12.07.2009 - 18:30 Uhr

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Ich pflege meine Mutter

Text: peter-wagner - Fotos: Maria Dorner

Müssen wir unsere Eltern betreuen, wenn sie krank werden? Vicky, Karoline und die Antwort auf eine schwierige Frage

Das Leben fragt ja nicht, ob es gerade passt.
Vicky führt eine alte Dame durch einen Park in Wiesbaden, in Trippelschritten geht es voran, sie verdient sich ein paar Euro, weil sie die Frau auf Spaziergängen stützt. Dann läutet das Handy, Vicky hebt ab und eine Stimme sagt, dass ihre Mutter im Krankenhaus sei, es ist das Frühjahr 2006, Trippelschritte. Vicky will ins Krankenhaus. Sie würde die Frau an ihrem Arm am liebsten hochheben und zurücktragen.

Als Vicky vor dem Bett in der Intensivstation steht, pumpt eine Maschine Sauerstoff in die Lungen ihrer Mutter. Sie fragt die Ärzte nicht nach dem Zustand, sie rührt die Mutter nicht mal an, so neu ist ihr dieses Bild. Zuhause googelt Vicky „Hirnblutung“ und „Schlaganfall“ und liest von Menschen, die nach zwölf Wochen wieder gehen und reden können.

Frühjahr 2009, aus der Wohnung im obersten Stock eines Hochhauses in Wiesbaden kann man dem Wetter zusehen und fühlt sich wie auf einem Gipfel. Vicky ist 26 und lebt hier allein mit ihrer Mutter. Die Eltern trennten sich, als Vicky fünf war. „Sie war voll berufstätig und musste mich allein großziehen“, sagt Vicky. „Deswegen war ich in meiner frühen Jugend oft auf mich gestellt.“ Sie überlegt. „Meine Mutter war kein Mensch der großen Worte. Eher der Laissez faire-Typ. Ich durfte machen, was ich für richtig hielt.“ Mit feiner Stimme erklärt Vicky die Diagnosen, die das Leben ihrer Mutter und ihr eigenes in eine andere Richtung lenkten: Die Befunde machen sie zur Pflegerin ihrer Mutter. Vicky kaut Kaugummi während sie redet. Das hilft gegen die Tränen.
Vicky studiert Medienwirtschaft, aber in jenen Wochen vor drei Jahren beginnt ihr Studium zu ruhen. Schläuche führen in den Kopf der Mutter, sechs Wochen künstliches Koma. Morgens geht Vicky ins Krankenhaus, abends fällt sie auf das Sofa im Hochhaus. Nachdem die Mutter die Augen geöffnet hat wird mit jeder Stunde klarer, was ihr Körper noch kann. Kauen und Schlucken und Sitzen zum Beispiel. Wenn sie Wasser aus einer Flasche in ein Glas schenken will, verwechselt sie Flasche und Glas. Sie spricht neue Worte. ,Didi, dada, mölle.‘ Die Begriffe haben keine Bedeutung, aber aus Sicht der Ärzte sind sie ein schlechtes Zeichen. Vicky wird mit 23 Jahren der Vormund ihrer 53-jährigen Mutter. „Sie ist noch da aber trotzdem weg“, sagt Vicky und kaut den Kaugummi. „Ich vermisse sie.“

Seit 14 Jahren gibt es die Pflegeversicherung und man kann sie sich wie eine Schatulle für schlechte Zeiten vorstellen. Alle Arbeitnehmer und -geber zahlen ein, damit jeder im Land, der Pflege braucht, etwas nehmen kann. Es ist eine Grundsicherung, die nie alle Kosten der Pflege deckt. Zyniker sagen, das Geld reiche, einen Menschen „satt und sauber“ zu halten. Weit über zwei Millionen Menschen greifen in Deutschland in diese Schatulle. Es werden mehr.
Wer Hilfe braucht, den ordnet ein Gutachter in eine von drei Pflegestufen. Vickys Mutter ist „schwerst pflegebedürftig“ und in die höchste der drei Stufen geordnet. Als sie aus der Rehaklinik nach Hause kommt, darf sich Vicky deshalb jeden Monat 1470 Euro aus der Pflegeschatulle nehmen, die sie an einen Pflegedienst weiterreicht: Täglich kommt eine Frau ins Hochhaus, die ihre Mutter aus dem Bett holt, sie anzieht, wäscht und füttert. Vicky sieht der Pflegerin zu und denkt, dass sie das auch selbst kann. Sowieso kommt der Pflegedienst nur zum Pflegen, nicht zum Bleiben. Die Mutter muss zum Beispiel dauernd zum Trinken angehalten werden. Wer drückt ihr tagsüber ein Glas Wasser in die Hand, wenn Vicky studieren soll? Sie bringt ihre Mutter nach kurzer Zeit in ein neu eröffnetes Pflegeheim.
Es gibt gute und weniger gute Heime, aber in diesem neuen Haus vergessen die Pfleger, Vickys Mutter zu füttern. Sie waschen sie mit Latexhandschuhen, obwohl auf ihrer Haut Ekzeme wachsen und aufplatzen. Die Mutter reagiert allergisch auf Latex. „Heime sind menschenunwürdig“, sagt Vicky voll Zorn und holt ihre Mutter nach wenigen Wochen zurück nach Hause. Zwei Drittel der Pflegebedürftigen werden in Deutschland in ihren vier Wänden betreut.

Vicky

Von der Oma – sie ist 75 und reist manchmal aus ihrer tschechischen Heimat zum Helfen nach Wiesbaden – lernt Vicky Kochen. Von den Therapeuten ihrer Mutter lernt sie, wie man eine halbseitig Gelähmte aus dem Bett dreht und in den Rollstuhl hebt, wie man sie auf den Lift über der Badewanne hievt.
Es gibt nur wenige Menschen, die der Frage nachgehen, wie Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene zurecht kommen, die ihre Eltern pflegen – während ihr eigenes Leben sich noch zurechtrüttelt. Mit Pflege setzen sich meist nur Erwachsene um die 50 auseinander, wenn deren Eltern um die 80 sind. Aber das wird sich ändern. Mehr Eltern bekommen ihre Kinder später, oft noch im fünften Lebensjahrzehnt. Die Kinder sind dann vergleichsweise jung, wenn Mutter oder Vater mit den Folgen eines Herzinfarkts oder eines Schlaganfalls kämpfen. Sabine Metzing-Blau ist eine der ersten Wissenschaftlerinnen in Deutschland, die sich mit jungen Menschen befassen, die ihre Eltern pflegen. Sie sitzt in ihrem Büro an der Universität Witten-Herdecke und erklärt sich das so: „Was man nicht wahrnimmt, dazu kann man nichts arbeiten.“ Metzing-Blau suchte monatelang nach jungen Menschen, die sie für ihre Doktorarbeit befragen konnte. Doch viele Kinder und Eltern erzählen nur zögernd, wie sich ihr Verhältnis zueinander geändert hat. Häufig hat das mit Scham zu tun. Es gibt Sechsjährige, die dem Vater beim Gehen helfen, indem dieser die Hand auf den Kopf des Kindes stützt. Es gibt Zehnjährige, die ihrer Mutter beim Einführen eines Katheters helfen. Sabine Metzing-Blau lernte Jugendliche kennen, die kaum die Schule schaffen, weil sie zu Pflegern wurden. „Für die Kinder ist es undenkbar, die Familie im Stich zu lassen. Ein 18-Jähriger sagte mir: ,Ich habe das nicht so gelernt, dass man jemand sitzen lässt und sagt: Mach deinen Scheiss allein. Man macht das nicht. Es ist die Familie.‘“
In Großbritannien fragen Forscher schon seit einer Weile nach dem Leben der Young Carers, nach jungen Pflegern unter 18 Jahren. Nach einer Annahme stehen in Großbritannien 175.000 Kinder und Jugendliche ihren chronisch kranken oder behinderten Eltern im Alltag bei. Sabine Metzing-Blau geht für Deutschland von 225.000 aus. Eine Hochrechnung, in der die 18- bis 30-Jährigen noch gar nicht vorkommen.

In einem kleinen Ort nahe Augsburg lebt Karoline. Sie ist heute 28 Jahre alt und konnte noch nicht richtig reden, da hatte ihre Mutter schon einen Schlaganfall. Karoline erklärt ziemlich gut, wie die Krankheit der Mutter ihr Leben formte. Immer wenn sie überlegt, scheint sie zu lächeln.

„Ich war zweieinhalb, da platzte in ihrem Kopf eine Ader. Die Blutung hat das Gehirn stark zerstört. Die ganze Familie hat sich viel um sie gekümmert. Ich hab sie bis in meine Pubertät hinein zum Arzt begleitet und ihr beim Kochen geholfen. Vor allem hat sie Schnitzel, Nudeln und Pizza gekocht. Das gab es jede Woche. Irgendwann bin ich eingeschritten und habe selbst gekocht. Mit 15 wollte ich nicht mehr und bin mehr ausgegangen, was sie wiederum sauer gemacht hat. Sie hat bei anderen geschimpft, was für eine unmögliche Tochter ich sei. (Dazu muss ich sagen, dass die Hirnseite, die sie zum Reden braucht, intakt ist. Sie redet wie ein Wasserfall. Manches sagt sie 100 Mal.) Unser Verhältnis war immer schwierig zu definieren. Eltern sagen normalerweise: ,Jetzt reicht’s‘. Aber so war es nie und so konnte es mit ihr nicht sein. Mein Vater hat immer gearbeitet und meine Brüder und ich konnten machen, was wir wollten. Oma und Opa haben schon mal gesagt, wo es lang geht. Aber als mein Vater abends heimkam, war er froh, uns zu sehen. Er hatte anderes zu tun, als uns für den Ungehorsam zu schimpfen, den er nicht mitbekommen hatte. Irgendwann aber begann er sich abzuwenden. Er suchte Abstand und verbrachte viel Zeit im Wald. Er ist Jäger. Inzwischen wäre der Haushalt fast untergegangen. In dieser Zeit hat es bei mir den Schalter umgelegt und ich habe mir gedacht: ,Es hilft nichts. Jetzt muss ich mithelfen.‘ Das war die Entscheidung.“

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peter-wagner

ist jetzt-Mitarbeiter und hat diesen Beitrag verfasst.


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