02.06.2009 - 18:30 Uhr

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Leere in den Lehrsälen

Text: hannes-kerber - Foto: Evi Lemberger

Warum besuchen so wenige Studierende die Abschiedsvorlesungen bekannter Münchner Professoren? Bologna ist schuld

Für die heutige Vorlesung hatte der Professor angekündigt, die Schlacht von Salamis zu schlagen. Durch seine Handbewegungen bauen sich nun die Perserschiffe vor der griechischen Küste auf. Der Althistoriker Christian Meier, seit kurzem 80 Jahre alt, liest über die Anfänge Europas im fünften Jahrhundert vor Christus. Er ist der vielleicht bekannteste Emeritus der Universität München und wurde vor wenigen Tagen mit der Lichtenbergmedaille für sein Lebenswerk geehrt. Seine Vorlesung findet dienstags und donnerstags im ersten Stock des LMU-Hauptgebäudes statt. Der Hörsaal ist in diesem Semester halbleer. Die meisten Zuhörer sind Seniorenstudenten.
Ein ähnliches Bild bietet sich jeden Montagmorgen in der Vorlesung des Politikwissenschaftlers Hennig Ottmann, 65, dessen Publikationsliste mehr als 30 Seiten füllt und der diesen Sommer in den akademischen Ruhestand geht: Nur ein Drittel der Reihen ist besetzt, wenn er über die politische Philosophie seit Kant spricht. Und der Soziologie-Professor Ulrich Beck, ebenfalls 65, der auch in Harvard und an der London School of Economics lehrt, hat seine Vorlesung nach einer Woche in einen kleinen Hörsaal im Nordflügel verlegen müssen. Eigentlich hätte Becks Münchner Abschiedsvorlesung über die Soziologie im 21. Jahrhundert, wie alle seine Vorlesungen der letzten Jahre, in der repräsentativen Großen Aula stattfinden sollen. Aber in diesem Semester kamen nur etwa 80 Studenten. "Es ist schwer vorstellbar", sagt Beck mit Blick auf das Wegbleiben der Zuhörer, "dass früher ein akademischer Lehrer, ohne dass ich mich selbst in irgendeine Reihe stellen möchte, noch einmal abschließend seine Vorstellungen über Soziologie, politische Theorie oder die Antike präsentiert hätte - und das kein Ereignis gewesen wäre." Keiner der drei Wissenschaftler macht die Studenten für die halbleeren Hörsäle verantwortlich: "Die Studenten der Dienstleistungsuniversität müssen ihr Studium rationalisieren und das lässt für diese Art von Veranstaltung wenig Raum", sagt Ulrich Beck. "Ich finde es eher erstaunlich, dass doch so viele Studenten zu dieser Vorlesung kommen." Seine Vorlesungen passt nicht mehr in die Zeit, weil sie, genau wie die von Ottmann und Meier, keine Pflichtveranstaltung ist, man also weder Scheine noch Credit Points erwerben kann. Dies aber wird durch die "Bologna"-Reformen, die im Sommer abgeschlossen werden, das entscheidende Kriterium, nach denen Studenten wählen: Um das Studium europaweit vergleichbar zu machen und um die Berufsqualifizierung zu erhöhen, werden alle Studiengänge zeitlich komprimiert und dementsprechend umgebaut. Die Lehrinhalte werden so weit gekürzt, dass Studenten nach häufig nur drei Jahren die Hochschule verlassen können: Das führt, wie das Bundesministerium für Bildung und Forschung mitteilt, zu einer "Straffung" und "besseren Strukturierung" der Curricula. "Für alle Beteiligten ist es eine fehlgeschlagene Reform", sagt Henning Ottmann, Professor der Politikwissenschaft. "Wie bin ich froh, dass ich ,Bologna" nicht zu verantworten habe, dass ich meine Hände wie Pilatus in Unschuld waschen kann." Überflüssige Professoren Dominik Stich studiert an der LMU und ist Philosophie-Fachschaftssprecher sowie Mitglied im Fakultätsrat und im Konvent der Fachschaften. Er hat nach zwei Semestern einen nach den "Bologna"-Vorgaben reformierten Bachelor-Studiengang abgebrochen, um zum alten Magister-System zu wechseln. Er selbst sieht die leeren Hörsäle nur zum Teil als Symptom eines Problems: "Ich selbst ziehe Seminare Vorlesungen vor, weil diese für Fragen offener sind und intensiveres Arbeiten ermöglichen", sagt der 22-Jährige. "Aber es ist ein generelleres Problem, dass sich durch ,Bologna" die Professoren und die Studenten entfremden." Auch Christian Meier, der seit 1966 Professor für Alte Geschichte ist, stellt fest, dass sich das Verhältnis von Studenten und Professoren verändert: "Als ich in den Fünfzigern studierte, hatten die Studenten ein engeres Verhältnis zu ihren Professoren und man konnte im Hauptseminar in der Regel den Ordinarius ganz gut kennen lernen." Diese Entwicklung der Entfremdung von Lernenden und Lehrenden ist bedingt durch die Veränderungen, denen die Universität unterworfen ist: Bis 1965/66 hatte sich die Zahl der Studenten an der Universität München in nur zehn Jahren fast verdoppelt. Heute ist die Zahl der Studenten mit knapp 44 500 noch einmal doppelt so hoch wie vor 45 Jahren. Zwar wurden gleichzeitig auch immer mehr Wissenschaftler eingestellt, aber es ist wegen der größeren Auswahl weniger üblich, bei nur einem Professor zu studieren. Außerdem haben sich die institutionellen Rahmenbedingungen tiefgreifend gewandelt: Die alte Ordinarienuniversität der Weimarer Republik, an die in der Nachkriegszeit bewusst angeschlossen wurde, ist durch die Hochschulreformen der Sechziger und Siebziger abgeschafft worden. Die Universität der Ordinarien wurde zu einer Universität der Professoren. Durch "Bologna" entwickelt diese sich nun zu einer Mitarbeiteruniversität: Ein großer Teil der Lehre wird in Zukunft von Privatdozenten, Doktoranden und Dauerassistenten getragen. "Die Professoren werden dann eigentlich nicht mehr gebraucht", sagt der Politologe Henning Ottmann. "Im sechssemestrigen Bachelor werden sie nicht mehr die Inhalte bestimmen können, also kann eigentlich jeder akademische Rat die Veranstaltungen durchführen." Der Student Dominik Stich sieht in der Umwertung der Aufgabe der Professoren nur deshalb ein Problem, weil er befürchtet, dass die Qualität nicht gleich bleibt: "Die Standardisierung der Inhalte zwingt die Professoren zum Frontalunterricht und damit sinkt das Niveau", sagt der 22-Jährige. Es zeichnet sich ab, dass die Lehre in den Geisteswissenschaften besonders stark betroffen sein wird von den "Bologna"-Reformen: Der geisteswissenschaftliche Diskurs soll - unter der Annahme, dass sich hier das Wissen genauso objektivieren lasse wie etwa in der Physik - vom Einfluss des einzelnen Forschers freigemacht werden. "Früher war die Geisteswissenschaft um Personen herum organisiert", erinnert sich Henning Ottmann. "Und ich kann mir auch nicht vorstellen, wie es sonst sein sollte: Alle großen Leistungen wurden von einzelnen vollbracht." Was Christian Meier, Henning Ottmann und Ulrich Beck in ihren Vorlesungen in diesem Semester vor halbleeren Hörsälen präsentieren, ist nicht nur ein Rückblick auf das eigene wissenschaftliche Arbeiten, sondern auch die Einheit von Lehre und aktueller Forschung. Jetzt befürchten sie, genau wie viele Studenten, dass es damit im Bachelor-Studium, das im Herbst dieses Jahres europaweit vollständig eingeführt sein wird, vorbei sein könnte. "Man kann beobachten, dass sich die wirklich herausragenden, jungen Professoren durch ,Bologna" und die Exzellenzinitiative der Bundesregierung von der Lehre zurückziehen", sagt Christian Meier. "Die gute Lehre, genau das also, weshalb es eine Universität eigentlich gibt, wird ihr genommen, sobald sie sich auszeichnet."


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suesswarenabteilung
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Mag ich Mag ich nicht

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02.06.2009 - 19:35 Uhr
suesswarenabteilung

also ich hab mir ja schon mal überlegt für beck von pa nach muc zu fahren... nur, um den mal zu sehen. unabhängig davon, was er so sagt...

alcofribas
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Mag ich Mag ich nicht

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02.06.2009 - 20:50 Uhr
alcofribas

wundert mich, dass dieser artikel hier so wenig kommentiert wird. offenbar hat die geschätzte studierendenschaft keine zeit dazu. mein studium ist jetzt grade mal sieben jahre her und manchmal kommt es mir vor, als wäre in der zeit mehr an akademischem selbstbewußtsein und selbstverständnis den bach runter gegangen als jede exzellenzinitiative aufbauen kann.

ich schicke täglich ein dankgebet gen himmel, dass ich diesen bolognaquatsch nicht mehr erleben musste. wenn ich die seiten meiner alten fakultäten ansehe und welche veranstaltungen, welches curriculum da angeboten wird, bekomme ich das kalte grausen.

ich habe gehört, dass zb die uni potsdam geplant hat, die italianistik aus der romanistik herauszulösen und zusammen mit latein und griechisch zum block "mediterrane sprachen" zusammengefasst hat. da fehlen einem sämtliche worte.

strikingback
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02.06.2009 - 21:28 Uhr
strikingback

bologna wegstreiken :-)

jennifer_nathalie
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02.06.2009 - 21:35 Uhr
jennifer_nathalie

traurig aber durchaus wahr. warum 2h in eine vorlesung investieren, wenn ich dafür nicht in form von credit points belohnt werde?
dabei ist gerade ottmann wirklich einen besuch wert, die beste vorlesung des letzten semesters in meinen augen, die perfekte mischung aus kompetenz und schwarzem humor.

malasuerte
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02.06.2009 - 21:55 Uhr
malasuerte

strikingback sagte:
bologna wegstreiken :-)


ab dem 15. ist bildungsstreik..

sonnenblumenmaler
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03.06.2009 - 05:04 Uhr
sonnenblumenmaler

ich mache in großer Mehrzahl VEranstaltungen, wo ich keinen Schein benötige.
Die Schuld auf Bologna zu beschränken ist zu kurz gedacht.
Ich war schon auf Abschiedsvorlesungen, wo Professoren gesagt haben, dass sie endlich von der Last der Lehre befreit seien.

Dementsprechend gibt es auch viele schlechte Vorlesungen.
Und ein Dozent/Professor der schlechte Vorlesungen hält wird mit der Abstimmung mit den Füßen gestraft.

afrirali
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03.06.2009 - 07:12 Uhr
afrirali

dass die einheit von forschung und lehre aufgebrochen wird ist wirklich ein problem, auch weil man als forscher (zumindest in den geisteswissenschaften) die lehre eigentlich selbst braucht, weil man dort immer über sein eigenes gebiet hinausschauen muss, und dinge synthetisieren muss.

lewis0815
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03.06.2009 - 08:18 Uhr
lewis0815

naja Beck... Find ich toll dass er uns damals sein Buch zur Korrektur gegeben hat, und gesagt hat es sei eine Vorlesung.

Schade nur dass das Buch immer noch nicht fertig ist (da waren aber auch viele Fehler drin...)

riesenherz
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-2

03.06.2009 - 08:38 Uhr
riesenherz

Der Artikel hat in vielem recht, denke ich. Die strukturell wirkenden Konsequenzen der Bologna-Reform sind nie ausreichend antizipiert und/oder diskutiert worden. Weil man eben auch damit Ziele verfolgte, die nicht öffentlich gemacht werden sollten. Zum Beispiel günstig die Quote der "Akademiker" zu erhöhen.

Dennoch gibt es auch andere Gründe, vermute ich. Am Ende eines Forscherdaseins noch einmal das Große, Ganze in den Blick zu nehmen, wird von der heutigen Studentengeneration nicht unbedingt goutiert. Sie sind oft desillusioniert darüber, was ihnen ein solcher Vortrag "bringen" könnte. Aufwand-/Ertrags-Überlegungen sind der Preis für die pragmatische Wende.

Unlovable
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Mag ich Mag ich nicht

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03.06.2009 - 08:38 Uhr
Unlovable

"...Ein ähnliches Bild bietet sich jeden Montagmorgen in der Vorlesung..."

Ist klar, Bologna ist Schuld! ;)

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hannes-kerber unbekannt

hannes-kerber

ist jetzt-Mitarbeiter und hat diesen Beitrag verfasst.


wer a sagt, muß gar nichts.