19.07.2009 - 18:30 Uhr

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Eingestiegen in Ruinen

Text: lukas-grasberger - Fotos: Autor

Die „Urban Explorer“ Anne und Andreas streifen durch verlassene Gebäude – ein gefährliches und nicht immer ganz legales Hobby

Unser Weg führt in den Keller der Klinik. Das Knarzen der Stufen hallt durchs Treppenhaus. „Besser, man ist hier nicht allein unterwegs“, sagt Anne. Man wisse nie, ob man nicht plötzlich Hilfe brauchen könne. Sorge macht ihr vor allem, dass morsche Holzböden und -Treppen einbrechen könnten. Und natürlich ruft der Keller einer verlassenen Klinik, in dem früher Leichen lagen, Bilder aus Horrorfilmen wach. Anne spricht vom Gänsehautgefühl, wenn man den OP zuerst rieche – das Desinfektionsmittel; wenn man dann die Kälte spüre – und doch nichts sehe. „Ganz schön gruselig“, sagt Anne. Explorer haben Bilder der früheren Pathologie eines anderen Berliner Krankenhauses ins Netz gestellt: Dunkle Flaschen sind da zu sehen, eine mit einem halben Gebiss und andere mit Gewebeteilen in Formalin. Viele Entdecker verabreden sich zu Nacht-Expeditionen zur ehemaligen Lungenheilanstalt von Beelitz bei Berlin, dem wegen seiner morbiden Anziehungskraft wahrscheinlich bekanntesten Explorer-Objekt Deutschlands. Aber eine Sub-Szene aus dem Ruhrgebiet treibt das Faible für den Spuk mittlerweile auf die Spitze: Auf ihrer Website versammeln Lao und Maz aus Essen vor allem Plätze, an denen Geister wirken sollen. In einem so genannten Ghostwatch-Video aus einem alten Zechenhaus etwa sollen Nebelerscheinungen und der Schatten eines Kindes auf der Treppe zu sehen sein. Aber mit solchen Spuk-Spinnereien, diesem undurchdringbaren Gewirr aus Gerüchten, Erzählungen und Tatsachen können Anne und Andreas nichts anfangen. Und doch eint sie einiges mit den Mystery-Explorern: die Suche nach dem Kick und die Faszination für spannende Geschichten. Ein dumpfes Poltern aus den oberen Stockwerken vesetzt uns in Schreckstarre. Da ist es wieder, dieses Gefühl zwischen Spannung und geschärfter Wahrnehmung. Im Flüsterton erzählt Anne vom Herzklopfen, „wenn du einen Stock tiefer den Köter vom Wachschutz atmen hörst“. Gestern erst waren sie auf der vielleicht bestbewachten Baustelle Berlins. In dem Hochhaus hatten sie das Zentrum im alten Westen der Stadt zu ihren Füßen. „Das sind Bilder, die hat nicht jeder“, sagt Anne. Bis fünf Uhr früh haben sie dort fotografiert.
Die Geräusche haben sich jetzt vor das Haus verlagert. Wir schleichen uns zu einem Fenster im zweiten Stock. Hier hat schon jemand Spuren hinterlassen, überall im Haus. Wir durchstreifen es Zimmer für Zimmer und lesen unzählige, mit Filzstift an die Wände gekritzelte Botschaften an eine Adriana, die dem Schreiber den Verstand zu rauben scheint. Wir lesen Aufforderungen zu Treffen, verzweifelte Sätze: „Welche Macht hindert dich?“ – „Warum antwortest du nicht?“, schließlich eine Skizze, ein Welt-Modell im „Naturkreislauf“. Anne und Andreas wissen von dem Mann, der in der Welt draußen verzweifelt ist und sich hier, in der ehemaligen Psychiatrie seine eigene Welt geschaffen hat. Zu jedem Gebäude gibt es eine besondere Geschichte. Urban Explorer wollen sie erfahren. Sie wollen Häuser zum Sprechen bringen. Schnell nehmen Anne und Andreas noch ein paar Fotos auf, bevor sie das Gebäude verlassen. Sie werden nicht zurückkehren. Dafür wird das alte Krankenhaus noch lange im Internet zu sehen sein. So, wie wir es an einem Sonntagnachmittag des Jahres 2009 gesehen haben.
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Lukas Grasberger
Berlin

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