26.06.2009 - 18:30 Uhr

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Michael Jackson stirbt im Internet

Text: xifan-yang - Foto: afp

Der Tod von Michael Jackson wird als historisches Ereignis in Erinnerung bleiben. Unter anderem, weil der von der Massenhysterie im Internet zu Grabe getragen wurde

Es ist 23:29 Uhr. Ich hab schon die Zahnbürste in der Hand, als meine Freundin Natalie mir eine SMS schickt: „Michael Jackson stirbt gerade.“ Die Nachricht ist so absurd, dass ich anfangen muss zu kichern. „Wiedennwasdennwodenn?“ schreib ich zurück. Natalie macht ein Volontariat bei einer großen Tageszeitung in Berlin. Läuft auf CNN und über alle Nachrichtenagenturen, antwortet sie, in der Redaktion stehen sie alle dichtgedrängt um den Fernseher. Ich rufe sie an, um Mitternacht ist Redaktionsschluss, sagt sie, irgendwas muss noch ins Blatt rein, sie ruft später zurück. Ich bin noch nie ein großer Fan von Michael Jackson gewesen. Die meiste Zeit über war er mir eher egal. Meine früheste Kindheitserinnerung an ihn ist ein Auftritt Mitte der 90er bei „Wetten, dass?“: Ein bleicher Mann in schwarzen Lederhosen klettert ein Bühnengerüst hoch, die Windmaschine reißt ihm sein weißes Hemd vom Leib. Die Menschen in der Halle kreischen so laut, dass sein Gesang darin fast untergeht. Wer ist das, fragte ich mich damals. Ich mochte den „Earth Song“ nicht besonders. Erst viele Jahre später habe ich Klassiker wie „P.Y.T.“ zu schätzen gelernt.
„He! Michael Jackson stirbt gerade!“ brüll ich in die Küche hinein. Es ist 23:35, meine Mitbewohnerin kommt in mein Zimmer, wir gehen auf die Homepage von CNN. „Michael Jackson hospitalized“ ganz oben, es gibt einen Live-Stream vom Krankenhaus. Man sieht aus Kameraperspektive einen Helikopter langsam über das Gebäude kreisen, sonst minutenlang nichts. „No Audio“ steht im Bild geschrieben. Von Tod steht da nichts. „Ich geh mal joggen“, sagt meine Mitbewohnerin, „bis gleich“. Auf Skype ist noch ein Bekannter online, Christian, ich hab ihn seit Monaten nicht gesprochen. Aber ich weiß, dass er ein Michael Jackson-Fan ist. Deshalb schreib ich ihn auf blöd mit „Michael Jackson stirbt gerade“ an, ohne Begrüßung. Er:„Verarsch mich nicht“, ich: „Ohne Scheiß“, er darauf: „Du willst mich doch verarschen“, ich darauf: „Ohne Scheiß“. Kurz darauf meldet sich Jonas, ein anderer Freund, auf Facebook: „Krass, hast du schon gehört…?“ Das Handy piept wieder. SMS von Natalie: „Er ist tot.“ 23:50. Spiegel Online meldet Michael Jackson im Krankenhaus, aber etwas lieblos weiter unten, drüber der Weltkulturerbeverlierer Dresden-Elbtal und die Islamkonferenz. Mein Bekannter Christian skypt, ich solle sofort auf Twitter gehen. 0:00. Unter den „Trending Topics“ ist dort die Nachricht vom sterbenden King of Pop längst auf Platz eins. In der Eile hat allerdings jemand seinen Namen falsch geschrieben: „Micheal Jackson“ steht auf der Liste. Auf zwei folgt schon: „RIP MJ“. Ich klicke drauf. Ein Riesenschwall an Gebrabbel ergießt sich über den Bildschirm, viele OOOOMMMFFGGGGs und noch mehr RIPs. 0:05. Twitter zeigt mir an, dass in den letzten drei Minuten mehr als 5000 neue Beiträge zu Michael Jackson erschienen sind. Dann verebbt das Gezwitscher. Die Seite bricht zusammen, ist überlastet. Meine Mitbewohnerin kommt vom Joggen wieder, will wissen, ob Michael Jackson jetzt tot ist oder nicht. „Ich glaub schon“, sage ich. Sie ruft eine Freundin an. 0:10. Die einzige Quelle, die bislang Michael Jacksons Tod berichtet, ist das US-amerikanische Klatschportal tmz.com. Allerdings hat genau diese Seite vor einigen Wochen auch behauptet, dass Patrick Swayze nicht mehr lebe, warnt das Musikportal Pitchfork. 0:15. „Reportedly dead“ laut Angaben der LA Times heißt es jetzt überall. Berichten zufolge ist er tot. Er ist tot? Ist er tot? Er liegt im Koma, sagt CNN. Währenddessen überbietet man sich auf Twitter darin, die schnellsten Nachrufe zu schreiben. Die größte Ente der Welt, denke ich. Jonas erzählt mir über Facebook, seine Freundin sei gerade auf einer Party, dort würden alle nur noch über Michael Jackson reden. Schließlich bestätigt CNN um 0:38 Uhr: Michael Jackson ist im Alter von 50 Jahren gestorben. Der virtuelle Sargnagel macht wenige Minuten später die Runde. Wer www.ismichaeljacksonalive.com aufruft, kommt auf eine Seite, auf der nur zwei Buchstaben erscheinen: NO. „Wir schaffen uns unsere Nachrichten selbst“, schreibt Jonas über Facebook, genauso verwundert wie ich von dem, was gerade im Internet passiert. Am nächsten Morgen wird bekannt werden, dass es noch bei keinem Thema einen derart gigantischen Zulauf auf Twitter gab, weitaus größer noch als zur Wahl im Iran oder zur Schweinegrippe. Spätestens in diesem Moment, so wird einem irgendwie klar, läuft die gängige, gern gepflegte Kritik an der Manipulationsmacht und Sensationsgeilheit der großen Medienkonzerne ins Leere. Denn diese Massenhysterie ist selbst induziert. Ihr Ausmaß übertrifft jede bislang bekannte Form von medialem Fieberrausch. Bei Michael Jackson können selbst die schnellsten Nachrichtensender nur hinter dem Instant-Flächenbrand hinterherhecheln. Die Gänsehaut wird im Netz erzeugt. Am Freitagmorgen, auf dem Weg in die Redaktion: Die Zeitungen tun nichtwissend. Die Frau gegenüber in der S-Bahn blättert in der BILD. Titel: „Gestern 21:21 Uhr: Michael Jackson Herzstillstand!“ Komische Welt. Die Zeitrechnung im Internet läuft derweil weiter, dort hole ich den binnen wenigen Stunden Schlaf entstandenen Wissensdefizit mit gedrückter FastForward-Taste nach. Jackos beste Hits, Jackos coolste Moves, Jackos dollste Frauen, der verbliebene Haushalt wird bereits aufgelöst. In der Redaktion meint einer: „Es ist so, als würde Mickey Maus sterben.“ Mickey Maus stirbt nicht. Das liegt einfach nicht in der Natur von Mickey Maus. Genauso surreal fühlt sich der Tod von Michael Jackson, der Ikone an. Michael Jackson, den Menschen nahm man in den letzten Jahren seit dem Kinderschänder-Prozess schon lange nicht mehr als Lebenden wahr. Trotzdem war er fest im Koordinatensystem aller verankert, die in den 80ern geboren sind. „King of Pop“ ist der Superlativ, mit der ich aufgewachsen bin und den ich verinnerlicht habe. Michael Jackson steht an der Spitze des Systems Popkultur, das war immer klar. Selbst als gruseliger, im Verfall begriffener Freak, selbst als Nosejob-Running Gag. Michael Jackson war einfach da. Eine Konstante meiner Jugend, wie eine Arbeitslosenzahl von vier Millionen. Kai von Stylespion.de bringt es auf den Punkt: „Mit Michael stirbt auch ein Teil meiner Kindheit“. Die, die schon geschlafen haben, wundern sich belustigt über das Drama, das sich gestern Nacht bei den anderen abgespielt hat. Wo warst du als, Michael Jackson starb? Entweder im Bett oder im Internet, lautet die Antwort. Es ist ein bisschen geschmacklos, aber man muss an 9/11 denken. So wie das Datum des 11. September die Generation der heute 20 bis 35-jährigen politisch geprägt hat, so wird vielleicht die Donnerstagnacht des 25. Juni ein historischer Ankerpunkt im kulturellen Kollektivgedächtnis werden. Letzte News: Die Ärzte sollen schuld sein. Jetzt beginnen die Jahrzehnte der Verschwörungstheorien. Update von www.ismichaeljacksonalive.com, Freitagnachmittag: MAYBE NO… Darunter: „What do you think?” Elvis lebt. In der Nacht von Donnerstag auf Freitag wurde Geschichte geschrieben.


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JoergAuch
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Mag ich Mag ich nicht

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27.06.2009 - 22:39 Uhr
JoergAuch

diebahnfahrerin sagte:
Den Vergleich mit dem 9. September finde ich demnach weniger geschmacklos als viel mehr maßlos übertrieben.

Was war denn am 9. September???

spaetschicht
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Mag ich Mag ich nicht

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27.06.2009 - 22:52 Uhr
spaetschicht

wollte ich auch gerade fragen ;-) sie meinte sicher den 11. September...

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27.06.2009 - 22:53 Uhr
spaetschicht

Jollscherl sagte:
als ich das am nächsten morgen beim in-die-arbeit-fahren im radio hörte, war mein erster gedanke: seltsam, dass das erst jetzt passiert ist.wäre ich sein körper - ich hätte schon längst aufgegeben.
Und dann dachte ich: seltsam, dass er sich nicht eh schon vor jahren umgebracht hat - ich hätt's wohl gemacht bei all dem auf und ab.
und dann dachte ich: vielleicht ist das eh am besten - der war ja nur noch eine karikatur seiner selbst. die geplante tour - ob das was geworden wäre?
ein fan war ich nie, habe auch nicht verstanden, wieso er derart riesengroß geworden ist. habe mich damit aber auch nie ernsthaft beschäftigt. daher ist es für mich persönlich jetzt kein sonderlicher schock oder ähnliches.



inhaltlich hat Jollscherl meine volle Zustimmung.

Cate81
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27.06.2009 - 22:56 Uhr
Cate81

Also was mir auffällt, ist der doch sehr differenzierte Umgang der Medien mit Michael Jackson bzw. die Tatsache, wie sehr seine Leistung trotz aller Bizarrheiten bzw. besorgniserregenden Vermutungen (Pädophilie?!), die ihm zeitlebens anhafteten.

Mit 12 (1993) war ich ein ziemlicher Fan der Musik von Michael Jackson.

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27.06.2009 - 22:57 Uhr
Cate81

...in den Medien gewürdigt wurde.

Oje, ich gehe besser ins Bett. :-)

JoergAuch
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27.06.2009 - 23:04 Uhr
JoergAuch

spaetschicht sagte:
wollte ich auch gerade fragen ;-) sie meinte sicher den 11. September...

Hast wahrscheinlich Recht. Oder es gab eine fiese Verschwörung mit irgendwas am 9. September ..... 2009!!!

uther_the_puter
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27.06.2009 - 23:04 Uhr
uther_the_puter

Was doch eigentlich fasziniert ist, dass es noch keinen "Jacko lebt noch, er ist nur zu den Aliens zurückgekehrt/ auf einer einsamen Insel untergetaucht/mit Peter Pan ins Nimmerland geflogen"-Mythos gibt!

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27.06.2009 - 23:05 Uhr
uther_the_puter

Blöde Kommas!

Levanna
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27.06.2009 - 23:27 Uhr
Levanna

Ähhm ja also den Anfang fand ich gerade schon ein wenig sehr ironisch. Man muss ihn nicht mögen, aber ein wenig Respekt hat jeder Mensch verdient, wenn er stirbt. Lustig fand ich das alles ganz und gar nicht.

Ich finde auch ein Nachruf wäre durchaus angebracter gewesen. Das ist nicht neutral meiner Meinung nach!

Was auch immer.. Für mich war er ein großartiger Künstler, ein einsamer Mensch...Geliebt, gehasst, vergöttert. The King of Pop. Jemand besonderes...
Ich hab seine Musik gehört seit ich mich erinnern kann.. Auf Kasett, auf dem Schalplattenspieler..später dann auf CDs und im Internet. Und ich war wirklich geschockt als ich diese Naricht morgens um 3 Uhr bekam als ich gearbeitet habe (in einer Disco)...

Ich habe es dann weitererzählt..manche lachten, einige waren geschockt...
Mal hoffen das sein Leben und sterben nicht im Nachhinein in den Dreck gezogen wird.

spaetschicht
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27.06.2009 - 23:30 Uhr
spaetschicht

JoergAuch sagte:
spaetschicht sagte:
wollte ich auch gerade fragen ;-) sie meinte sicher den 11. September...

Hast wahrscheinlich Recht. Oder es gab eine fiese Verschwörung mit irgendwas am 9. September ..... 2009!!!


das kann auch nicht sein ;-) den 9. September 2009 gibt es noch nicht. beschwöre das Unglück also nicht mehr herauf!

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