07.06.2009 - 18:30 Uhr

0 79 Über Twitter weiterempfehlen

Die zwei Seiten der Gewalt

Text: friederike-knuepling - Illustrierte Free Fight-Szenen: K. Bitzl

Am Samstag kommt „Free Fight“ nach Deutschland. Führt der Kampfsport tatsächlich zu einer Verrohung der Gesellschaft?

Mit welchen Argumenten überzeugt man also selbst natürliche Bedenkenträger wie Eltern von der Unbedenklichkeit einer Sportart bei der es „etwas rauer zugeht“, wie Peter es nennt? „Sie sehen, was dahinter steckt“, sagt Peter. „Sie sehen, dass MMA mich glücklich macht.“ Was dahinter steckt, springt vielleicht am ehesten ins Auge, als Peter Fotos von seinem letzten Besuch im Trainingscamp der „Berserker“, also der „im Rausch Kämpfenden“ zeigt. Die „Berserker“ trainieren in einem ehemaligen deutschen Bunker in Stettin – „ohne Heizung, ohne Fenster, ohne Sauna“, sagt Peter. Das Camp ist ein großes, unrenoviertes, unmöbliertes, ungemütliches Ohne, in dem ein paar junge Männer Pratzenarbeit machen. Es ist dieser Purismus, der Peter begeistert. „Du brauchst nicht mehr als eine Badehose, um trainieren zu können. Es geht um nichts anderes als um die beste Kampftechnik.“ Was hinter MMA steckt, ist für ihn das Ideal, etwas auf das Wesentliche zu reduzieren. Kein Bling-Bling, kein Verbeugen vor der Matte wie in weltanschaulich fundierten Kampfkünsten, kein Trainieren in hochtechnisierten Fitnessstudios, keine rechte Ideologie, keine linke. Vielleicht beschreibt Peter die Gegenwelt zu einer Gesellschaft im Überfluss, die dazu tendiert, Fußbodenheizung und Drittfernseher zur Grundausstattung des Lebens zu rechnen. Sein Sport dürfte das Gegenstück zu einer undurchschaubaren Gegenwart darstellen, die zum Beispiel in eine Krise geriet, weil komplexe Anlage-Konstrukte ihre eigene, schwer beeinflussbare Dynamik entwickelten. „Viele Gründe sprechen dafür“, hat Joyce Carol Oates in ihrem Essay „Über Boxen“ geschrieben, „dass sich Boxer gegenseitig bekämpfen, weil ihnen die wirklichen Gegner, auf die sich ihre Wut richtet, nicht zugänglich sind. Man bekämpft, was einem am nächsten liegt, was verfügbar ist, was sich anbietet.“ Was Free Fighter bekämpfen würden, wenn ihre Arme denn lang genug wären, das wären vielleicht die Ursachen für das Krisengefühl dieser Zeit: Die betriebsbedingten Kündigungen, die platzenden Generationenverträge, die Finanzkrisenohnmacht. Während sich draußen ehemalige Gewissheiten verflüchtigen, handelt MMA auf dem Boden der Tatsachen. Der Ring scheint einer der wenigen verbleibenden Orte zu sein, an dem ein gleichwertiger Gegner greifbar ist. Wer dort verliert, weiß wenigstens, gegen wen.
Zurück Seite 1 2 3 4


Neue Magazin-Texte:
Textoptionen
Mehr Texte von
friederike-knuepling
Mehr Texte zum Label
jetztgedruckt
Text Freunden empfehlen Text drucken Text melden
Der Text gefällt Dir?
Lesenswertpunkt schenken
Fehler gefunden?
Report an Error
Hier bei jetzt.de anmelden,
Texte schreiben und kommentieren.
Kommentar

speichern

Jetzt-Mitglied

friederike-knuepling unbekannt

friederike-knuepl…

ist jetzt-Userin und hat diesen Beitrag verfasst.


It's not respectless, it's my manner