Mädchen, warum könnt ihr so gut Maß halten?
Text: stefan-winter
Immer zum Wochenende: Jungs fragen Mädchen fragen Jungs. Weil manches kapiert man einfach nicht, bei denen.
Die Mädchenantwort:
Die Jungsfrage zum Anhören wird präsentiert von Süddeutsche Zeitung Audio - dort gibt es auch weitere Fragen zum Anhören!
Jungs, muss ich gleich zurück fragen: Wann war das letzte Mal, dass euch jemand wie ein radfahrendes Rhinozeros angeschaut hat, weil ihr euch nach einem langen Tag eine wohl verdiente Pizza reingepfiffen habt, ohne auch nur ein Anstandsstück liegen zu lassen?
Das ist einer Freundin von mir neulich beim Italiener passiert.
Oder: Wann hat jemand zuletzt eure Leber schon nach drei Bier als unfassbar standhaft bezeichnet? In dem Fall ging es um meine.
Das Geheimnis unserer Mäßigung ist: Nichts anderes wird von uns erwartet. In einer reinen Bierrunde können wir unbekümmert Schorle trinken, weil es niemand komisch findet. Es gilt als ganz normal, dass ein Mädchen eben vernünftig ist und das Vergnügen hinter ihren Teint stellt, vor allem unter der Woche.
Maßlos sein, über die Strange schlagen – das sind Freizeitaktivitäten, von denen Mädchen in der Regel eher abgeraten wird. Begründet wird das – ja, leider, mal wieder – mit unseren Körpern.
Los geht es in der Pubertät. Mädchen bekommen in dieser Zeit nämlich nicht nur Brüste und all das andere Zeug. Wir bekommen auch einen neuen Stoffwechsel. Auf einmal reagieren unsere Körper auf das, was wir in sie stecken. Wer als Kind noch problemlos vier Kugeln Eis plus eine Megaportion Spaghetti Bolognese nach einem durchtobten Tag verdrücken konnte, stellt plötzlich fest, dass sie sich in dieser Größenordnung nicht mehr wohl fühlt. Und selbst, wenn nicht, dann lauert garantiert irgendwo ein Vater, eine Mutter, eine Großtante oder eine beste Freundin, die ihr klar macht, das es so sein sollte: „Wie? Vier Kugeln, bist du sicher?“.
In dieser Zeit lernen wir ein Geschwader neuer Feindworte kennen: Kalorien, Wampe, Fett, Speckpolster. Containmentpolitik ist angesagt: Adieu, selbstvergessenes Schlingen, hallo Kohlehydratparanoia. Der Spruch: „Boah, ich hab grad eine Tafel Schokolade gegessen, jetzt habe ich voll das schlechte Gewissen“ wird erst zum Mantra und dann zur selffulfilling prophecy.
Euch glücklichen Jungs ist er in der Regel völlig fremd. Ihr dürft euren Kinderstoffwechsel nämlich noch ein bisschen länger behalten, bis ihr ungefähr 26 seid. In dem Alter sind wir dann weiter als ihr: Wir können euch dann ganz genau sagen, dass das, was sich über eurem Hosenbund abzeichnet, direkt mit den Nachtpizzas und Feierabendbieren zusammen hängt und regelmäßiges Sportschaugucken daran nichts ändern wird.
Das heißt aber nicht, dass es Mädchen leichter fallen würde, zu verzichten. Wir fangen nur früher damit an, uns Dinge zu versagen, weil wir wissen, dass wir für jedes „ja“ mit einem Anfall schlechten Gewissens bezahlen müssen. Und so ein schlechtes Gewissen, egal wie grundlos, tut mehr weh als der schlimmste Kater – das könnt ihr mir glauben. Mädchen sind eben überhaupt nicht essenziell vernünftiger als Jungs. Gut, wir begreifen vielleicht früher als ihr, dass das Heimwegbier am nächsten Morgen immer schmerzt und eigentlich keine Notwendigkeit hat. Aber dass wir das tun, liegt einfach nur daran, dass wir sehr viel früher damit anfangen, unsere Genüsse mit Sorge zu beobachten und zu bewerten. Das ist weder besonders erstrebenswert, noch macht es wirklich Spaß – ich vermute fast, ihr wollt das lieber nicht lernen.
meredith-haaf