15.05.2009 - 18:30 Uhr

0 9 Über Twitter weiterempfehlen

Zum Beispiel Festung Europa: Wie Italien Bootsflüchtlinge umschifft

Text: klaus-werner-lobo

Er hat das "Schwarzbuch Markenfirmen" geschrieben, in "Uns gehört die Welt!" erklärt er Macht und Machenschaften von Konzernen - für jetzt.de macht Klaus Werner-Lobo Globalisierung plastisch. Heute: Nächste Woche steht Elias Bierdel von Camp Anamur in Italien vor Gericht - weil er afrikanischen Flüchtlingen half

Vor ein paar Wochen habe ich hier Vorschläge gemacht, was jeder und jede Einzelne von uns zu einer besseren Welt beitragen kann – und dabei vor allem auf Selbstvertrauen, Information, Solidarität und Zivilcourage Wert gelegt. Der deutsche Journalist und Menschenrechtsaktivist Elias Bierdel ist einer, der all das seit langem praktiziert. Gemeinsam mit dem Schiffskapitän Stefan Schmidt hat er 37 Schiffbrüchige vor dem Ertrinken gerettet. Die Geretteten waren Menschen, die von Afrika nach Europa fliehen wollten. Und deshalb soll nun gezielt die Existenz ihrer Retter zerstört werden: Beiden drohen vier Jahre unbedingte Haft und eine Geldstrafe von je 400.000 Euro. Kommende Woche findet im sizillianischen Agrigent der entscheidende Prozess statt. Was ist passiert? Am 20. Juni 2004 hatten 37 Afrikaner von Libyen aus die Überfahrt nach Italien angetreten und waren in Seenot geraten. Die Flüchtlinge trieben hilflos in einem lecken Schlauchboot, dessen Motor ausgefallen war. Ihnen drohte dasselbe Schicksal wie Tausenden anderen, deren Leichen mittlerweile fast täglich an die Küsten Europas gespült werden. Doch sie hatten Glück: Bierdel und seine Mannschaft nahmen die Schiffbrüchigen an Bord ihres Schiffes „Cap Anamur“ der gleichnamigen Hilfsorganisation, um sie in Sicherheit zu bringen. Doch zum Entsetzen aller versperrte die italienische Marine der Cap Anamur mit mehr als einem Dutzend Kriegschiffen die Einfahrt in den nächsten geeigneten Hafen. Durch die italienische Öffentlichkeit ging eine Welle der Empörung, und erst nach tagelangem Tauziehen wurde die Anlandung der Cap Anmur genehmigt. Doch Bierdel und seine Offiziere wurden verhaftet und angeklagt: Den Lebensrettern wird ausgerechnet Schlepperei vorgeworfen.
Bild von der Cap Anamur-Aktion vor fünf Jahren. (Foto: elias-bierdel.de) Das ist kein Einzelfall. Im vergangenen Monat wurden lybische Fischer wegen Hilfeleistung für in Seenot geratene Flüchtlinge zu einer Geldstrafe verurteilt. Ihre Boote – und damit ihre Lebensgrundlage - wurden konfisziert. Die italienischen Behörden wollen mit allen Mitteln die Ankunft der sogenannten Boat-People verhindern. Mein Freund Philipp Sonderegger, Sprecher der Menschenrechtsorganisation SOS Mitmensch, hat dieser Tage mit Elias Bierdel gesprochen. Er sagt: "Wir sind von der unterlassenen Hilfeleistung mittlerweile bei der aktiven Sterbehilfe angelangt". Das heißt: Fährt ein Schiff in der Nacht durch italienische Gewässer, erhält es angeblich laufend Anweisungen der Küstenwache, aus Sicherheitsgründen einen Bogen um die seeuntüchtigen Flüchtlingsboote zu schlagen. Offiziell sollen damit Karambolagen verhindert werden. Doch die Botschaft ist inzwischen bei den Seeleuten angekommen: Keine Flüchtlinge aufnehmen! Mithilfe militärischer Satelliten kann man die in Seenot geratenen Boote mittlerweile gut erkennen – auch bei Nacht. Doch der Wille der europäischen Regierungen, Menschenleben zu retten, hält sich in Grenzen. Italien hat jetzt begonnen, Flüchtlinge zu Hunderten postwendend nach Lybien zurückzuführen – ohne Zugang zu einem Asylverfahren. Das ist ein Verstoß gegen das Völkerrecht und gegen den EU-Vertrag. Die deutsche Regierung hätte es in der Hand, ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Berlusconis Regierung einzuleiten. Doch Merkel und Co. tun hier genauso viel wie für ihre in Italien angeklagten Staatsbürger Bierdel und Schmidt: Nichts. Hier der Link zu einer Protestaktion: Postkarte an den italienischen Justizminister Angelino Alfano PS: Elias Bierdel steht wegen des Prozesses vor dem Nichts. Deshalb hat SOS Mitmensch ein internationales Spendenkonto eingerichtet: IBAN: AT911400001910666017 BIC: BAWAATWW Kennwort: Bierdel ******
Klaus Werner-Lobo ist Autor und Clown. Sein neuestes Buch heißt „Uns gehört die Welt! Macht und Machenschaften der Multis“, seine Website ist unsdiewelt.com


Neue Magazin-Texte:

Mehr Texte von jetzt.de liest Du jeden Montag in der Süddeutschen Zeitung - außerdem dienstags im Lokalteil der SZ. Du kannst die SZ zwei Wochen kostenlos testen - du musst nicht einmal kündigen!

Textoptionen
Mehr Texte von
klaus-werner-lobo
Mehr Texte zum Label
Zum_Beispiel
Text Freunden empfehlen Text drucken Text melden
Der Text gefällt Dir?
Lesenswertpunkt schenken
Fehler gefunden?
Report an Error
Hier bei jetzt.de anmelden,
Texte schreiben und kommentieren.
9 Kommentare

speichern
yabadabaduuu
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

15.05.2009 - 19:38 Uhr
yabadabaduuu

traurig. und keiner der auch nur einigermaßen die nachrichten verfolgt kann behaupten er weiß von all dem nichts...
daß die mittelmeerländer das ganze nicht allein regeln und schultern können ist irgendwie klar. es müßte eine gerechte aufteilung über die eu-länder geben und dann ein normales asylverfahren (auch die sollten vereinheitlicht werden... naja, deutschland macht es sich mit dem nicht anerkennen & abschieben auch nicht gerade schwer..)

Meander
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

16.05.2009 - 11:06 Uhr
Meander

Diese gerechte Aufteilung will aber keiner. Denn Europäer sind ein arrogantes kleines Völkchen, das sich einbildet mit der EU eine tolle Idee gehabt zu haben. Schließlich sichert diese den Europäern die Macht. Scheiß darauf, dass die anderen dann krepieren.

Yngaren
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

-1

16.05.2009 - 22:58 Uhr
Yngaren

Man sollte die Flüchtlinge nicht umschiffen, sondern in die Emirate und nach Sau DiArabien weiter leiten. Dort gibts sehr viel Reichtum. Mehr Wolkenkratzer, als Einheimische.

reVolution20xx
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

3

17.05.2009 - 13:18 Uhr
reVolution20xx

oder einfach eine lebensgrundlage für die flüchtlinge in ihren ursprünglichen heimatländern schaffen...

riesenherz
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

17.05.2009 - 18:16 Uhr
riesenherz

danke auch für die links zu der solidarisierungsaktion.

Schwarzesrauschen
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

2

18.05.2009 - 12:00 Uhr
Schwarzesrauschen

Natürlich ist es furchtbar, dass in Seenot geratene Menschen nicht gerettet werden. Aber die Anklage der Schlepperei finde ich in gewissem Maß angemessen. Wohlgemerkt: Es ist nur eine Anklage, das Gericht hat darüber zu entscheiden, ob es Schlepperei war.
Die Cap Anamur hätte die Leute ja ebenso nach Libyen zurückbringen können, statt nach Italien.
Ich wünsche mir kein Europa dass von Heeren an Wirtschaftsflüchtlingen überrannt wird. Es ist sehr wohl im Interesse jedes Europäers, dass wir unseren Lebensstandard bewahren. Eine laxe Flüchtlingspolitik ermutigt nur noch mehr, und noch mehr und noch mehr illegale Immigration.
So schwer es ist, den Flüchtlingen muss klar werden, dass in Europa nicht Milch und Honig fließen, und dass es sich nicht lohnt zu versuchen, nach Europa zu kommen. Die meisten werden ja sowieso bitter enttäuscht, weil es auch hier das Geld nicht auf der Straße liegt, und sie am Ende ebenso schlecht dran sind, wie in ihren Heimatländern.
Ich fordere eine direkte Rückführung aller illegalen Wirtschaftsflüchtlinge.

cougarten
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

-2

18.05.2009 - 15:07 Uhr
cougarten

Schwarzesrauschen sagte:

Ich wünschte du wärst wo anders geboren

keos
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

18.05.2009 - 17:40 Uhr
keos

bin grade nicht zum ersten mal froh, dass wir nicht zur eu gehören. (auch wenn das nicht heisst, dass hier in sachen flüchtlinge alles gut läuft).

1Zack
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

1

20.05.2009 - 20:57 Uhr
1Zack

Hallo,

Afrika hat ca. 967 Millionen Einwohner.
"Verdient" hätten es ca. 150 Millionen in die Eu zu kommen. Wollt ihr Gutmenschen jeder einen zum persönlichen betreuen haben? D. h. mit ALLEN Kosten, von Nahrung, Wohnung, Bildung und Gesundheitskosten?!
Oder soll das wie so oft, von ALLEN bezahlt werden, damit ihr ein gutes Gewissen habt?

Schon mal nachgeschaut, wie dort allgemein das Bevölkerungswachstum ist?
In 20 Jahren würden wir wieder vor der gleichen Situation stehen.
Es nützt nichts, Afrika muss sich entwickeln, aber wenn z. B. Kenia sich wesentlich mehr Ministern gönnt als das"etwas" reichere Deutschland, die aber auch sehr gut bezahlt werden, sieht man ein wiiinziges Mosaiksteinchen, warum es so ist, wie es ist.
Auszug Wikipedia:
Kenias Bruttosozialprodukt ist in den letzten Jahrzehnten im Vergleich zu anderen afrikanischen Staaten überdurchschnittlich gewachsen. Da auch das Bevölkerungswachstum überdurchschnittlich war, hat sich dies nicht in einer wesentlichen Verbesserung der Lebensverhältnisse der meisten Kenianer niedergeschlagen.
ENDE
http://de.wikipedia.org/wiki/Kenia#Parte...


Mit Grausen wendet man sich ab.
Von den Problemen der Zugewanderten in Europa (NICHT durchgängig, aber häufig genug) möchte ich gar nicht anfangen.
Dann hätten wir hier in wenigen Jahren, den gleiche S.....h..... wie in Nigeria.
Überlegt mal, 20 Millionen Leute relativ kurzfristig mehr in Deutschland.

Der einzigen Lösung, der ich zustimmen würde. Ihr Gutis entfernt euch freiwillig aus dem Genpool und pro Nase holen wir einen Afrikaner.
Na, kommen wir ins Geschäft? >eg<

Gruß

Jens


Speichern

Jetzt-Mitglied

klaus-werner-lobo unbekannt

klaus-werner-lobo

ist jetzt-User und hat diesen Beitrag verfasst.

Klaus Werner-Lobo

Hat Beiträge verfasst zu