„Wir sind nun mal keine Fledermäuse.“
Die Niedersächsische Landesvertretung liegt direkt am Holocaustmahnmal. Leger gekleidet in ein Nadelstreifenjackett und eine schwarze Hiphophose betrete ich an der Seite des Kollegen Chefdirekteursredakteurs das Eingangsportal. Bussi hier, Bussi da, man kennt sich, bzw. den Kollegen – und hofft, dass das Buffet nicht allzu lange auf sich warten lässt. Das interessante Thema dieses Abends: Auditory Valley Oldenburg. Die Frage: Welcher dieser drei Begriffe passt nicht in diese Reihe? Wir nehmen Platz in einer großen Holzhalle, vorletzte Reihe und lauschen dem Conferencier, der ähnlich linkisch wirkt wie Günther Jauch und seine Einführungsrede mit den Worten beginnt: „Sie kennen unsere Pferde. Lernen Sie unsere Stärken kennen. So sind wir Niedersachsen.“ Das kann ja heiter werden. Der junge Jauchklon bittet zuerst Dr. Halloumi auf die Bühne, einen gedrungenen Mann mit wenig Hals, dafür aber viel Bart, der von den Fortschritten der Hörgerätetechnik erzählt und dabei einen Satz in der Art „Die Geräte sind bald so klein, dass man bald nicht mehr weiß, ob man mit einem normalen Menschen oder einem Behinderten kommuniziert.“ Aha. Endlich erscheint der Stargast dieses Abends auf der Bühne. Professor Karlheinz Brandenburger, Erfinder des MP3 und bestimmt auch Namensinspirator für Til Schweigers Rolle in „Driven“, Beau Brandenburg. Und dann fängt ein Vortrag an, dem zu folgen nicht immer leicht ist, aber absolut unterhaltsam. Hier in Kurzform die wichtigsten Thesen Brandenburgers: 1. „Überabtastung bedeutet, dass es nicht mehr geht.“ 2. „2, 4, 8, 16, 32, 64, 128, 256, 512, 1024, 2048, 4096, 8192, 16384, 32768, 65536!“ 3. „Jetzt sind wir im Innenohr.“ 4. „Die Dinge, die im Ohr passieren, verstehen wir heute sehr gut.“ 5. „65536!“ 6. „Sportschützen sind besonders gefährdet.“ 7. „Wir sind nun mal keine Fledermäuse.“ 8. „Sind wir wirklich Fledermäuse?“ 9. „Ja! Nein!“ 10. „Wir sind in der Beziehung mehr Fledermäuse als wir denken.“ 11. „65536!“ Dann zeigt Professor Brandenburger ein paar Schaubilder, klickt eines davon allerdings ganz schnell wieder weg, weil es zu kompliziert ist, gibt ein paar Hörbeispiele von Paul Simon (Graceland) zum besten und veranstaltet ein Hör-Spiel, um die Leute wieder aufzuwecken. Nach ein paar weiteren Wortspielen wie „Raumklang Total! Aus Ilmenau“, die meinen Kompagnon zum Ausspruch „Wollt Ihr den totalen Raumklang … aus Ilmenau?“ verleiten und der Feststellung, dass Blinde Wände hören können, nimmt der Professor bei Dr. Halloumi auf einer Couch Platz und stellt sich den Zuschauerfragen. Kurz nach einer bestellten Fragepraktikantin, die genauso heißt wie mein Arbeitsamtberater, kommen die richtigen Leute an die Reihe. „Ich kann einfach keine Musik genießen, wenn ich im Flugzeug oder mit der Bahn unterwegs bin. Überall Geräusche, die mich stören. Was kann man da machen?“ Brandenburger empfiehlt Gegenrauschanlagen. Mein nebenan sitzender Redakteurskollege will seine Hand heben und fragen, was man denn bitte akustisch gegen die ganzen Leute in der Straßenbahn machen dürfe und ob das moralisch erlaubt sei, aber ich kann ihn gerade noch abhalten. Mittlerweile hat aber Dr. Halloumi wieder das Wort an sich gerissen. Er kontert das frisch erfundene Brandenburger-Wort vom „Lautsprecherchen“ mit einem kräftigen „Lärmsalat“ und spricht den schönsten Satz des ganzen Abends aus: „Mit Hörgeräten kann man heute noch nicht die Intelligenz ersetzen.“ Ein schönes Schlusswort, findet Jauch und verkündet, dass es im Obergeschoss jetzt Mampifmampfi gibt (nicht wortwörtlich, aber es wäre durchaus angebracht gewesen, das Buffet so anzukündigen). Sofort stürzt sich die Wissenschaftler und Rentnerschar in den ersten Stock und versucht dort verzweifelt, das Kartoffelgratin vom Schöpflöffel auf die Teller zu bekommen. Die Servietten sind sehr begehrt, steht auf ihnen doch „Typisch Niedersachsen: Mund abwischen – weiterforschen“. Recherchen ergeben, dass das Klopapier der Niedersächsischen Landesvertretungen unbedruckt ist. Als es um den Nachtisch geht, wird mein junger Freund und Redakteurskollege von einer Kreatur angefallen, die ihn aus dem Wirtschaftsministerium kennt. Kreatur: „Hallo Du! Bist Du auch hier!? Da hätte ich was für Dich!“ Kollege: „Ähm, seit wann duzen wir uns denn? Kreatur: „Äh … ich bin der ältere und dazu noch Senior Marketing Assistant. Da darf ich das.“ Kollege: „Ach so.“ Kreatur: „Wir haben demnächst den Herr XY Cohen als Redner bei uns. Der hat mehrere US-Präsidenten überlebt und war dazu noch Berater von Bush. Ein Bush-Berater!“ Ich: „Bush-Berater? Ich kenne nur Gärtner, aber keinen Busch-Berater.“ Kreatur (verwirrt): „Ein echter Bush-Berater!“ Kollege: „Vielleicht hat er ja einen grünen Daumen.“ Kreatur: „Hier hast Du meine Karte, ruf mich einfach an, wenn Du kommen willst.“ Die Kreatur wirft mir einen Blick zu, grinst unsicher und der Kollege dreht die Visitenkarte in seiner Hand. Vorderseite: Kontaktdaten, Telefon, Firmenname und Kram. Rückseite: Die Second-Life-Persona des Senior Marketing Assistant. Wie hat Dr. Hammoudi eben noch gesagt? Mit Hörgeräten kann man heute noch nicht die Intelligenz ersetzen? Stimmt.
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wenn man es nochmal schriftlich hat, ist es gleich 65536mal so lustig.








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11.06.2009 - 14:35 Uhr
CommodoreSchmidtlepp