Mag ich nicht

0

24.07.2009 - 20:17 Uhr
Beru

wie kann man mit einem wasserwerfer auf ein bestimmtes auge zielen, vor allem wenn noch leute drum rum stehen? und wie kann man sein auge dem mehrere sekunden aussetzen ohne nach hinten geschleudert zu werden? war das ne wasserpistole?

air_kaviar sagte:
armes schwein. immerhin haben sie ihn nicht erschossen oder beklaut haben...

echt hey, scheiss bullenschweine. alle zu viel killerspiele gezockt!

Emil_Empire
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6

24.07.2009 - 22:05 Uhr
Emil_Empire

Polizisten müssten in Seminaren eigentlich immer wieder daran erinnert werden, dass im Prinzip jeder dafür anfällig ist, ihm verliehene Macht mit der Zeit übermäßig auszunutzen. Es muss ihnen klar gemacht werden, dass sie dadurch selbst zu Straftätern werden.

Selbst, wenn das Gros der Polizisten das beherzigen mag -
in jeder Einsatzgruppe dürften die prügelwütigen Kollegen bekannt sein. Aber wenn´s hart auf hart kommt, deckt man sich im Zweifel oder hat eben grad nichts gesehen...Oder die Gewaltfreunde treffen aufeinander - so munkelt man von der Wies´n-Wacht auf dem Oktoberfest, dass der Knüppel dort ganz besonders locker sitzt...

Ioana
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Mag ich Mag ich nicht

0

24.07.2009 - 22:16 Uhr
Ioana

bluemerant sagte:
eiter kommt doch nicht nach drei bis fünf minuten aus einer wunde.
sondern nur aus schon länger bestehenden wunden, entzündungen.
ist ein arzt anwesend?


finde ich auch seltsam. eiter entsteht doch erst durch bakterien- oder leukozytenansammlung. find ich komisch die ganze geschichte. deswegen ist eine subjektive meinung sicher fehl am platz.

kallisto
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Mag ich Mag ich nicht

6

24.07.2009 - 23:20 Uhr
kallisto

Ich bin selber mal unbeteiligt in einen Schanzenfest-Aufruhr geraten. Kann ich uneingeschränkt all den Rechtsaußens und Zynikern hier empfehlen, die anhand von Nebenschauplätzen wie "Eiter/Nicht-Eiter" die Glaubürdigkeit des Interviewten anprangern wollen. Macht nämlich total Spaß, zu sehen, wie Menschen durch die Gegend gespült würden und man selber nicht nach Hause kann, weil das ganze Viertel abgeriegelt ist.

Mein persönlicher Eindruck war und ist, dass für das Schanzenfest u.ä. immer wieder junge Polizisten aus der ganzen Republik angekarrt werden, um mal ein bisschen zu "üben".

TheHatter
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Mag ich Mag ich nicht

5

24.07.2009 - 23:41 Uhr
TheHatter

Er hat nirgends behauptet, dass schon nach 2-3 Minuten Eiter rauskam. Nur, dass er nach dieser Zeit wieder zu Bewusstsein gekommen ist. War wohl etwas missverständlich formuliert.

Jemand, der auch schon mal von einem Wasserwerfer mitten im Gesicht getroffen wurde, kann sich ja gern mal an einem präziseren Protokoll der Minuten danach versuchen...;-)

Ioana
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Mag ich Mag ich nicht

0

25.07.2009 - 09:35 Uhr
Ioana

kallisto sagte:
Ich bin selber mal unbeteiligt in einen Schanzenfest-Aufruhr geraten. Kann ich uneingeschränkt all den Rechtsaußens und Zynikern hier empfehlen, die anhand von Nebenschauplätzen wie "Eiter/Nicht-Eiter" die Glaubürdigkeit des Interviewten anprangern wollen. Macht nämlich total Spaß, zu sehen, wie Menschen durch die Gegend gespült würden und man selber nicht nach Hause kann, weil das ganze Viertel abgeriegelt ist.



niemand hat die glaubwürdigkeit des interviewten angezweifelt. es war nur ein seltsames nebendetail. und ich finde es etwas einseitig allein ein interview mit einem betroffenen hineinzustellen. ein größerer bericht über das schanzenfest und seine vorkommnisse wäre wesentlich aufschlussreicher gewesen. ein kommentar a la: ooh, armer junge, böse polizei wäre auch nicht aufschlussreicher gewesen. aber aufgrund der subjektivität des artikels wäre das ja die einzig zulässige reaktion gewesen.

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philipp-mattheis

ist jetzt-Mitarbeiter und hat diesen Beitrag verfasst.