Egotrip: Nicolas hat keine Lust mehr und haut ab
„Den ganzen Tag hänge ich auf Facebook rum, in der Hoffnung, dass irgendwas passiert.“ Das war die Situation, in der sich Nicolas Clasen entschied auszusteigen.
Schluss mit Berlin, den durchfeierten Nächten, dem Agentur-Job, der seit der Finanzkrise sowieso nichts mehr einbringt. Seit elf Wochen ist der 34-Jährige mit einem VW-Bus auf Reisen, auf egotrip.fm berichtet er davon. Ein Gespräch über die Leiden der narkotisierten Kinder des KonsumsWo hast Du gestern Nacht geschlafen?
Ich bin gerade in Lissabon, wo ich mir für die letzten zwei Wochen ein kleines Zimmer gemietet habe. Heute Abend fahre ich nach Santa Cruz, einem kleinen Ort an der portugiesischen Atlantikküste, ca. 100 Kilometer von Lissabon entfernt. Dort findet ein Surf- und Musikfestival statt, das „Santa Cruz Ocean Spirit“, wo ich die nächsten zwei Wochen im Bus schlafe.

Ein Bild der Freiheit: Nicolas auf seinem Bus (Foto: egotrip.fm)
Den Bus hast du dir vor elf Wochen gekauft, als du dein altes Leben gegen den Egotrip getauscht hast. Was hast du damals alles verkauft?
Alles überflüssige Zeug wie Klamotten, Playstation, Heimkino, Möbel. Von machen Dingen hab ich mich schwerer getrennt wie von meinem Auto und einer Uhr, die ich zum Abitur bekommen habe. Gerade die Sachen zu verkaufen, an denen ich emotional hing, hat mich aber auch am meisten befreit.
Wie haben deine Freunde reagiert?
Unterschiedlich. „Was soll die Scheiße eigentlich?“ oder „Warum filmst du nicht mal Deinen Pimmel und stellst ihn ins Internet?“ waren Kommentare, die meisten haben mir aber Mut gemacht, einige würden selbst gern so einen Trip machen. Anschneidend ist ihr Leidensdruck aber noch nicht groß genug.
Was hat deinen Leidensdruck gesteigert? Oder anders: Was hat Dich in Deinem alten Leben gelangweilt?
Mir haben Inhalte gefehlt und eine Aufgabe, mit der ich mich identifizieren kann. In meinem Job ging es immer nur um den „schnöden Mammon“. Als ich 1998 das erste Mal gearbeitet habe, habe ich bei Alando angefangen, einem Internetauktionshaus, das dann von eBay gekauft wurde. Das Gründerteam um die Samwer Brüder hatte eine tolle Atmosphäre geschaffen, es war alles sehr locker, kaum Hierarchien, jeder konnte sich auf seine Visitenkarten schreiben, was er wollte. Das hatte einen subversiven Charakter, obwohl wir uns im Zentrum des kapitalistischen Hurrikans befanden.
Dann haben die Jungs den Laden an eBay verkauft, ein ehemaliger Boston Consulting Group Unternehmensberater übernahm das Steuer und es war vorbei mit der Romantik. Die Gründer hatten das Biotop trocken gelegt und ihren Profit gemacht, so wie es von Anfang an geplant war. Obwohl es absolut verständlich war, fühlte ich mich irgendwie verraten und verkauft. 2006 habe ich mich dann mit einer kleinen Agentur für die Vermarktung von Internetseiten selbstständig gemacht.
Meinst Du, dass Deine Unzufriedenheit mit dem Leben typisch für unsere Generation ist?
Wir werden ja oft als die Generation ohne Feindbild beschrieben, quasi die narkotisierten Kinder des Konsums. Wir wollen unsere Ruhe, bringt doch alles nichts. Am Wochenende in den Club, wenn’s weh tut mal ein Snickers zwischendurch, und bald kommt ja auch schon wieder das neue iPhone raus. Gleichzeitig gibt es glaub ich aber eine Stimmung des hintergründigen Zweifelns und verschiedene Formen, wie dieses Zweifeln sichtbar wird, wie etwa Attac, die Bewegungen zum Grundeinkommen oder auch alternative Biotope wie die Bar 25 in Berlin und deren Kampf gegen die Media-Spree. Hans Weingartner hat das in seinem Film „Die fetten Jahre sind vorbei“ angerissen, nur leider fehlt auch ihm der gemeinsame Nenner, auf den sich unsere Genreration zusammen fassen lässt. Ich glaube nicht, dass wir gegen Bonzen, den Polizeistaat oder die Infiltration des Fernsehens kämpfen müssen und auch eine Verbrüderung mit den 68er hilft uns nicht weiter.
Früher sind die Leute nach Indien gefahren, um zu sich selbst zu finden. Ist also das, was Du machst, nicht sehr normal für Menschen in unserem Alter?
Zumindest gibt es kein gemeinsames Ziel, wie in den 70ern. Sicher ist das eine Frage des Alters, der Selbstfindung, die in jeder Generation stattfindet. Nur wohin fahren wir denn? Sind die Großraumdiskos von Ibiza die Selbstfindungstempel unserer Generation? Oder per Backpack durch Vietnam? Und was ist die gemeinsame Losung für den Trip?
Klingt nach einer vorgezogenen Midlife-Crisis?
Vielleicht eher eine nicht ausgelebte Pubertätsphantasie.
Hältst Du Dich selbst für einen Spießer?
Absolut.
Im zweiten Teil des Gesprächs: Warum Nicolas seine Reise im Web ausstellt und wie weit er noch gehen will.
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