05.07.2009 - 18:30 Uhr

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Mein Leben nach dem Polaroid

Text: evi-lemberger - Fotos: el

Seit Jahren fotografiert unsere Autorin Menschen, denen sie begegnet. Jetzt nimmt sie Kontakt zu den alten Bekannten auf und fragt: Was geschah seit dem Bild?

Evi Lemberger, 24, studierte unter anderem in London Fotografie und bereiste die Welt. Von all jenen, denen sie in den vergangenen fünf Jahren unterwegs begegnete, machte sie mit ihrer Polaroid-Kamera Bilder. Mehr als 500 Aufnahmen sind so entstanden. Jetzt schrieb Evi den Bekanntschaften von einst (alle hatten ihren Namen und ihre Mailadresse auf den Bildern hinterlassen). Sie wollte wissen: Erinnerst du dich an das Bild? Was ist seitdem in deinem Leben geschehen? Die Mailantworten (im Anhang erreichte Evi immer ein digitales Portraitbild) sind Dokumente des Erwachsenwerdens und der Beweis: Wenn man Anfang 20 ist, kann sich schon während eines Jahres die Welt verändern. [ Julian
Ich war 23. Es war einer meiner seltenen Besuche bei meinen Eltern. Ich war damals schon in der Schweiz an der Artistenschule und deswegen nur selten da. Seitdem hat sich viel verändert. Seit Januar diesen Jahres bin ich nun diplomierter Zirkusartist, verheiratet und Vater! Ich trete mit meiner Jonglagenummer auf, gebe Kurse und trainiere weiter meine Technik. Seit Oktober 2008 habe ich mit zwei anderen Jongleuren eine Show und ich bin dabei, ein Netzwerk aus Kontakten zu spinnen, um regelmäßig auftreten zu können. Dieses Wochenende bin ich auf einem Kunstfestival im Westen Frankreichs und morgen trete ich auf. Tief drinnen spüre ich langsam ein bisschen Nervosität . . . Ich wohne jetzt nicht mehr an der Artistenschule in Genf, wo ich immerhin vier Jahre verbracht habe. Mein Haus ist der Wohnwagen, und es zieht regelmäßig mit mir um. Ich lerne jetzt, Vater zu sein und einen kleinen Jungen zu begleiten, der jede Woche ganz anders ist. (Und jedes Mal versuche ich, nicht zu vergessen, wie er genau in dem Moment ist – und jedes Mal vergesse ich es doch . . . .) Jetzt liege ich im Kofferraum meines Lieferwagens auf meinem Bett und versuche die lange Autofahrt zu vergessen, die nötig war, um zu diesem kleinen Festival zu kommen. Ich versuche daran zu denken, was ich morgen auf der Bühne den Leuten zeigen werde, die ich noch nie gesehen habe, und die ich wahrscheinlich nie wieder sehen werde. Ich glaube, damals, als das Foto entstand, hatte ich das Gefühl, erwachsen zu werden, einen klaren Blick auf mein Leben zu haben, gerade Wege zu gehen und zu wissen, was ich will. Jetzt habe ich das Gefühl, dass ich niemals erwachsen sein werde und erst recht nie mein Leben in den Griff bekommen kann. Heute hat mich eine Kollegin erinnert, dass ich ihr nach der Geburt meines Sohnes gesagt habe, was für eine Traurigkeit mich befallen hat, als ich entdeckte, wie kurzlebig alles ist. Wenn ich zurückdenke erfüllt mich heute alles (oder fast alles) mit einer Art süßer Sehnsucht, ohne dass ich mir wirklich wünsche, die Zeit zurückzudrehen. Ich will vor allem jetzt glücklich sein, jetzt gut leben und froh über das sein, was ich tue. *** Avnee
Wir trafen uns mit den anderen Mädchen im Café Nero an der Oxford Street. Wir planten, in London zusammen zu ziehen. Zu diesem Zeitpunkt kannte ich noch niemanden und ich war unglaublich schüchtern. Das Bild ist erst drei Jahre alt, aber ich war soviel dünner damals. Das T-Shirt, das ich trage, habe ich schon lange nicht mehr. Wir saßen dort und ich glaube, wir haben uns einen leckeren Kuchen geteilt und ich habe eine heiße Schokolade getrunken. (Damals wie heute kann ich Kaffee nicht leiden.) Der Tag veränderte mein Leben ein bisschen. Die Leute, die ich damals getroffen habe, wurden zu meinen besten Freunden. Im Moment mache ich ein Praktikum bei einem Verlag und hoffe, dass ein Job dabei rausspringt. Seit dem Polaroid bin ich erwachsener geworden. Ich bin nicht mehr so schüchtern und würde jemand heute ein Polaroid von mir machen, würde ich nicht mehr schüchtern nach unten sehen – wahrscheinlich hätte ich jetzt ein fettes Grinsen im Gesicht. *** Henrike
Ich kann mich nicht wirklich an das Polaroid erinnern, wobei ich vielleicht erwähnen sollte, dass mein Gedächtnis ein sehr schlechtes ist. Ich war damals wohl 27 oder 28. Das Foto wurde vermutlich nach einem Fachklassentreffen in der Hochschule gemacht. Seitdem studiere ich immer noch Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, habe aber die Fachklasse inzwischen gewechselt. Außerdem habe ich ein eigenes Atelier bezogen und nun einen vierbeinigen Begleiter an meiner Seite. Ich fühlte mich, als das Bild enstand: verschüchtert, unsicher und fehl am Platze. Jetzt löst sich der Knoten langsam, und ich finde die Sicherheit, das zu tun, was ich will.
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ist jetzt-Mitarbeiterin und hat diesen Beitrag verfasst.