Krieg der Welten in Berlin: Die Auseinandersetzungen in Friedrichshain
Im Berliner Bezirk Friedrichshain kämpfen die Anwohner gegen Rechts, aber auch gegeneinander
Samstagabend in Berlin-Friedrichshain. Eine gewaltige Menschenmasse schiebt sich durch die Boxhagener Straße, der Lautsprecherwagen spielt Musik gegen Rechts, über die Köpfe ragen Transparente mit Sprüchen wie „Vielfalt statt Einfalt“, „Kein Pardon fürs Jeton“.Das „Jeton“ ist eine Diskothek auf der Frankfurter Allee, der Hauptverkehrsader des Viertels und es besteht in Friedrichshain ein gesteigertes Interesse daran, es so bald wie möglich schließen zu lassen. Vorvergangenes Wochenende haben vier Neonazis hier erst die Nacht durchgefeiert und dann am frühen Sonntagmorgen einen 22-jährigen Neuköllner ins Koma geprügelt. „Der Bordsteinkick von Friedrichshain“ – darüber sind sich in Berlin alle einig – ist eine neue Stufe der Eskalation rechtsextremer Gewalt in der Stadt. Nachdem sie Jonas K., das Opfer und ein aktives Mitglied der linken Szene bewusstlos geprügelt hatten, versuchten die Täter, ihn mit dem Gesicht auf den Bordstein zu lehnen und durch einen Sprung auf den Kopf zu töten. So, wie das die Hauptfigur in dem Anti-Nazi-Film „American History X“ auch tut, so wie vor vier Jahren im brandenburgischen Potzlow ein 17-Jähriger ermordet wurde. Jonas K. hat schwer verletzt überlebt.
[plugin bildergalerie Bild1="Bilder von der Demonstration vom Samstag, an der sich laut Polizei rund 1300 vorwiegend jugendliche Demonstraten beteiligten (Foto: dpa)" Bild2="Der Ort des Ärgers: die Friedrichshainer Diskothek Jeton, die als beliebter Treffpunkt von Rechten gilt. (Foto: ddp)" Bild3="Am späten Dienstagabend haben rund 60 Jugendliche nach Angaben der Polizei die Diskothek Jeton in der Frankfurter Allee in Friedrichshain mit Steinen attackiert. Dabei wurde eine Scheibe eingeworfen (Foto: ddp)" Bild4="Demonstration gegen das Projekt Mediaspree (Foto: ddp)" Bild5="Anwohner protestieren gegen gegen die Eröffnung eines Ladens mit Kleidungsstücken der Modemarke Thor Steinar (Foto: ddp)"]
Der genaue Hergang ist nach wie vor nicht klar, aber Berlin ist beunruhigt. „Einer von denen war angeblich so im Blutrausch, dass er noch auf ihn eingetreten hat, als die Polizei schon da war“, erzählt ein Demonstrant, andere tauschen Anekdoten aus, von Freunden und Nachbarn, die am selben Bahnhof auch schon von Rechten bedroht oder verprügelt wurden. Friedrichshain führt seit drei Jahren die Statistik rechter Gewalt in der Stadt an. „Es ist schon seit Jahren klar, dass man zum Beispiel ins Jeton nicht geht“, sagt Sebastian Lorenz, Sprecher der Antifa Berlin. Die Rechten treffen sich dort zum Trinken, und gehen am Bersarinplatz shoppen: vor einigen Monaten eröffnete dort ein Laden für das Klamottenlabel Thor Steinar, gegen den die Anwohner bisher mit mäßigem Erfolg vorgehen. Es ist die ultimative Provokation – sich in einem Stadtteil auszubreiten, der von Punkrock, Multikulti, Queerkultur und Hedonismus definiert ist. „Wir gehen davon aus, dass die Neonazis bewusst ins Viertel kommen, weil denen die Vielfalt hier nicht passt,“ sagt Sebastian. Die Antifa versteht gerade den letzten Vorfall als deutliche Kampfansage – und hat nicht gezögert, zurück zu schießen. Zwei Tage nach dem Überfall zog eine große Gruppe offenbar linksautonomer Aktivisten nachts vor das Jeton und ließ dort eine Fensterscheibe zu Bruch gehen. „Da ist eben ein Unmut zum Ausdruck gekommen, der sich schon lange angestaut hat“, erklärt Sebastian halbentschuldigend. Die Antifa hat auf Indymedia ein Pamphlet veröffentlicht, das über den üblichen Demonstrationsaufruf hinausgeht. „Wir wollen wir den Nazis im Viertel ein offensives „Fickt euch!“ entgegen schreien", stand da, "gleichzeitig aber auch klarstellen, dass „die Friedrichshainer Szene“ endlich mal klar kommen soll, dass sie merken muss, das ihr Heititeiti-Szene-Biotop nicht die wunderbare Welt ist, für das sie es so gern halten“. Angesprochen davon fühlte sich offenbar vor allem die Hedonistische Internationale. Eine ihrer Sektionen postete sehr schnell eine Antwort und wies darauf hin, dass es ja wohl alles andere als hilfreich sei, Mitstreiter auf eine so rüde Art zu verprellen. Sebastian erzählt, der Text sei im Alleingang von einigen Mitstreitern verfasst worden. „In Friedrichshain gibt es einerseits diese alternative Kultur, es verkehren hier aber auch immer Menschen, die wirklich Geld haben und hier leben wollen, weil sie sich dieser Kultur irgendwie zu gehörig fühlen“, sagt er. „Natürlich setzen wir uns auch für deren Freiheit ein. Aber ich kann schon verstehen, dass man sich nicht gern für eine Kultur verprügeln lässt, die nicht politisch ist, aber in Wirklichkeit genauso betroffen. Denn die passen den Rechten ja genauso wenig, wie die Punks oder die Migranten.“
Es ist die Situation, die Stadtsoziologen als Gentrifikation bezeichnen und der in Berlin einen Ostbezirk nach dem anderen mitnimmt. Und sie sorgt dafür, dass in Friedrichshain noch ganz andere Barrikaden aufgezogen werden, als zwischen Anwohnern und rechtsradikalen Eindringlingen. Immer wieder brennen dort Autos, letztes Jahr wurden einige Kinderwägen angezündet. An manchen Häusern hängen Transparente, die „Yuppies raus!“ fordern. „Erst kommen die Hausbesetzer, dann kommen die Studenten und die Künstler. Dann kommen Familien, Geld, es wird saniert und dann können es sich immer weniger Leute leisten dort zu leben“, sagt „Monty Cantsin“ von der Hedonistischen Internationalen. Dieser lose Zusammenschluss von Menschen setzt sich mit satirischen und partyorientierten Aktionen gegen alles ein, was, so könnte man es fast sagen, ihnen gerade schlechte Laune macht: Nudistische Tanzeinlagen gegen Nazikneipen, Partyparaden gegen das gigantische Neubauprojekt Media-Spree, Sabotageaktionen wie das Tito von Hardenberg gegen schlampige Medien. Die Hedonistische Internationale ist gerade in Berlin ziemlich aktiv, hat aber kein Programm, keine Hierarchie, keine Satzung. „Unser Dreh- und Angelpunkt ist sicher die Freiheit“, sagt Monty, der allerdings am überzeugendsten ist, wenn er mit schwäbischem Einschlag gegen die Institutionalisierung („ich will mich gar nicht ständig wegen der Sache mit Leuten treffen“) und Parteien an sich („es gibt nichts Schlimmeres“) wettert. Obwohl er auch gegen Gentrifizierung protestiert, glaubt er nicht, dass sich in der Hinsicht viel aurichten lässt: „Man braucht da letztlich eine Politik der Mietpreisdeckelung.“ Das ist natürlich vielen Antifa-Leuten zu wenig. Sie sehen die Hedonisten eher in einer Ecke mit den Hipstern, die am Boxhagener Platz abhängen, schwäbische Bäckereien und Designerläden betreiben und ihnen scheinbar ihr linksalternatives Viertel kaputt zu machen drohen.
„Ich finde es schwierig, jemanden zu kritisieren, der innerhalb eines kapitalistischen Systems versucht, klar zu kommen“, sagt Elli Woltemade. Sie arbeitet und wohnt in der Bar 25, einem der beliebtesten Clubs der Stadt nahe der Oberbaumbrücke an der Spree und ist Mit-Initatorin des Anti-Gentrifizierungs-Bündnisses „Megaspree“, an dem sich sowohl die großen Clubs an der Spree als auch diverse linkradikale Gruppen und auch die Grünen beteiligen. Sie sagt: „Friedrichshain ist ein Ort, an dem viele Kämpfe ausgetragen werden.“ Elli war unglücklich über den Aufruf der Antifa: „Es wäre einfach gut, wenn die Antifa in der Bar25 anruft, wenn sie ein Problem haben, statt das auf Indymedia zu veröffentlichen.“ Aber auch: „Man muss eben den kleinsten gemeinsamen Nenner finden. Natürlich gibt es Widersprüche, wenn das Watergate und die Gruppe Soziale Kämpfe zusammen arbeiten.“ Deswegen will sie bei einer großen Diskussionsveranstaltung alle Fraktionen zusammen bringen. „Die Leute sollen sich das ins Gesicht sagen, und dann machen wir weiter.“ Auch Hedonist Monty meint: „Gerade gegen die Rechten ist es verdammt wichtig, den langen Atem zu haben.“ Und für Antifa-Sprecher Sebastian will sich nicht ablenken lassen: „Das größere Problem sind die Nazis.“ Immerhin da sind sich in Friedrichhain alle einig.
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Ich möchte mal einen Aspekt einbringen, den ich hier jetzt noch nicht gelesen habe - wenn sozial schlechter gestellte Gruppen vertrieben werden, dann wird auch z.b. das Problem mit den Schulen verstärkt - Schulen mit vorwiegend reichen Kindern bieten (leider) einfach mehr Chancen, schon jetzt ziehen ja Familien allein wegen der Schulen um und verstärken damit nur das Problem, dass eben an den anderen Schulen nur sozial schwächere Kinder sind, die eben weniger Chancen haben. Gemischte Schulen nutzen letztendlich allen mehr - wenn man denn mal etwas längerfristig denkt.
Ausserdem mochte ich mal für die sprechen, die tatsächlich mehr Geld haben und zugezogen sind - ich selbst kann mich z.zt. glücklich schätzen, dass ich genug verdiene, um mir relativ wenig Sorgen um morgen machen zu müssen. Ich bin zugezogen, aber jetzt schon seit 12 Jahren.
Ich wohne im Fhain, weil es bunt ist und ich möchte gerne, dass das so bleibt. Ich bin eben nicht jemand, der einen teuren Schlitten vor der Tür stehen hat. Ich könnte mir wohl auch eine Wohnung leisten, die etwas teurer ist, aber ich hab hier alles, was ich brauche.
Ich möchte weiterhin in die Kneipen gehn, die für alle bezahlbar sind, und zwar, weil nicht alle meine Freunde sich teurere leisten können, und nicht zuletzt, weil ich auch nicht sicher sein kann, dass es mir ewig gut geht. Und weil teurere Kneipen meist eh nicht so nett sind :)
Ich hab aber, wie leider anscheinend ein paar "der linken", nichts gegen Bioläden z.b., da diese nicht überteuert sind, sondern das Geld eben draufgeht für die teurere Produktion. Deswegen finde ich das wahllose Scheiben einwerfen auch nicht gut. Bio einkaufen ist leider zwar (noch) Luxus, aber sollte es nicht sein.
Wenn man nach dem Argument "ist teuer und muss deswegen aus dem Kiez weg" geht, dann könnte man auch z.b. Läden wie den Darkstore verjagen. Die Klamotten sind teilweise auch ziemlich teuer. Ist aber halt meist hochwertige Produktion und nicht made in taiwan.
Warum also habt ihr nix gegen den Laden? Weil er "irgendwie ja links ist"?
Ich würde mir für zukünftigen Protest wünschen, dass man nicht wahllos alles verteufelt, was "teuer" ist. Auch weil das ja nicht automatisch andere Läden vertreibt. Ich glaube, dass man mit der richtigen Stadtplanung, indem man Mieten z.b. deckelt, eine gemischte Bevölkerung erhalten kann.
Wenn jemand ein Haus energietechnisch saniert - gut, das hat auch seinen Sinn, und meinetwegen kann man sich von den Mietern dafür auch mehr Geld reinholen - aber bitte nur soviel, wie diese an Heizkosten sparen. Der Rest muss z.b. durch billige Kredite gefördert werden -> die Politik ist gefragt.
23.07.2009 - 20:40 Uhr
risikofaktor
risikofaktor sagte:
Ich möchte mal einen Aspekt einbringen, den ich hier jetzt noch nicht gelesen habe
ups, da sind ja noch 20 mehr Seiten. Ich hab eben nur die ersten 10 anklicken können. Also vielleicht ist das Argument doch schon gefallen, man möge mir verzeihen :)
23.07.2009 - 21:47 Uhr
risikofaktor
wer 500€ monatlich miete zahlen kann, kann auch 500€ kreditrate zahlen.
falsch. Eine Eigentumswohnung ist ja nicht kostenlos. Da hast du schnell mal 200-300€ Hausgeld zu zahlen bzw. Instandhaltungskosten etc. So einfach ist die Rechnung also nicht.
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22.07.2009 - 15:37 Uhr
kikuju