Zum Beispiel Spaß: Subversiver Humor ist der beste Protest
Er hat das "Schwarzbuch Markenfirmen" geschrieben, in "Uns gehört die Welt!" erklärt er Macht und Machenschaften von Konzernen - für jetzt.de macht Klaus Werner-Lobo Globalisierung plastisch. Heute: Nicht der Ängstliche wird die Welt ändern. Nur der, der auch närrisch ist
„Werner-Lobo ist Autor und Clown“, steht seit Wochen unter dieser Kolumne. Diesmal möchte ich erklären, warum ich meine journalistische Ernsthaftigkeit gerne auch mal der Lächerlichkeit preisgebe. Immer wenn die Häuptlinge des nordamerikanischen Volkes der Hopi hoch zu Ross ihre Macht demonstrierten, zäumten die Chühü’wimkya ihre Pferde von hinten auf. Die „Gegenteilmenschen“, wie diese Clowns bei den Hopi hießen, provozierten dann lärmend und obszön gestikulierend Gelächter und stahlen ihren Führern die Show. Und wenn der mächtige Schamane das Volk mit Magie und Zauberei beeindruckte, wurde er von den Gegenteilern so ungeschickt imitiert, dass alle lachend seine Tricks durchschauten. Wirtschaftskrise, Klimawandel, Krieg, Umweltzerstörung, Ausbeutung, Diskriminierung, Arbeitslosigkeit, Sozialabbau: Das alles ist natürlich kein Grund zum Lachen. Oh nein: Es ist, je nach Geschmack und Tagesverfassung, zum Fürchten, zum Ausderhautfahren oder zum Verzweifeln. Ja eh. Nur: Das hilft alles nichts. Schlimmer noch: Es hilft erst wieder nur den Mächtigen. Denn deren Macht gründet sich vor allem auf unserer Angst, unserem Frust und unserer Resignation. Wer sich fürchtet, lehnt sich nicht auf und ist beherrschbar. Früher war der Hofnarr der Einzige, der den König öffentlich kritisieren konnte. „Kinder und Narren sagen die Wahrheit“, heißt es. In Umberto Ecos „Der Name der Rose“ versuchen die Kirchenfürsten, Aristoteles’ Buch über die Komödie zu verbieten, weil sie wissen, dass die Menschen mit dem Lachen ihre Angst – und sie selbst damit ihre Macht - verlieren würden. Deshalb fürchten die Mächtigen nichts mehr als Menschen, die Spaß haben. Wäre Charlie Chaplins grandioser Film „Der große Diktator“ im Dritten Reich gezeigt worden, hätte dann nicht sogar Hitler seine mystische Aura eingebüßt, weil die Leute über dessen absurdes Gehabe gelacht hätten? Clowns wie Chaplin sind das Sinnbild der Imperfektion und daher auch eine Art „Anti-Gewalt“ gegen die diktatorische Welt der Marken und Ideologien, die Perfektion vorgaukeln und diese bei Bedarf auch gewaltsam durchsetzen. Der Clown ist der Archetyp dessen, der verliert, fällt, scheitert. Seine Nase ist rot, weil er dauernd auf die Schnauze fällt, häufig weint und zuviel trinkt. Seine Kleidung ist zu groß, weil sie ihm nicht gehört. Doch er ist ein glücklicher Looser: Denn wer alles, sogar die eigene Würde, verloren hat, hat nichts mehr zu verlieren. Und wer nichts mehr zu verlieren hat, hat nichts zu befürchten. Und wird damit gefährlich. Nicht umsonst wurden viele große Clowns - wie Chaplin, Dario Fo, Leo Bassi oder Jango Edwards - für ihre subversiven Späße verhaftet und von den Mächtigen bekämpft. Im vergangenen Herbst sollte auch das Kabarettistenduo Stermann und Grissemann mit Auftrittsverbot belegt werden und erhielt sogar Morddrohungen, weil sie die Mystifizierung des verunfallten Rechtspopulisten Jörg Haider dorthin geführt hatten, wo sie hingehört: ad absurdum. Bei den Protesten gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm vor zwei Jahren war es die Rebel Clown Army, die erfolgreich die Polizeisperren durchbrach – anstatt gewaltsam gegen sie vorzugehen, „spielten“ die Clowns freundlich mit den Polizeibeamten . Die Chühü’wimkya, die Gegenteiler, galten bei den Hopi einst als Garantie für das soziale Gleichgewicht der Gesellschaft, als wirksamstes Mittel gegen Machtmissbrauch. Was wir daraus lernen? Wer den Ernst der Lage erkannt hat, darf vor allem eines nicht: sich das Lachen verbieten lassen. ******
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jetzt heisst es: ihr dürft aber trotzdem das lachen nicht verlernen.
ähhh...verzeihung, viele von uns haben mit dem lachen sowieso kein problem.
weil wir die welt auf einem viel besseren weg sehen als sie. und natürlich weil wir nach lust und laune und ohne schlechtes gewissen konsumieren, durch die welt reisen, arbeiten und kinder bekommen können. denn wir glauben an ein besseres morgen in einer fortschrittlicheren welt. ohne verzicht um des verzichts willen.
einige der von ihnen angesprochenen probleme halten wir (jeder auf seine eigene art) für verzerrt dargestellt, komplett verdreht oder inexistent. ich zum beispiel den angeblich menschengemachten klimawandel. gerade der ist ein schönes beispiel für ihre eigene erläuterung: "Es hilft erst wieder nur den Mächtigen. Denn deren Macht gründet sich vor allem auf unserer Angst, unserem Frust und unserer Resignation. Wer sich fürchtet, lehnt sich nicht auf und ist beherrschbar."
niemals in der geschichte der menschheit war der anteil der menschen an der weltbevölkerung, die von hunger, armut und krieg betroffen waren so klein wie heute. die absoluten zahlen sind natürlich höher, aber nur weil es insgesamt sehr viel mehr menschen gibt. noch mehr grund zu ausgelassener freude - dank immer mehr kapitalismus.
http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzei...
Wir muessen endlich mal den Mythos begraben, dass jeglicher Humor zwangslaeufig subversiv ist. Humor hat genauso seinen systemerhaltenden Aspekt. (see: Stammtischwitze) Und manchmal sind diese beiden Seiten der Medaille gar nicht so leicht auseinanderzudividieren.
Der Clown hat also nichts mehr zu verlieren? Und was ist mit seinem Humor? Ich wuerde eher sagen: So lange ich noch was zu lachen habe, habe ich noch was zu verlieren. Und so lang ich noch was zu verlieren habe, mache ich keine Revolution. (Nicht nur die Machthaber, auch die Revolutionaere fuerchten den Humor.)
Lachen kann ein Ventil sein, dass den Ueberdruck verhindert, der zur Explosion fuehren wuerde. Die Machthaber halten sich die Hoffnarren nicht aus reinem Altruismus.
ich finde das ja ganz gut - als zutiefst unradikaler Mensch bin ich ja eher gegen Ueberdruck und Explosion - aber diese eher systemerhaltende denn subversive Ventilfunktion des Humors sollte man halt schon auch ein bisschen mitberuecksichtigen, wenn man sich schon mit dem Thema beschaeftigt.
Tja, manche Menschen fuerchten sich tatsaechlich vor Witzen. Aber das sind halt auch nicht unbedingt die cleversten...
ich habe noch nie in meinem ganzen leben über einen clown gelacht...ich glaube noch nichteinmal geschmunzelt.
ich habe mich immer gefragt woran das liegt, dass ich clowns so unslustig finde wie die neujahrsansprache von angela merkel.
jetzt aber, dank jetzt, denke ich, dass wenn sich hinter der clownsmaske häufiger so gänzlich verbiesterte, eindimensionale spaßbefreite rechthaber wie senor lobo verbergen es mich nicht wundert, dass wir nicht über die gleichen dinge lachen, die clowns und ich.
denker1968 sagte:
Stermann und Grissemann als Kämpfer gegen die Mächtigen zu bezeichnen ist schon sehr weit hergeholt. Regierungstreu mit Brachialhumor auf einen toten Jörg Haider einzudreschen ist wahrhaftig nicht "subversiv"!!! Diese beiden "Humoristen" folgten damit viel mehr dem regierungstreuen politischen Mainstream, damit der Regierungsrundfunk ORF ihnen überhaupt einen Job gibt!
so ist es.
(trotzdem weine ich jörg haider keine träne nach)
Da haben wir einiges gemeinsam, auch Chaplin war ein Clown, weil er eben auch viel aus seinen Requisiten zog, ob nun Bart, STock und Hut, die Schuhe und der Gang erinnern eh an einen Clown oder Nase und Bemalung spielt nur eine untergeordnete Rolle. Es gibt aber eben auch einige wenige Clowns, die wirklich komisch sind und auch mich zum Lachen bringen.
Wenn ein Dieter Hildebrandt mit "Der Mond ist aufgegangen" einen Helmut Kohl parodiert, dann hat das sehr wohl etwas Entlarvendes.
Digital_Data
shafty sagte:
ich lache wahnsinnig gerne, jeden tag mehrmals und herzhaft.ich habe noch nie in meinem ganzen leben über einen clown gelacht...ich glaube noch nichteinmal geschmunzelt.ich habe mich immer gefragt woran das liegt, dass ich clowns so unslustig finde wie die neujahrsansprache von angela merkel.jetzt aber, dank jetzt, denke ich, dass wenn sich hinter der clownsmaske häufiger so gänzlich verbiesterte, eindimensionale spaßbefreite rechthaber wie senor lobo verbergen es mich nicht wundert, dass wir nicht über die gleichen dinge lachen, die clowns und ich.
guter kommentar! meine gedanken gehen ihn ähnliche richtung, "karriere" als "blogger" machen i.dR. nur totalversager auf ganzer linie. und nennen sich dann "cyber-punks" o.ä......oder halt "clown und autor" oder "autor und clown". das proflillid lässt schon drauf schließen. so ne art schlingensief, aber gänzlich ohne erfolg.
EtwasdasmanmaggibtmankeinenoriginellenNamen sagte:
Die gelockerten Radmuttern waren eher kein PR-Gag. Der Freund einer Freundin hat damals den Auftritt von Stermann und Grissemann mitorganisiert, und sein Geschaeftspartner hatte dann den Unfall. Ich bin natuerlich biased, aber ich habe keinen Grund, die Geschichte anzuzweifeln.
Tja, manche Menschen fuerchten sich tatsaechlich vor Witzen. Aber das sind halt auch nicht unbedingt die cleversten...
Dann sollte der Freund Deiner Freundin aber auch gewußt haben, dass es gar keinen "Unfall" gab, von dem Du hier phantasierst. Lediglich ein angebliches Klappern der Räder auf der Autobahn.
Ob das so "clever" ist, hier Sachverhalte einfach frei zu erfinden...???
Daher nach dem Sommerreifenwechsel durch die Fachwerkstätte immer trotzdem die Radmuttern nochmal selber kontrollieren! (Haha! DAS ist subversiver Humor!!!)








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07.05.2009 - 20:04 Uhr
riesenherz
Aber der Clown hat eben auch die traurige, melancholische Seite, weil er um die Schatten weiß. Wenn er es schafft, dem geneigten Publikum den fröhlichen Clown zu geben, das Publikum zum Lachen zu bringen, empfindet er doch auch das Traurige einer solchen Szene. Er kann viel kraft spenden, aber er ist auch getrennt von dem vereinten Publikum. Darum mache ich mir manchmal sorgen um die Clowns dieser Welt. Wer hebt sie auf in ein Lächeln?
Gleichwohl stimme ich dir zu: Lachen schafft Freiräume, Lachen überwindet Pressionen, Lachen macht den Mut, der Macht zum Wanken bringt.
Auch in diesem Sinne: Danke für deine Kolumne.