14.06.2009 - 18:30 Uhr

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Abiturrede, später

Text: lars-weisbrod - Foto: photocase.de/birdsoar

Mit ein paar Jahren Abstand sieht die eigene Schulzeit gleich ganz anders aus. Eine Nachschrift

In diesen Wochen werden wieder die Abiturreden gehalten. Die Schüler werden sprechen, weil sie es sind, um die es geht. Noch vor ihnen aber werden ältere Erwachsene sprechen, weil man hofft, dass sie von außen auf die ganze Sache blicken können: Was heißt es, sein Abiturzeugnis in der Hand zu halten? Was bleibt von der Schulzeit, wenn man kein Schüler mehr ist? Wenn ältere Erwachsene über ihre Schulzeit sprechen, kokettieren sie gerne damit, wie wenig Erinnerung ihnen geblieben ist – ein flüchtiger Geruch von Schulfluren und Klassenzimmern, zwei Lehrer, die ihnen im Gedächtnis verhaftet sind, weil sie entweder besonders inspirierend oder besonders kränkend waren, vielleicht noch eine Klassenfahrtromanze und der verbitterte Hausmeister. Das sei alles, sagen diese Erwachsenen, was ihnen in den Sinn komme, wenn sie alle paar Jahre im Schiller-Gymnasium oder in der Sophie-Scholl-Gesamtschule ihres Viertels an einem Sonntag wählen gehen. Wenn sie das Schülern erzählen, halten sie das womöglich für Trost, dem Gedanken folgend: ,Egal, was du gerade durchgemacht hast – irgendwann wird es dir so egal sein wie die Erinnerung an die Tatsache, dass du damals im Kindergarten so leicht in Tränen ausgebrochen bist.‘
Jüngere Erwachsene Mitte 20 halten selten Abireden. Dabei ist ihre Erinnerung noch frisch und nicht vom Staub entbehrungsreicher Lebensjahre zugedeckt. Und dabei könnten sie möglicherweise einen erkenntnisreichen Vergleich ziehen, denn viele von ihnen schlagen sich gerade in der anderen großen Bildungsstätte durch, die der Schule gegenübersteht: in der Universität. Was hätte ein jüngerer Erwachsener in seiner Rede zu den Abiturienten zu sagen? Es gibt einen Unterschied zwischen Hochschule und Schule, der so bedeutend ist wie trivial. Schülern bringt man aus allen Disziplinen etwas bei (oder versucht es zumindest), Studenten nicht; selbst dann nicht, wenn die Universität die perfekte höhere Lehranstalt nach Humboldtschem Vorbild wäre, die sich so viele wünschen. Man studiert Biologie. Oder Soziologie. Oder Anglistik. Aber man hat keine Doppelstunde Deutsch mehr und danach Mathe bei Frau Reuthers und nachmittags Kunst beim mürrischen Herrn Hallmack. Viele Studenten finden das ganz gut, dass sie jetzt auf das Wissen verzichten dürfen, das sie eh noch nie interessiert hat. Andere bedauern es ein wenig, weil es gerade das All-in-one-Prinzip war, was Schulbildung so verführerisch gemacht hat: Man hatte das Gefühl, alles wissen zu können. Alle Informationen über diese wirklich unheilvoll verworrene Welt lagen ausgebreitet vor einem, strukturiert und aufbereitet in Lehrplänen und Schulbüchern, vermittelt von persönlichen Führern durch die Reiche der ehrwürdigen Wissenschaften. Man drang zwar noch nicht in ihre Untiefen vor, doch war das prinzipiell nur eine Frage der Zeit. Eine lebenslange Schulzeit hätte uns zu tollen Universalgelehrten gemacht, die eine Antwort auf jede Frage parat haben. Hätte! Denn irgendwann sitzt der Schüler im Chemiesaal und weiß: ,Das ist die letzte Chemiestunde meines Lebens. Mehr werde ich voraussichtlich niemals über Chemie erfahren.‘ Dann ist er, bei aller Freude (Chemie hat ihm nie besonders viel Spaß gemacht), auch ein bisschen traurig. Vielleicht bleibt er es auch, wenn er bemerkt, dass Schulbildung später durch nichts ersetzt werden kann. Kein Ranga Yogeshwar kann einem später erklären, was der Physikunterricht hat erklären können. Nur in der Schule bekommt man Allgemeinbildung, die tatsächlich allgemein ist und tatsächlich Bildung. Andererseits hat der Student sich schließlich erfolgreich spezialisiert. Dort, wo er in die wissenschaftlichen Untiefen geschubst wurde, fühlt er sich ziemlich stark und dem alten Lehrplan überlegen. Manchmal auch den alten Lehrern. In der Schule, denkt er, hat man mir also doch nur die halbe Wahrheit erzählt. Vielleicht sogar, Schreck lass nach, weil Frau Reuther und Herr Hallmack die andere Hälfte gar nicht kannten! Die beiden wirken plötzlich gar nicht mehr wie die vertrauenerweckenden Führer durch die Welt des Wissens. Der Student wird also ein wenig überheblich, aber gelegentliche Überheblichkeit begleitet wohl jeden Tauchgang. Am Ende, im Blick zurück, halten sich die Gefühle die Waage. Ein Student fühlt sich dümmer, aber auch schlauer. Aber Bildung macht ja höchstens zwei Fünftel der Schul- und Studentenzeit aus (wenn überhaupt). Deswegen würden die jüngeren Erwachsenen ihre Rede wohl mit etwas anderem beginnen. Vielleicht würden sie darauf verweisen, dass man als Student keine Hausaufgaben mehr machen muss (so man den richtigen Studiengang erwischt hat) und man so lange aufbleiben darf, wie man will (wenn man Glück mit den Veranstaltungszeiten hat). Denn die Zeit als Student verfügt über eine erstklassige Sonderausstattung: Freiheit, und zwar im Großen und Ganzen genau die Freiheit, die man als Schüler schmerzlich vermisst und sich vom Schulnachleben erhofft hat. Man muss die Freiheit natürlich zu gebrauchen wissen, und damit ist nicht in erster Linie gemeint, dass man es nicht mit ihr übertreiben sollte. Damit ist gemeint: Man muss sie erst mal annehmen. Auch die Zeit des Studiums stellt genug verlockende Möglichkeiten bereit, Frühinsbettgehen und Hausaufgaben zu ersetzen, durch neues Frühinsbettgehen und andere Hausaufgaben, durch Praktika und Karriereangst, durch Was-wird-wohl-morgen-sein und War-es-genug-was-gestern-war. Damit das Leben als Student schöner sein kann als das als Schüler, darf man sich davon nie zu sehr quälen lassen. Wie man das wiederum hinkriegt, wüsste der redende junge Erwachsene allerdings auch nicht so genau. Apropos: War es eigentlich genug, was gestern war? Als man noch Schüler war? Auch die Frage könnte in den Reden der jungen Erwachsenen auftauchen. Denn irgendwann verwandelt sich die nahe Vergangenheit in einen Schulhof voller verpasster Gelegenheiten. Schule, so scheint es, hätte doch eigentlich eine Mischung aus Hogwarts und der Beverly Hills High sein müssen: aufregend, wild und gemütlich zugleich. So war es aber irgendwie nie. Deswegen würde der junge Redner vielleicht sagen, dass er die Schulzeit manchmal gern nochmal durchleben würde, mit dem, was er heute weiß, und so, wie er heute ist. Um alles besser zu machen. Wäre das ein guter Schluss für seine Rede? Das müssten natürlich die Schüler entscheiden, weil sie es sind, um die es geht. Womöglich würden sie aber diesen Schluss lieber hören als den Trost, den die älteren Erwachsenen ihnen spenden wollten. Denn der da gesprochen hat, nimmt die Zeit noch ernst, die für ihn selbst jetzt gerade zuende geht und die ja auch nicht irgendeine Zeit war – sondern fast sein ganzes junges Leben.


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afrirali
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Mag ich Mag ich nicht

3

14.06.2009 - 18:39 Uhr
afrirali

ich hatte das meiste aus der schulzeit (nicht das wissen, aber was da passierte) so ungefähr einen monat später erfolgreich aus meinem kopf verdrängt. auch besser so.

AllesOderNichts
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Mag ich Mag ich nicht

1

14.06.2009 - 18:39 Uhr
AllesOderNichts

Seufz. (schön!)

cathie
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Mag ich Mag ich nicht

1

14.06.2009 - 18:47 Uhr
cathie

es ist nie genug. und wir kommen nie an. es gibt nur wegstrecken und pausen dazwischen.

wollmops
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Mag ich Mag ich nicht

0

14.06.2009 - 18:56 Uhr
wollmops

warum sind eigentlich Kunstlehrer immer mürrisch? das stimmt nämlich echt!

Yeah_Yeah
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Mag ich Mag ich nicht

1

14.06.2009 - 19:02 Uhr
Yeah_Yeah

ich wäre einer jener junger redner, der sagen würde: "einen teil meiner schulzeit würde ich gern nochmal erleben."

getupkid
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Mag ich Mag ich nicht

5

14.06.2009 - 19:08 Uhr
getupkid

supertext.

hinez
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Mag ich Mag ich nicht

2

14.06.2009 - 19:22 Uhr
hinez

Richtig guter Text, der mir komplett aus der Seele spricht.

leolil
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Mag ich Mag ich nicht

3

14.06.2009 - 19:24 Uhr
leolil

ich hatte während der schulzeit wesentlich mehr freizeit als während des studiums. und damit auch mehr freiheit. ich bin froh, dass ich sie halbwegs nutzte, sonst hätt ich mir während des studiums gleich nen strick genommen. so konnt ich mir wenigstens einreden, dass das jetzt halt der anfang des ominösen "ernst des lebens" sei - wie gut, dass ich in den 19 jahren zuvor genug zeit gehabt hatte, mich auszuprobieren und herauszufinden, was mir spaß macht, auch ohne bedeutung für den bewerbungsmappenlebenslauf. während des studiums hatte ich dafür nämlich keine zeitlichen und nervlichen resourcen mehr.

der_ingenieur
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4

14.06.2009 - 19:28 Uhr
der_ingenieur

Die unbekuemmertheit der Kindheit/Jugend wuerde ich gerne nochmal erleben. Man geht zur Schule, braucht sich aber sonst nicht wirklich Sorgen machen. Das war schoen.

Cate81
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Mag ich Mag ich nicht

6

14.06.2009 - 19:59 Uhr
Cate81

Ich hatte auch während der Schule wesentlich mehr Zeit als während des Studiums (dumm nur, dass ich so wenig daraus gemacht habe... :-/ ).

Die Schulzeit war auch nicht so anonym. Rückblickend finde ich an der Schulzeit vor allem dieses Eingebettetsein in eine Gemeinschaft schön. Klar, damals gab es beliebte und weniger beliebte Cliquen, coole Leute und Außenseiter, Streit, Freundschaften, die den Bach runtergingen usw. Aber selbst all diese Bewertungen, dieses, Wer ist cool und wer nicht, war ja nur deshalb möglich, weil man die Leute alle KANNTE. In meinem Abijahrgang waren wir nur 55 Leute. Das war ein bisschen wie in einer Familie. Diese Vertrautheit (nicht mit Harmonie zu verwechseln, wohlgemerkt!). Diese Verlässlichkeiten (z.B. dass Sebastian G. seinen roten Lieblingspulli immer drei Tage am Stück trägt etc. etc.). Man erfährt schon wahnsinnig viel über Leute, einfach dadurch, dass man sie jeden Tag in der Schule sieht. Jetzt im Nachhinein empfinde ich eine ziemlich starke Verbundenheit mit dieser Gruppe von Leuten, selbst mit denen, die ich schon seit Jahren nicht mehr gesehen habe. Es waren einfach prägende, intensive Jahre.

An der Uni ist das alles viel verwässerter. Die Gruppen sind größer, man sieht nicht mehr jeden Tag jeden, man muss sich anstrengen, um soziale Beziehungen zu pflegen (während man vorher halt einfach nur zur Schule gehen musste, um seine Leute oder halt einen großen Teil davon zu sehen).

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lars-weisbrod

ist jetzt-Mitarbeiter und hat diesen Beitrag verfasst.

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