02.06.2009 - 00:23 Uhr

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Leerlauf im Countdown

Text: TextmarkergelberGummihandschuh

Köln Hbf.
Ich zerre mein Gepäck hinter mír her. Erblicke die Anzeigetafel und sehe, was ich schon wusste: Zug verpasst. Also noch eine Stunde warten. Ich schlendere durch den Bahnhof, soweit man das schlendern nennen kann, denn die Taschen schränken meine Bewegungsfreiheit erheblich ein. Nachdem ich die Last in ein Schliessfach verstaut habe, setze ich meinen Weg fort. Mit dem Gepäck habe ich auch Hast und Ungewissheit hinter mir gelassen. Es ist Zeit, sich zu verabschieden. Ich trete vor den Haupteingang und beschliesse aus einer Laune heraus, noch einmal den Dom zu betreten. Während meine Füße durch die heiligen Hallen wandern, schnappe ich im Vorübergehen Schnipsel der Touristenführungen auf. Englisch, Französisch, Niederländisch. Von weit her kommen die Leute, um die Stadt zu erleben, die mich ein paar Wochen beherbergte. Ich fühle mich hier, im Schwarm der Touristen, als wäre ich in Köln zu Hause. Dabei bin ich nur in meinem Kopf daheim. Ich verlasse den Dom und renne durch den beginnenden Regen zurück zum Bahnhof. Mir bleibt noch Zeit, in der Buchhandlung zu schnüffeln, und obwohl ich nichts kaufen möchte, betrachte ich die Neuerscheinungen interessiert. In jeder Stadt sind es die Gleichen. Das ist etwas, woran ich mich klammern kann. Die Menschen, das Leben, es ist überall anders. Doch Bücher bleiben immer gleich. Ich verlasse den Laden und werde von einer alten Dame angesprochen. Ob ich denn wüsste, wo hier die Bahnen fahren? Und die Ticketautomaten? Die Welt verändere sich ja so schnell, und sie käme ja auch nicht von hier... Touristen. Ich bin heimisch genug, um ihnen zu helfen. Dabei frage ich mich, woher ich das Recht nehme, andere als Touristen zu betiteln. Bin ich nicht selbst nur ein Tourist? Ich war ein paar Wochen hier, bin immer wieder mal ein paar Wochen hier, so wie hier, bin ich ebenso in anderen Städten. Bin ich also kein Tourist? Bin nicht gerade ich ein ewiger Tourist? Ich hole mir bei Starbucks einen letzten Kaffee und genieße ihn. Den letzten in Köln. Wenig später sitze ich auch schon am Gleis. Ich war hier. Ich lebte hier. Ich lachte und weinte. In Köln. Wie irgendwo anders. Ich hätte überall sein können. Doch ich war in Köln. Doch es spielt keine Rolle. Das Leben hier wird weitergehen. Morgen früh wird sich jemand freuen, dass der Stammplatz der jungen Frau in der Bahn frei ist. Eine Sitzgelegenheit, wird er denken, und sich vielleicht noch überlegen, ob ich krank bin, bevor er mich vergisst. Bevor die Stadt mich vergisst. Köln war nur eine Station im Fahrplan meines Leben. Wenn ich wiederkomme, werde ich zurückdenken können. Noch ist es nicht so weit. Erst muss ich anderswo verweilen. Einen weiteren Punkt auf meiner To-Do-Liste zum Leben abhaken. Auf meiner Reise nach Ich-weiß-nicht-wo. Ich warte af den Zug. Ich warte, dass es weitergeht. So, wie ich schon seit Jahren warte. Ich habe Zeit. Der Zug fährt ein. Ich erklimme die Stufen, noch immer wartend. Wartend auf irgendwas. Während der Zug über die Rheinbrücke rattert, schaue ich noch einmal zurück.
Auf Wiedersehen Köln.


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