26.11.2010 - 17:19 Uhr

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Vergewaltigung ist so ein haessliches Wort

Text: ein_oxymoron in Tagebuchschreiber (1134)

#1 Ich bring dich nach Hause, sagt er. Brauchst du nicht, sage ich, und denke, der ist doch schon wieder stockbesoffen, da nervt er nur wieder rum. Doch doch, sagt er, ich bring dich heim, du willst doch wohl nicht alleine gehen.
Vor meiner Haustuer will er mich wieder kuessen. Ich wehre ab. Er laesst sich nicht beeindrucken. Eigentlich finde ich ihn ja ziemlich niedlich - wenn er nuechtern ist. Aber dann redet er kaum mit mir. Wenn er getrunken hat, ist er nicht niedlich, aber dafuer aufdringlich. X, du bist total besoffen, geh jetzt heim, sage ich halb lachend. Er haelt mich fest, drueckt seine Lippen auf meine, schiebt seine Hand unter mein T-Shirt. Ich mache mich los, nicht mehr lachend. Ich sage, ich will das nicht, lass mich in Ruhe. Laut und mit Nachdruck. Das wirkt.

Spaeter frage ich mich, wie viele zu einer so deutlichen Ansage nicht in der Lage gewesen waeren, zu schuechtern oder zu betrunken. Noch spaeter erzaehlt mir ein gemeinsamer Bekannter, er habe mal eine Geschichte von ihm gehoert, in der ein Maedchen und ein abgelegener Parkplatz vorkommen, viel mehr will er mir nicht erzaehlen.


#2 Wir liegen in seinem Bett, wie immer. Ich koennte auch im Nebenraum schlafen, aber dann koennten wir uns nicht mehr unterhalten. Wir kennen uns schon seit Jahren, wir hatten schon so viel Spass zusammen, sind so schoen vertraut miteinander. Ich mag es, mit meinem Kopf an seiner Schulter Film zu gucken, ich mag es, wie er sich beim Einschlafen ankuschelt, und ab und an war es auch spassig, weiterzugehen. Seine Hand zwischen meinen Beinen muss jetzt aber wirklich nicht sein.
He, lass deine Finger bei dir, befehle ich und schiebe sie weg. Aber letztes Mal mochtest du das doch auch, sagt er. Letztes Mal war ich Single, und letztes Mal war nicht dieses Mal. Jetzt mag ich das nicht, sage ich. Er schmollt ein bisschen, wir schlafen ein.

Waehrend ich aufwache, sehe ich sein zufriedenes Grinsen. Dann realisiere ich langsam, dass er seine Finger genau da hat, wo ich sie vor dem Einschlafen wegbefohlen hatte, und dass er sie schon eine Weile erfolgreich dort benutzt haben musste. Was soll der Scheiss, fahre ich ihn an, waehrend ich ihn wegstosse. Er murmelt irgendwas. Ich verlasse genervt das Zimmer. Ich weiss, dass er sich nichts Boeses dabei gedacht hat, aber was, bitte, hat er sich dabei gedacht?
Je mehr ich darueber nachdenke, desto unangenehmer fuehlt sich das an. Habe ich den Anschein erweckt, wach zu sein? Hat mein Koerper mitgemacht, habe ich im Schlaf gestoehnt? Mir wird uebel. Aber er ist doch mein bester Freund.


#3 Ich habe es kommen sehen, so ein bisschen, aber darauf vorbereitet war ich noch nicht. Ploetzlich liegen seine Arme von hinten um mich, und ich umfasse sie instinktiv. Ich mag ihn ja sehr gerne, wir sind gute Freunde. Aber... Das ist nicht gut, sage ich. Er faengt an, leidenschaftlich meinen Hals zu kuessen und seine Haende wandern zu lassen. Ich frage, meinst du wirklich, das ist eine gute Idee? Er seufzt, sagt nein, und macht weiter, als gaebe es kein Morgen. Das geht mir alles zu schnell. Ich moechte da zumindest erst mal drueber nachdenken, aber er laesst mir keine Chance. Ich bin hin- und hergerissen zwischen Spannung und Besorgnis, zwischen schoen und seltsam, angenehm und zu viel.
Ich kann jetzt keinen Sex mit dir haben, sage ich. Er scheint mich nicht zu hoeren. Ich weiss nicht, wo ich die Grenze ziehen soll, sie fliesst davon. Ich geh Kondome holen, sagt er. Ich sage nichts mehr. Ich liege nur da und hoffe, dass mein gequaelter Gesichtsausdruck ihm die Lust verdirbt. Tut er aber nicht. Na schoen, wasauchimmer. Er stellt sich ja gar nicht mal schlecht an, sehr gut eigentlich. Aber mein Gefuehl dabei ist nicht so gut. Oder, es sollte Gefuehl dabei sein fuer mich, aber da ist nichts. Ich denke an den, mit dem ich das Gefuehl haben koennte, und kaempfe mit den Traenen.

Ich hatte Sex mit einem lieben Freund. Ohne es zu wollen. Aber auch ohne es richtig nicht zu wollen. Im Nachhinein habe ich es nicht gewollt, ich fuehle mich beschissen. Ich haette nein sagen sollen. Ich haette ihm sagen sollen, dass er mich in Ruhe lassen soll. Er wusste, dass ich nicht auf den Mund gefallen bin, und dass ich mich wehren wuerde, wenn ich etwas wirklich nicht will. Ich kann ihm meine Unentschlossenheit nicht zum Vorwurf machen. Oder?


#4 Ein richtig netter WG-Abend war das. Zusammen kochen, zusammen essen und noch lange rumsitzen und reden. Dann zusammen die Landkarte studieren, weiterunterhalten, sich dabei klammheimlich naeherkommen. Und ich dachte, mit diesem Mann koennte ich es schaffen, wirklich nur Kumpels zu sein. Ich finde ihn unheimlich sympathisch, aber einfach nicht anziehend, und bei ihm ist das doch genauso, oder..? Fast ehrfuerchtig nimmt er mich in den Arm. Du bist so wunderschoen, sagt er, ich will dich einfach nur ein bisschen beruehren. Ich bin sprachlos. Geschmeichelt. Kann ein bisschen koerperliche Naehe gerade gut gebrauchen. Aber nicht mehr als das, sage ich. Sex ist nicht drin, da musst du dann selbst Hand anlegen.

Warum nicht, fragt er. Wie ich diese Frage hasse. Weil ich das nicht will. Er fragt, bist du sicher? Ich sage, ja, ich bin sicher.
Ganz gut sieht er ja schon aus, warme Augen, netter Koerper, schoene Haende. Ich fuehle mich immer so wohl in seiner Naehe, auch in seinen Umarmungen, aber das hier ist zu viel der Naehe. Die schoenen Haende sind sanft zu mir und geschickt, aber ich fuehle mich nicht wohl, ich schiebe sie weg. Sie kommen zurueck. Ich schiebe sie wieder weg, sage, lass das bitte. Er haelt meine Hand fest, sagt, ach komm schon. Ich winde mich aus seinem Griff, sage, ich will das nicht. Er sagt, sei doch nicht so. Wenn er nur irgendein Trottel waere, haette ich schon laengst die Geduld verloren, haette ihn runtergeputzt und waere gegangen. Aber das ist nicht irgendein Trottel, es ist ein kluger, liebenswerter Mensch, ich mag ihn wirklich gerne, und ich kann es mir nicht einfach mit ihm verderben.

Er sagt, du bist doch feucht. Ich versuche, ihm den Unterschied zwischen unwillkuerlicher koerperlicher Reaktion und emotionalem Erleben zu erklaeren. Er laesst sich nicht beirren. Du willst doch, dass es mir gut geht, sagt er. Auch das noch. Und was ist mit mir, frage ich, mir geht es nicht gut hiermit. Oh bitte, sagt er, fleht er. Bitte, bitte, bitte. Was um Himmels willen soll das denn. Nur weil ich nicht verklemmt bin, bin ich noch lange nicht die Caritas fuer sexuell Notleidende.
Er laesst einfach nicht locker, er bettelt, wird zurueckgedraengt, haelt fest, er kaempft einen sanften Kampf um jeden Zentimeter meines Territoriums. Langsam, aber sicher kommen mir die Traenen. Nicht, weil ich mir missbraucht vorkommen wuerde, sondern weil ich mit den Nerven am Ende bin, und vor allem, weil ich so enttaeuscht von ihm bin. Weil es mir wehtut, wie er gerade unsere Freundschaft und unsere Wohngemeinschaft zerstoert, nur weil er seine Triebe nicht im Griff hat. Willst du mich wirklich zwingen, sage ich mehr, als ich frage. Nein, nein, natuerlich nicht, sagt er erschrocken. Nicht weinen, fluestert er. Haelt mich eine Weile. Und macht weiter. Er kommt auf meinen Bauch. Liegt lange da. Geht Papiertuecher holen. Fragt, ob ich heute nacht bei ihm schlafen will. Nein, sage ich. Bist du sicher, fragt er.

Ich ziehe mich an und gehe in mein Zimmer, sitze mit verheultem Gesicht auf dem Sofa und starre vor mich hin. Die Tuer ist halboffen, wie fast immer. Er soll sehen, wie es mir geht. Alles ist still. Ich frage mich, ob es jemals so still war, wenn wir beide zu Hause waren.

Irgendwann steht er an meiner Tuer und sagt gute Nacht. Ich sehe wortlos auf. Hey, tut mir echt leid wegen vorhin, sagt er mit bruechiger Stimme. Ich stehe auf und gehe zur Tuer. Da steht er, mit der Stirn an der Wand. Er sieht voellig fertig aus, ich kann sehen, dass er auch geweint hat. Es tut mir so leid, fluestert er. Ich nehme ihn in den Arm.
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