Wir Boliden der leichten Zunft
Text: weltherrrschaft
4 Uhr morgens. Wir stehen oben auf dem Dach und gucken der Sonne beim Aufgehen zu. J sagt, dass da hinten doch eigentlich Norden sei und er das nicht verstehe, wieso dann ausgerechnet dort die Sonne aufgehe und ich antworte mit einem Fake-Dialekt: „Dit is Berlin.“
Wir entscheiden uns, nach der Arbeit noch auf den Erfolg anzustoßen und gehen raus auf die Straße. Uns fällt auf, dass die Stadt um diese Uhrzeit unglaublich gut riecht. Wir freuen uns, dass sie so gut riecht, schauen den paar Partyleichen hinterher, die die Skalitzer runter vom McDonald’s kommen oder gerade in die entgegengesetzte Richtung unterwegs sind. Die einen grüßen die anderen, die anderen Fragen „Where ist he harbour?“ Wir gehen vorbei und J zischt mir zu, dass sich die beiden Amis da wohl in der Stadt geirrt haben: „Hamburg! Da gibt es einen Hafen.“
In der Adalbertstraße kehren wir ein, um ein Haar werde ich von einem Dartpfeil durchbohrt. Zwei Bier bitte, die drei Darter zerstreiten sich, einer droht: „Wenn ich beim nächsten Mal wieder nulle, dann komm ich nie wieder her“, schleudert seine Pfeile Richtung Scheibe. Null Punkte. Immerhin ein Dart bleibt stecken, irgendwo neben in der Wand.
Wir stoßen an. Wir sind fertig. Wir sind glücklich. Wie es weitergeht? J prognostiziert: Alles wird ganz fantastisch. In seinem Rücken steht mittlerweile der Jägermeister-Mann. Der Jägermeistermann heißt Jägermeistermann, weil er ein Jägermeister-T-Shirt trägt und Jägermeister trinkt. Der Jägermeistermann wählt SPD und schiebt uns unauffällig 5 Postkarten mit Aufklebersets zu. Finanzhaie würden blablabla. Auf der Rückseite steht irgendetwas im Sinne von „Kleb Dir einen.“ Ich gehe mir die Hände waschen.
Als ich zurück an der Theke stehe, weist mich J auf die David-Lynch-Frau hin, die in der Sitzecke beim Spielautomat Platz genommen hat. 1,40 m, rote Basecap, 60, wenn nicht 70, vielleicht aber auch erst 40 Jahre alt, beobachtet sie, wie in meinem Rücken ein 2-Meter-Transvestit mit drei 1 Meter 60-Arabern flirtet. Hoch die Tassen!
Der Jägermeistermann steht hinter J und holt seine Zahnprothese heraus, streckt sie dem Wirt entgegen und bestellt einen Jägermeister. J fragt mich, ob ich diese Spielautomaten verstehe. Ob ich wisse, warum man da irgendwelche Knöpfe drücken müsse, wenn der Automat doch sowieso selbst auf zweimal Zitrone und einmal Tomate stehen bliebe. Wo denn da der Sinn sei – aber wo der ist, das weiß ich selbst am allerwenigsten. Vielleicht sollten wir den Mann mit dem fußballrunden Bauch fragen. Schließlich steht der schon seit einer guten Stunde dort und drückt Knöpfe.
J geht aufs Klo und bittet mich, nach ihm zu schauen, wenn er in 5 Minuten nicht zurück sei. Der Jägermeistermann schaut mich an, grinst und sagt, dass in einer Stunde Pastor König die Glocken läute. Das hieße, die Suppenküche mache um 7 auf. Dann bestellt er noch einen Jägermeister und wir prosten uns zu. „Auf die Suppenküche!“
Als Survivors „Eye of the Tiger“ endlich vorbei ist und Opus „Life is life“ genahnananat haben, erzählen die Eagles was vom „Hotel California“. Wenn ich kurz rüberschaue, sehe ich, wie ein betrunkener Tourist in der Sitzecke bei den Klos seinen Fan-Schal als Mikro benutzt und den Text mitgröhlt. Und ich sehe die seltsame Frau, wie sie ganz leise den Text mitspricht. Silbe für Silbe.
Der Jägermeistermann ist mittlerweile mit anderen Stammgästen ins Gespräch gekommen und deklariert sein Programm: „Wir Boliden der leichten Zunft!“ J und ich beschließen, dass wir Teil einer Bolidenbewegung sein möchten.
Nach der zweiten Runde Getränke und der erneuten Bestätigung von J, dass alles ganz fantastisch werde, verlassen wir die Bar. Es ist kurz nach 6 Uhr morgens und die Stadt duftet nicht mehr. Sie riecht und sie lärmt und die Leute aus der Frühschicht fahren zur Arbeit. Eine Taube pickt in einer angetrockneten Kotzelaache Paprikastücken und wäscht sich anschließend in einer Straßenpfütze der Oranienstraße. Der Libanese hat schon offen. Ich frage J, ob man dort ein original Lebanese Breakfast mit Schawarma und Leber bekomme und er grinst.
Auf dem Heimweg offenes Fenster. Ich gehe noch ein bisschen im Tiergarten spazieren. Hier duftet die Stadt immer noch. Ab und zu kommt mir ein Jogger entgegen. Ich weiß nicht, ob ich Bäume ausreißen kann, aber das ist auch gar nicht die Frage, denn ich werde Bäume ausreißen ...
Neue Texte zum Label 'Momentderbleibt':
Textoptionen
0
11.06.2009 - 13:32 Uhr
herzschlag_ins_gesicht