19.07.2009 - 18:30 Uhr

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Eingestiegen in Ruinen

Text: lukas-grasberger - Fotos: Autor

Die „Urban Explorer“ Anne und Andreas streifen durch verlassene Gebäude – ein gefährliches und nicht immer ganz legales Hobby

Ehe Anne und Andreas der Stadt unter die Haut kriechen, haben sie viele Wochen damit zugebracht, ihre Objekte in Polizistenmanier auszukundschaften. Anne und Andreas sind Urban Explorer, sie sind Jäger und manchmal auch Gejagte im Großstadtdschungel, weil sie in ihrer Freizeit verlassene Häuser, Industrie- oder Tunnelanlagen aufspüren und erkunden.

Die beiden sind scheu und auch ziemlich schwer zu treffen. Urban Exploration ist nicht unbedingt legal und deshalb reagieren sie reserviert, als ich sie frage, ob ich sie auf einer ihrer Touren begleiten darf. Dem ersten gemeinsamen Trip geht ein monatelanges Katz-und-Mausspiel über E-Mail und Telefon voraus.
Doch dann sind sie da, an einem verregneten Sommer-Sonntag. Treffpunkt ist eine Tram-Haltestelle im Ost-Berliner Nirgendwo, jenseits der In-Bezirke. Das Objekt, ein altes Krankenhaus, steht uns schräg gegenüber: Ein Gebäude mit Fenstern wie hohle Augen, das fast trotzig den tief hängenden Wolken entgegenragt. Es ist kein Zufall, dass wir heute hier sind: Die Schule nebenan ist am Sonntag verwaist, kein Lehrer wird also die Polizei rufen. Neugierige Nachbarn sind natürliche Feinde der Explorer.

Auf der anderen Straßenseite schwingen sich Anne und Andreas über ein rostiges Eisentor, dann muss alles ganz schnell gehen. Sie wollen sehen, aber nicht gesehen werden. Anne und Andreas tragen dunkle Kleidung und einen Knopf im Ohr, damit sie sich über Funk verständigen können. Durch das Zeitfenster zwischen zwei Trambahnen schlüpfen wir ins Haus. Urban Exploration ist auch eine Sache des richtigen Timings.
Immer ist der Einstieg in ein verlassenes Gebäude einer der spannendsten Momente. Das Risiko, vom Wachschutz oder der Polizei einkassiert zu werden, können die Entdecker durch routinemäßige Vorsichtsmaßnahmen minimieren, behauptet Andreas. Er observiert, tauscht sich mit anderen Explorern übers Internet aus, sichtet Lagepläne und zieht Google Maps zu Rate. Doch eine Gefahr kann er nicht bannen, egal wie genau er recherchiert: „Hier im Osten gibt es in fast jedem leeren Gebäude Nazis, die dir ohne Vorwarnung auf die Fresse hauen.“ Viele Gebäude sind nur scheinbar verlassen. Mal treffen die Abiturientin und der freie Fotograf auf Obdachlose, mal auf Sprayer oder Krawall-Kids, die ihrer Zerstörungswut freien Lauf lassen. Andreas ist deshalb als Erster durch die Fensterhöhle im Hochpaterre geklettert. Wenig später gibt er Entwarnung und mit einem Mal nimmt uns alle die Erhabenheit eines hohen Raumes gefangen. Wir spüren der Stille nach, der Dunkelheit. Eine Taschenlampe tastet über Wände voller Schimmel und abgeplatzten Putz, bleibt an einer Säule im klassischen Stil hängen, die einmal das Zentrum eines Speisesaals gebildet haben muss; ein Lichtstrahl, der die Dinge einen Augenblick aus dem Vergessen hebt.




Anne und Andreas klappen ihre Stative aus, um mit den Fotoapparaten die besondere Atmosphäre einzufangen, die eng mit der Geschichte des Gebäudes verwoben scheint. Bedrückende Bilder, die auch fast dokumentarisch die wechselvolle Geschichte der Klinik transportieren, die mal Lazarett, mal Nervenheilanstalt war. Vor allem aber werden ihre Fotos, die sie später im Internet mit anderen Explorern teilen, von der Faszination für die Vergänglichkeit und von der Schönheit im Verfall erzählen.

Das Internet ist das ideale Medium für Urban Exploration. In Foren werden Informationen getauscht, finden sich schnell und anonym Gleichgesinnte für Touren. Auf ihren Websites (zum Beispiel urbanex.de) präsentieren Explorer ihre Bilder einer Teil-Öffentlichkeit, die ihnen die Anerkennung der Eingeweihten verschafft, ohne Angriffe wegen vermeintlich illegaler Praktiken fürchten zu müssen. Mit der Verbreitung über das Web erfährt die Subkultur einen Boom. Die unterschiedlichen Communities können sich weltweit vernetzen. Mittlerweile ist die Szene, die man vielleicht irgendwo zwischen Abenteuersport und Archäologie verorten kann, weit verzweigt.



Die größten und ältesten Explorer-Communities gibt es in Australien und den USA (opacity.us). 1985 gründeten die Freunde Doug, Sloth und Woody den Cave Clan (caveclan.org). Den drei Jungs hatte es die Erforschung der Melbourner Kanalisation angetan. Der wohl bekannteste Explorer, Jeff Chapman alias Ninjalicious, prägte in der ersten Ausgabe seines Fanzines „Infiltration“ (infiltration.org) den Begriff Urban Exploration. Sein Zitat „We’re designed to explore and to play“ fasst den naturgegebenen Spieltrieb gut zusammen: den kindlichen Drang, unbekanntes Terrain zu erforschen; den paradoxen Gedanken, dass die letzten weißen Flecken auf der Landkarte mitten in der Stadt liegen könnten; die subversive Lust der Explorer an der Grenzüberschreitung, auf ein Leben hinter dem Schild „Betreten auf eigene Gefahr“, das bewusst auch Gefahren in Kauf nimmt. Als Urahn der Explorer führt Ninjalicious den Kanadier Philibert Aspairt an, der sich 1793 bei einer Begehung der Pariser Katakomben verirrte und dort starb.
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Lukas Grasberger
Berlin

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