07.05.2009 - 18:30 Uhr

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Hört auf zu schnüffeln!

Text: xifan-yang - Illustration: Katharina Bitzl

Erst mal das Internet sondieren: Die Unsitte, neue Bekanntschaften zu googeln, zerstört das Geheimnis des Kennenlernens. Eine Selbstanklage

Es gibt viele überlieferte kleine Alltagsbräuche, die es einigermaßen unbeschadet in unser Zeitalter geschafft haben. Zu jenen, die ich besonders putzig finde, gehört das Ritual, Geschenke zu verpacken, was objektiv betrachtet sinnloses Einmummen von Gebrauchsgegenständen in umweltschädliches Einwegpapier ist und damit eigentlich abgeschafft gehört. Dennoch macht es jeder, selbst ansonsten wenig auf Förmlichkeit bedachte Zeitgenossen, die vor dem Geburtstag eines Freundes hastig die lieblos zusammen gestellte Mix-CD in das Feuilleton von gestern knüllen und eine Schleife aus Frischhaltefolie drum herum binden. Es ist eben eine kleine Respektsbekundung, mit der man einem Menschen den sinnlosen, aber schönen Kitzel einer kurzen Entdeckungstour schenken kann.
Geht es jedoch um den Kitzel, den man erleben kann, wenn man eine fremde Person kennen und lieben lernt, ist mittlerweile aber auch dem letzten die Lust am Unbekannten abhanden gekommen. Ein Beispiel: Am ersten warmen Wochenende dieses Jahres saß ich mit einer guten Freundin im Park. Irgendwie kam sie mit einem netten Jungen ins Gespräch, der wenige Meter neben uns auf einer Wolldecke logierte. Er hieß David, grinste schelmisch und hatte kein T-Shirt an. In einem früheren Leben hätte man da konkrete Schritte in Angriff nehmen können, sich verabreden zum Beispiel, aber meine Freundin wählte den konkretesten von allen: Sie ging erst mal ins Internet und fand über Google und Facebook alles über ihn heraus, was drin war. Es stellte sich heraus, dass David in seiner Pubertät goldene Ohrringe trug, seltsame Essgewohnheiten hat, sich erst vor zwei Wochen von seiner langjährigen Ex-Freundin getrennt hat, die ihn nun auf Facebook verleumdet. Alles Dinge, die man eigentlich gar nicht wissen will, zumindest nicht sofort. Meine Freundin hatte dann irgendwie doch keine Lust mehr, ihm zu schreiben. Jetzt kann man natürlich herkommen und sagen, ist doch selbst schuld, wer Innenleben und Jugendsünden für jeden einsehbar ins Netz stellt. Nur produziert in dem Fall das Angebot die Nachfrage und nicht umgekehrt. Vorab schon mal die Lage zu sondieren, bevor man weiter miteinander redet, ist zur Selbstverständlichkeit geworden. Ich weiß inzwischen, dass ich den neuen Freund einer alten Schulfreundin doof finde, ohne ihn je getroffen zu haben, allein aufgrund seiner Google-Ergebnisse. Manchmal erlebe ich in Gesprächen, dass der andere Dinge von mir weiß, die ich ihm nie erzählt habe. Manchmal google ich mich auch selbst und frage mich vorsichtshalber, was jemand von mir denken könnte, der meinen Namen schon mal in die Suchleiste eingegeben hat. Das Hinterherspionieren im Internet dient demselben Ziel, wofür im Militär eine Vorhut in ein Einsatzgebiet geschickt wird: Dem Gewinn von Informations- und Zeitvorteilen gegenüber dem Gegner. Täuschung zwecklos. Schade eigentlich, denn Kennenlernen, gerade im amourösen Kontext, ist auch immer Verstellungskunst, bei dem der Wechsel aus Verbergen und Entblößen gespielt wird. Seine Schokoladenseiten zeigt man stolz her, Macken und peinliche Vorlieben versteckt man besser. Nun ist Versteck-Spielen umsonst wenn man ohnehin splitternackt vor seinem Gegenüber dasteht. Da ist das Internet auch nicht anders als das wahre Leben: Wer zuviel von sich preisgibt, macht sich uninteressant. Und wer zwanghaft auf den Profilen potenzieller Freund- und Liebschaften herumsurft, raubt dem anderen die Möglichkeit, sich interessant zu machen bzw. interessant zu sein. Man selbst bleibt indes mit dem schalen Gefühl zurück, zwei Wochen vor Heiligabend die Geschenke gefunden zu haben. Hinterhältig und indiskret ist es zudem. Genauso wenig wie man zugeben würde, in anderer Leute Schubladen herumzuwühlen, würde man schließlich bei seinem nächsten Rendezvous sagen: „Du, ich glaub das wird doch nichts mit uns. Ich hab dich gestern gegoogelt.“ Natürlich mache ich es trotzdem. Aber nur noch ganz selten, hab ich mir vorgenommen. Was man außerdem in Sachen Netzidentität beachten muss, erfahrt ihr in dieser Anleitung


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36 Kommentare

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fraeuleiningeborg
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Mag ich Mag ich nicht

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07.05.2009 - 18:37 Uhr
fraeuleiningeborg

Hm. Ich fand das schon aufschlussreich, dass mir ein heftigerer Flirt nichtmal seinen richtigen Namen gesagt hat.

paleika
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Mag ich Mag ich nicht

0

07.05.2009 - 18:44 Uhr
paleika

ja das stimmt schon bis zu einem gewissen grad. oft zerstört das internet die chance auf eine tiefere bekanntschaft, weil man dinge erfährt die man eigentlich nicht so gern hat und sein gegenüber von vornherein abhakt. aber die dinge ändern sich nunmal. mit der zeit wird sich das schon irgendwo regeln...

DarkStar77
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Mag ich Mag ich nicht

0

07.05.2009 - 18:51 Uhr
DarkStar77

Man vergibt die Chance, Missverständnisse erklärt zu bekommen oder überhaupt die Sicht des anderen zu erfahren.

Daher danke ich meinen Eltern für meinen Google-sicheren Namen.

Es grüßt,
MüllerMeierSchmidt.

kikuju
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Mag ich Mag ich nicht

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07.05.2009 - 18:56 Uhr
kikuju

also, nicht dass der text nicht gut geschrieben wäre (was anderes erwartet man von xifan ja auch nicht ;) ), aber ist das nicht ein thema, dass so und in fünf anderen facetten hier in letzter zeit echt schon zig mal beackert wurde??

wollmops
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Mag ich Mag ich nicht

2

07.05.2009 - 19:05 Uhr
wollmops

ich google alle Leute ständig. und - wie hier neulich schon mal thematisiert, hast recht, kiku - man hat doch einen gewissen Einfluss darauf, was über einen im Netz steht. Der David ohne T-Shirt hat schliesslich bei Facebook selbst vermerkt, dass er seltsame Essgewohnheiten hat. und wenn ich jemanden aufgrund eines Facebook-Auftritts nicht mehr sympathisch finde, dann wär das sonst halt beim nächsten Treffen passiert.

von_oben_herab
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Mag ich Mag ich nicht

1

07.05.2009 - 19:34 Uhr
von_oben_herab

Wie wahr wie wahr...nicht so schön geschrieben, habe ich vor einiger Zeit diese Erkenntnis auch schon gehabt:

http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzei...

point88
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Mag ich Mag ich nicht

3

07.05.2009 - 20:44 Uhr
point88

xifan-yang sagte:
Kennenlernen, gerade im amourösen Kontext, ist auch immer Verstellungskunst, [...] seine Schokoladenseiten zeigt man stolz her, Macken und peinliche Vorlieben versteckt man besser.


Achso.

lea2
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Mag ich Mag ich nicht

4

07.05.2009 - 21:32 Uhr
lea2

mir sind die am sympathischsten, die nicht googlebar sind

Digital_Data
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Mag ich Mag ich nicht

2

07.05.2009 - 21:59 Uhr
Digital_Data

Auch ein ein Nachname der geläufig ist, ist kein Schutz, man findet Personen mit Google selbst mit Vornamen und wenigen zusätzlichen Information recht zuverlässig. Dazu kommt, dass wenn man nur geringfügig in der Öffentlichkeit steht und sei es nur als Vorsitzender des Taubenzüchtervereins Google bereits viele Ergebnisse liefert. Da hilft nur gutes Selbstmarketing, auch bei den Fotos ;-).

Aber was soll's, es ist wie mit der Partnersuche in INternetbörsen, man findet Dinge über Gemeinsamkeiten und UNterschiede heraus und filtert. Das spart Zeit, man sollte eben nur lernen damit erwachsen umzugehen.

Digital_Data

lukas0907
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Mag ich Mag ich nicht

0

07.05.2009 - 22:12 Uhr
lukas0907

Kenne ich von mir selbst leider nur zu gut. Aber es ist auch zu verlockend, einen Blick auf die Weihnachtsgeschenke zu werfen, um bei der Metapher zu bleiben, als dass man da widerstehen könnte. Wobei Facebook m. E. als Stalkingplattform eigentlich suboptimal ist, da man ja Profile von Usern, die man nicht in der Kontaktliste hat und mit denen man nicht die gleiche "Übergruppe" (Schule, Arbeit, Uni, etc.) teilt, gar nicht aufrufen kann. Ich habe das zumindest so eingestellt, da man ja nie wissen kann, ob es nicht gerade der Arbeitgeber ist, der etwas über einen herausfinden kann.

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ist jetzt-Mitarbeiterin und hat diesen Beitrag verfasst.