Sing, Bono, sing...was anderes
Kontra BonoVon Christine Brinck
Die Ökonomin und Bankerin hat einen Bestseller gegen Entwicklungshilfe geschrieben. Sie attackiert Rockstars, die sich zu Sprechern Afrikas aufschwingen
Lange Haare, Pony, sehr schmales Kleid, kniebedeckt, nackte Arme, sehr hohe Absätze: die zierliche, elegante Dambisa Moyo segelt ins Foyer des Carlton Tower in London. Die Frau fällt auf. Und entschuldigt sich artig für ihre kleine Verspätung. Kurz zuvor hat sie erfahren, dass sie von Time zu einem der einhundert einflussreichsten Menschen der Welt gekürt worden ist, seither steht ihr Telefon nicht mehr still. Im Februar kam ihr Buch in London auf den Markt, kurz darauf erschien es in Amerika, und keine acht Wochen später ist sie unter den Top 100 des US-Nachrichtenmagazins. Ihr Spitzname könnte Turbo-Moyo sein.
Dambisa Moyo, die eine astreine akademische Laufbahn und eine ebenso beeindruckende Karriere als Bankerin hingelegt hat, ist überdies ein Young Global Leader. Das sind die vom World Economic Forum als Hoffnungsträger unter 40 Jahren ernannten Männer und Frauen. Movers and shakers, wie man im Englischen sagt, Menschen, die etwas bewegen und aufmischen.
Das tut die inzwischen 40-jährige Sambierin reichlich. In ihrem Buch Dead Aid vertritt sie die These, dass der Grund allen Übels in Afrika die Entwicklungshilfe ist. Kaum war es erschienen, da fielen die selbst ernannten Afrika-Kenner aus der internationalen Bruder- und Schwesternschaft der Helfer über sie her und beklagten künftige Malariatote als mögliche Folge ihrer Ideen.
Dambisa Moyo, eine Babymörderin? Nun, wie es oft ist, hatten die Ankläger das Buch gar nicht oder nur flüchtig gelesen. Sonst hätten sie gewusst, dass Moyo darin sehr genau dargelegt hat, was sie unter Hilfe versteht – und was sie daran stört.
»Würde sich die Regierung der USA von Amy Winehouse beraten lassen?«
»Grob gesprochen gibt es drei Typen von Hilfe«, sagt sie. »Humanitäre Hilfe, die bei Katastrophen wie dem Tsunami von 2004 in Asien oder dem Zyklon von 2008 in Myanmar anläuft. Dann gibt es karitative Hilfe, die von karitativen Organisationen an Institutionen oder Personen im jeweiligen Land verteilt wird. Und schließlich gibt es systematische Hilfe – das sind die direkten Zahlungen, die von Regierung zu Regierung, also bilateral, oder durch Institutionen wie die Weltbank, also multilateral, geleistet werden.«
Während die Ökonomin das Verdienstvolle an der humanitären und karitativen Hilfe durchaus anerkennt, so hält sie sich doch nicht mit Kritik an ihr zurück. Sie werde oft schlecht gemanagt, habe hohe Verwaltungskosten und häufig keinerlei lokalen Bezug. So hatte etwa World Vision neun Monate nach dem Tsunami erst ein Viertel der 100 Millionen Dollar, die gesammelt worden waren, ausgegeben. »Was auch immer die Gründe dafür sind: Bürokratie, institutionelle Ineffizienz oder das Fehlen passender Partnerorganisationen am Ort?« Moyo zuckt die Schultern.
Ihr missfällt, dass »sich in westlichen Köpfen die irrtümliche Idee festgesetzt hat, dass Hilfe, in welcher Form auch immer, eine gute Sache ist«. Als Beispiel nennt sie einen afrikanischen Moskitonetzhersteller, der infolge gut gemeinter Hilfe seine kleine Manufaktur zumachen muss und 150 Menschen um ein Auskommen bringt, weil an jedem der zehn Mitarbeiter, typisch für Afrika, die Versorgung von zehn bis fünfzehn Menschen hängt. Sind die vom Ausland gestifteten Netze irgendwann hin, gibt es keinen Nachschub – die lokale Fabrik existiert dann ja nicht mehr.
»Außerdem«, sagte Moyo, und da spricht aus ihr die erfahrene Bankerin, »sind Katastrophenhilfe und karitative Hilfe kleine Fische verglichen mit den Milliarden, die jedes Jahr direkt an die Regierungen armer Länder transferiert werden.« Vor allem mit dieser systematischen Hilfe beschäftigt sich Moyo in ihrem Buch.
Was die in Afrika aufgewachsene Ökonomin umtreibt, sind die schlimmen Folgen des Gutgemeinten. 50 Jahre nach der Befreiung und nach mehr als zwei Billionen Dollar Entwicklungshilfe steht Afrika schlechter da als je zuvor. Warum, fragt Moyo, quälen sich die Subsaharaländer in einem nimmer enden wollenden Kreislauf von Korruption, Krankheiten, Armut und Abhängigkeit? Gerade wegen all der Hilfe! »Hilfe war und ist weiterhin und durch und durch ein politisches, ökonomisches und humanitäres Desaster für die meisten Entwicklungsländer.«
Starker Tobak. Dabei ist Moyo nicht die Erste, die das anprangert. Der britische Ökonom Peter Bauer, dem sie ihr Buch gewidmet hat, hat schon in den sechziger Jahren die riesigen Transfers als Fehler bezeichnet. William Easterley und Paul Collier (ihr Lehrer in Harvard und Oxford) ebenso wie der afrikanische Ökonom James Shikwati oder der peruanische Ökonom Hernando de Soto plädieren für ein Ende der Hilfe, weil sie Korruption fördere und Eigeninitiative verhindere.
Dambisa Moyo allerdings ist die erste afrikanische Frau, die das Thema kundig und kompromisslos angeht. Insofern stellt sie, die bis vor Kurzem bei Goldman Sachs als Global Economist and Strategist gearbeitet hat, für das Publikum eine willkommene Abwechslung dar. Bisher wurde die öffentliche Debatte der Probleme Afrikas wie selbstverständlich von weißen, nichtafrikanischen Männern bestimmt, ob sie nun Ökonomen wie Jeffrey Sachs waren, ein Befürworter von Hilfe und Kritiker von Moyo, oder weiße Rockstars wie Bono oder Bob Geldof.
Dambisa Moyo erinnert sich an ihren Auftritt beim World Economic Forum, wo sie als einzige schwarzafrikanische Frau zwischen vielen weißen Herren saß, die die Debatte über die wirtschaftlichen Probleme Afrikas an sich gerissen hatten. »Es gibt viele intelligente afrikanische Führer, die auf die globale Bühne gehören, viele reden dort aber nicht. Es gibt afrikanische Politiker, die Verantwortung tragen für die Formulierung und Ausführung von Politik«, sagt sie und klagt: »In endlosen Schlangen stehen die Menschen in Afrika in der Sonne und wählen Präsidenten, die effektiv machtlos sind, weil sich statt ihrer die Geber oder Repräsentanten der sogenannten glamour aid zu Sprechern für einen ganzen Kontinent gemacht haben.« Tony Blair nannte einst Bob Geldof den Mann, den er am meisten bewundert. Und Bono wird zu G8 und anderen Gipfeln eingeladen.
Moyo findet das absurd. »Wie würden die Engländer sich fühlen, wenn Michael Jackson ihnen erzählen würde, wie sie ihre Wohnungsmarktkrise managen sollen?«, fragt sie. »Wie die amerikanische Regierung, wenn Amy Winehouse anfangen würde, ihr zu erklären, wie man der Kreditklemme entkommt, und die Leute ihr auch noch zuhörten? Sie wären zutiefst verstört. Zu Recht.«
Moyo provoziert mit ihrem Ruf nach einem Ende der Hilfe, auch um Aufmerksamkeit für ihre Lösungsvorschläge zu heischen. Der erste Teil ihres Arguments ist, dass Hilfe zu leichtes Geld ist. Wenn Regierungen sich dagegen auf dem Kapitalmarkt eindecken müssten, so wären sie gegenüber den Kreditgebern verantwortlich. Und wenn sie zur Finanzierung Steuern erheben würde, dann müssten sie gegenüber ihren Wählern Rechenschaft ablegen. »Hilfe ist wie Öl«, sagt Moyos Lehrer Paul Collier, »sie erlaubt mächtigen Eliten, öffentliche Einnahmen zu veruntreuen.«
»Kennen Sie irgendjemand, der Mitleid mit den Chinesen hat? Niemand!«
Moyo nennt vier Alternativen zur Finanzierung der afrikanischen Volkswirtschaften, von denen keine die lästigen Nebeneffekte von Entwicklungshilfe haben. Erstens: Afrikanische Regierungen sollten dem Beispiel der aufstrebenden asiatischen Länder folgen und sich den internationalen Markt für Anleihen erschließen. Zweitens sollten sie die chinesische Politik der milliardenschweren direkten Investitionen in Infrastruktur befördern. Drittens sollten die Regierungen für ehrlichen freien Handel auf dem Agrarsektor kämpfen, die Subventionen in den USA, der EU und Japan müssten gestrichen werden. Jede Kuh in der EU werde ja heute mit mehr Geld subventioniert, als viele Afrikaner pro Tag ausgeben könnten. Viertens müsse es finanzielle Zwischenlösungen geben, insbesondere Kleinkredit-Institute, wie sie in Asien und Lateinamerika Wunder gewirkt haben, und die Regierungen sollten den Emigranten die Geldsendungen in die Heimat erleichtern. Solche Überweisungen machen in manchen Ländern bis zu 40 Prozent der Wirtschaftsleistung aus.
Dambisa Moyo fordert in ihrem Buch zwar, dass die internationale Hilfe über einen Zeitraum von fünf Jahren auslaufen sollte, sie hat aber diese Zeitspanne inzwischen auf zehn Jahre erweitert. »Es wäre weder praktisch noch realistisch, wenn die Hilfe sofort auf null runtergefahren würde. Auch wäre das vorerst nicht wünschenswert.«
Moyo versteht genug von den Kapitalmärkten, um zu wissen, dass ein verlässliches Finanzgebaren eines Staates in der Welt honoriert wird. Kredite, die zu Fantasiebedingungen über ungewöhnlich lange Laufzeiten vergeben werden und schließlich nie zurückgezahlt werden, sind in ihren Augen ein schlechter Witz. Südkorea gilt ihr als ein leuchtendes Beispiel von internationaler Entwicklungshilfe, die Erfolgsgeschichte wurde. Auch China, Indien und Botswana haben den Markt als Motor für Wirtschaftswachstum genutzt.
So etwas muss auch Ruandas Präsident Paul Kagame im Sinn haben. Er ließ Moyo nach Kigali kommen. Dort sprach sie vor 200 einflussreichen Ruandern über ihre Ideen. »Ich erklärte, wie man langfristig Wachstum unabhängig von ausländischer Hilfe erreichen kann, und dann sagt mir ein Gast nach dem anderen: Sie rennen hier offene Türen ein.« Es stellte sich heraus, dass der Präsident sich mit seiner Regierung für eine Woche aufs Land zurückziehen will, um eine Strategie auszuarbeiten, wie sie das Land von Hilfszahlungen entwöhnen können.
»Das bedeutet ja nicht, dass das Land nicht die Hilfe nutzt und dass alle Hilfsprogramme ineffektiv sind. Viele betonen, dass die Malaria so gut wie ausgerottet ist, weil ein gutes Hilfsprogramm genutzt wurde. Aber der Umstand, dass man dort in die No-Aid-Richtung marschiert, zeigt, dass sie wie ich spüren, dass ein echtes Engagement für den Markt der einzige Weg ist, um dauerhaftes Wachstum zu schaffen und die Armut zu reduzieren.«
Dass Entwicklungshelfer und ihre Institutionen ihre Kritik nicht gerne hören, das wundert Dambisa Moyo nicht. Immerhin hängen eine halbe Million Arbeitsplätze in dieser merkwürdigen Branche daran. »500.000 Menschen, das ist die halbe Bevölkerung von Swasiland. Und sie sind alle im Hilfe-Business, sieben Tage die Woche, 52 Wochen im Jahr, Jahrzehnt für Jahrzehnt.« Aber auch diese Menschen müssen sich mit Moyos Frage auseinandersetzen: »Warum ist Afrika nach Billionen Dollar Hilfsgeldern ärmer als je zuvor?« «
Moyos Argumentation mag ihre Haken haben, aber keiner kommt daran vorbei, dass hier eine junge, bestens ausgebildete Afrikanerin mit Herz und Verstand für die Würde der Selbstbestimmung Afrikas kämpft und unmissverständlich klarmacht, dass Hilfe nicht dafür gedacht ist, dass sich die Menschen im Westen besser fühlen, sondern dass sie der Entwicklung dienen muss.
Gut möglich, dass Dambisa Moyo beim nächsten World Economic Forum mit Hernando de Soto, James Shikwati, dem kenianischen Korruptionsbeauftragten John Githongo und dem ugandischen Entrepreneur Andrew Rugasira ein Panel zum Thema wirtschaftliche Entwicklung in Afrika bestreitet. Und dass dann die weißen Männer zur Abwechselung einmal zuhören. Und dass sich Bono auf ein Konzert beschränkt.
Hat Dambisa Moyo denn gar kein Mitleid mit den Armen? Sie schnappt zurück: »In China leben vielleicht 300 Millionen so wie wir, eine Milliarde lebt in bitterer Armut. Kennen Sie irgendjemand, der Mitleid mit den Chinesen hat? Niemand!«
Und was rät sie den vielen gut meinenden Menschen in Europa, die den Afrikanern wirklich helfen wollen? »Googlen Sie Kiva.org, dort können Sie Entrepreneuren Darlehen geben.«
http://www.zeit.de/2009/23/P-Moyo-Dambis...
- Öffentlich-rechtliche Unersättlichkeit 19.01.2011
- Abschaffung der Privatküche 03.12.2010
- Bahn läuft Amok - und Du kannst helfen 10.11.2010
- Karl 09.11.2010
- Schweinisches 27.10.2009
DagnyTaggart sagte:
Geht kiva mittlerweile auch ohne PayPal? Ich wuerde sofort Geld an Kiva ueberweisen, wenn es ohne PayPal ginge.
weiss ich nicht, musste mal schauen
http://tinyurl.com/qdrntq
[quote=de Soto]"Karl Marx", sagt Hernando de Soto, der den revolutionären Ökonomen als Analytiker sehr schätzt und seinen Schäferhund nach ihm benannte, weil er "deutsch und haarig ist und keinen Respekt vor dem Privateigentum hat[...]"[/quote]
101 sagte:
Hernando de Soto: Ein Artikel in Der Wetwoche (CH).
http://tinyurl.com/qdrntq
[quote=de Soto]"Karl Marx", sagt Hernando de Soto, der den revolutionären Ökonomen als Analytiker sehr schätzt und seinen Schäferhund nach ihm benannte, weil er "deutsch und haarig ist und keinen Respekt vor dem Privateigentum hat[...]"[/quote]
den artikel hab ich hier früher schon gerne verlinkt, puster ebenso ;)
21.07.2009 - 10:11 Uhr
glitzerkugel
hast du auch mal lösungsansätze zu bieten?
alles schlechtreden ist einfach. da fiele mir einiges zu den wirtschaftlichen strukturen ein.








2
20.07.2009 - 10:54 Uhr
DagnyTaggart