"Am besten sind die Zeichnungen von absolut talentfreien Leuten"
Anthony und Diarmuid aus England malen die Cover von Musikalben nach. Mit Microsoft Paint. Jetzt sammeln sie in ihrem Blog die Zeichnungen von Hobbykünstlern aus aller Welt - 1500 sind es schon.
Die Engländer Anthony Richardson, 24, und Diarmuid White, 21, haben auf Facebook das Projekt "Paint My Album" ins Leben gerufen. Sie sammeln klassische Plattencover, die sie und die Mitglieder ihrer Gruppe mit Microsoft Paint nachzeichnen. Inzwischen sind 1.500 Zeichnungen zusammengekommen. Ihr Ziel: Bis zum Jahresende die 2000er Marke knacken. Die Ergebnisse siehst du unter anderem auf ihrer eigens eingerichteten Homepage.jetzt.de: Auf eurer Website schreibt ihr, dass ihr in der Schule furchtbar schlecht in Kunst wart, jetzt malt ihr mit Microsoft Paint. Ist das nicht noch schwieriger als per Hand?
Anthony Richardson: Mit elf Jahren hat man mir gesagt, ich solle mit dem Malen aufhören. Das war ein grausames Gefühl, aber ich war wirklich richtig mies. Paint ist das einfachste Programm überhaupt, jedes Kind könnte damit umgehen. Trotzdem gehören meine Zeichnungen auch jetzt zu den schlechtesten – aber sie werden von der Community begeistert angenommen. Das Tolle ist, dass es nicht darum geht, ob du gut zeichnen kannst. Uns gefällt, dass eben jeder, zuhause oder bei der Arbeit, ein Bild malen und es mit nur einem Mausklick der ganzen Welt zeigen kann. Und egal wie schlecht es ist, es wird bei "Paint My Album" immer Leute geben, die sich darüber freuen.
Wie seid ihr auf die Idee gekommen, Albumcover nachzumalen?
Diarmuid White: Uns war langweilig. Bei Langeweile kommen einfach die besten Ideen auf.
Anthony: Eigentlich hat das ganze als Witz angefangen. Wir zwei haben uns an der Manchester University kennengelernt, wo wir einen langweiligen Ferienjob hatten. Unser Computer hatte nur MS Paint drauf und Diarmuid hat angefangen, „Nevermind“ von Nirvana zu zeichnen. Das sah zum Schreien scheußlich aus. Immer noch als Witz haben wir dann auf Facebook die Gruppe „Let's redo classic album covers using Microsoft Paint“ gegründet und tausend Menschen von überall her sind beigetreten.
Welches der eingeschickten Cover gefällt euch besonders?
Diarmuid: Das beste Cover ist das zum Soundtrack von "Slumdog Millionär" von einem Kerl namens William Stephen Ward. Man kann den Aufwand und den Liebreiz förmlich riechen.
Anthony: Nein, also da muss ich dir total widersprechen. Es gibt so viele gute Arbeiten, „Purple Rain“ von Prince von Duncan Au ist eines der besten. Tatsächlich haben viele begabte Künstler bei Paint My Album mitgewirkt. Aber mir gefallen besonders die Cover von absolut talentfreien Leuten. Mark Browns Zeichnung von Nirvanas “Nevermind” ist entsetzlich – ich mag sie gerne.
Die witzigsten Cover, die schrägen Zeichnungen der beiden Jungs und ihre Favoriten:
[plugin bildergalerie Bild1="Al Green - Lay it down, gemalt von Jack Heath aus London" Bild2="Amy Winehouse - Back to black, gemalt von Clay McCuistion aus Concord" Bild5="Moby - 18, gemalt von Stacy James aus London" Bild7="Supertramp - Breakfast in America, gemalt von Jenny Neen aus St. Louis" Bild8="The Beatles - Let it be, gemalt von Robin N. aus St. Louis" Bild9="The Cardigans - Life, gemalt von Barry Fletcher aus London" Bild3="David Bowie - Aladdin Sane ist ein Werk von Diarmuid" Bild4="Michael Jackson - Bad ist ein Werk von Anthony" Bild6="Anthonys Lieblingscover: Prince - Purple Rain, gemalt von Duncan Au" Bild10="Diarmuids Lieblingscover: Der Soundtrack von Slumdog Millionär, gemalt von William Stephen Ward"]
Wie viele habt ihr selbst schon gezeichnet?
Diarmuid: 15 Stück, alle ungefähr vom gleichen Schwierigkeitsgrad.
Anthony: Ich habe inzwischen auch soviele, aber von konstant sinkendem Niveau. Derzeit bin ich mitten in „She’s so unusual“ von Cindy Lauper. Da steckt viel Liebe dahinter.
Wer sind die Leute, die euch ihre Werke schicken?
Anthony: Uns haben mehr als tausend Leute aus über dreißig Ländern Cover geschickt. Sie stammen aus allen Altersgruppen – der Jüngste ist elf, der Älteste 83. Die einen sind professionelle Künstler, anderen ist einfach nur im Büro langweilig. Manche zeichnen 50 Cover, andere nur eines und wir hören nie wieder was von ihnen. Das mag ich, dass Leute auf uns aufmerksam werden, zehn Minuten ihres Lebens zu unserem Projekt beisteuern, und wieder weitergehen.
Diarmuid: Eigentlich kennen wir diese Leute ja überhaupt nicht, die sind total mysteriös für uns. Deshalb würden wir am liebsten jeden von ihnen treffen. Wir werden auch mit einem Camcorder bewaffnet durch Großbritannien reisen, um rauszufinden, wer diese Leute sind. Wenn wir dann noch Lust haben, bereisen wir noch den Rest der Welt.
Fast ein Viertel eurer Fans kommt aus Taiwan und China. Wie erklärt ihr euch das?
Anthony: Woher unsere Fans kommen, hängt damit zusammen, welche Websites über uns schreiben. Einmal waren an zwei Tagen 10.000 Indonesier auf unserer Seite, nur weil ein Fan auf einem ihrer Blogs über uns geschrieben hat. Mit China ist das gleiche passiert, weil eine chinesische Zeitschrift vor zwei Wochen über uns geschrieben hat.
Diarmuid: Südostasien ist wie der Puls der Erde. Dort weiß man, was angesagt ist und was nicht. Reis zum Beispiel.
Wonach wählt ihr aus, welches Cover in eure Sammlung kommt?
Diarmuid: Wir diskriminieren da niemanden. Was in Paint gemacht wurde, kommt auch rein. Wir können und wollen nicht damit anfangen, Dinge danach zu beurteilen, ob sie würdig sind oder nicht. Wenn wir das täten, wäre das schon wieder wie Kunstunterricht in der Schule, also verdammt witzlos.
Welche Cover kommen besonders gut an?
Anthony: Ich glaube, ikonenhafte Alben funktionieren am besten. Solche, die jeder kennt – von Michael Jackson, Blur, Oasis, Coldplay. Die lustigsten sind die mit Menschen drauf oder mit ganz obskuren Motiven. Man kann wirklich den Charakter eines Menschen am Cover erkennen, das er sich ausgesucht hat!
Seit neuestem macht ihr euch einen Spaß daraus, bekannte Musikvideos nachzudrehen, ohne mehr als fünf Pfund dafür auszugeben. Erinnert irgendwie an den Film „Be Kind Rewind“ („Abgedreht“), in dem zwei Freunde Filmklassiker mit einfachsten Mitteln neu drehen. Wie kamt ihr nun dazu?
Anthony: Das mit den Musikvideos hat angefangen, als ein Fan aus Holland uns herausgefordert hat, mit nur fünf Pfund „Earth Song“ von Michael Jackson nachzudrehen. Die Resonanz war großartig. Gerade haben wir Lionel Ritchies “Hello“ abgedreht und dafür nur 3,96 Pfund ausgegeben - um Knetgummi zu kaufen. Wir freuen uns auch über neue Liedvorschläge.
Verfolgt ihr sowas wie ein Ziel mit der Aktion?
Anthony: Unser nächstes Ziel ist es, bis Dezember 2000 Albumcover zusammenzukriegen und die dann in einer Galerie auszustellen.
Diarmuid: Ich würde mir wünschen, dass mein Bruder von der Schule heimkommt und mir erzählt, dass "Paint My Album" das Topthema auf dem Schulhof ist, ohne dass er weiß, dass ich darin involviert bin.
Anthony: Ganz ehrlich Diarmuid: Das wird nie im Leben passieren.
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