Eingestiegen in Ruinen
Die „Urban Explorer“ Anne und Andreas streifen durch verlassene Gebäude – ein gefährliches und nicht immer ganz legales Hobby
Unser Weg führt in den Keller der Klinik. Das Knarzen der Stufen hallt durchs Treppenhaus. „Besser, man ist hier nicht allein unterwegs“, sagt Anne. Man wisse nie, ob man nicht plötzlich Hilfe brauchen könne. Sorge macht ihr vor allem, dass morsche Holzböden und -Treppen einbrechen könnten. Und natürlich ruft der Keller einer verlassenen Klinik, in dem früher Leichen lagen, Bilder aus Horrorfilmen wach. Anne spricht vom Gänsehautgefühl, wenn man den OP zuerst rieche – das Desinfektionsmittel; wenn man dann die Kälte spüre – und doch nichts sehe. „Ganz schön gruselig“, sagt Anne. Explorer haben Bilder der früheren Pathologie eines anderen Berliner Krankenhauses ins Netz gestellt: Dunkle Flaschen sind da zu sehen, eine mit einem halben Gebiss und andere mit Gewebeteilen in Formalin. Viele Entdecker verabreden sich zu Nacht-Expeditionen zur ehemaligen Lungenheilanstalt von Beelitz bei Berlin, dem wegen seiner morbiden Anziehungskraft wahrscheinlich bekanntesten Explorer-Objekt Deutschlands. Aber eine Sub-Szene aus dem Ruhrgebiet treibt das Faible für den Spuk mittlerweile auf die Spitze: Auf ihrer Website versammeln Lao und Maz aus Essen vor allem Plätze, an denen Geister wirken sollen. In einem so genannten Ghostwatch-Video aus einem alten Zechenhaus etwa sollen Nebelerscheinungen und der Schatten eines Kindes auf der Treppe zu sehen sein. Aber mit solchen Spuk-Spinnereien, diesem undurchdringbaren Gewirr aus Gerüchten, Erzählungen und Tatsachen können Anne und Andreas nichts anfangen. Und doch eint sie einiges mit den Mystery-Explorern: die Suche nach dem Kick und die Faszination für spannende Geschichten. Ein dumpfes Poltern aus den oberen Stockwerken vesetzt uns in Schreckstarre. Da ist es wieder, dieses Gefühl zwischen Spannung und geschärfter Wahrnehmung. Im Flüsterton erzählt Anne vom Herzklopfen, „wenn du einen Stock tiefer den Köter vom Wachschutz atmen hörst“. Gestern erst waren sie auf der vielleicht bestbewachten Baustelle Berlins. In dem Hochhaus hatten sie das Zentrum im alten Westen der Stadt zu ihren Füßen. „Das sind Bilder, die hat nicht jeder“, sagt Anne. Bis fünf Uhr früh haben sie dort fotografiert.
- Abschied vom Wachtturm: Drei Frauen und ihre Leben nach den Zeugen Jehovas 20.05.2012
- Was vom Macchiato-Meeting übrig bleibt 13.05.2012
- Zwei Pfund Nostalgie, bitte 13.05.2012
- Im Zeugungsstand 06.05.2012
- Hooligans - Es geht nicht darum, andere ernsthaft zu verletzen 06.05.2012






