"Heb auf! Geschenk!"
Text: marie-piltz - Fotos: just.ekosystem.org
Seit 2006 schmeißen junge Künstler in Berlin ihre Werke einmal jährlich fremden Leuten vor die Füße. Einfach so, vom Fahrrad aus - geschenkt. Vorbild sind die amerikanischen "Paperboys", die morgens die gerollte Zeitung in die Vorgärten werfen. Jetzt geht das Projekt in die vierte Runde und sammelt Kunstwerke für den großen Wurf. Wir sprachen mit Aisha Ronniger, 27, die "Papergirl" vor vier Jahren gegründet hat.
Wie sind die Reaktionen der Leute, die eure Kunst fangen - bekommt ihr die im Vorbeifahren überhaupt mit?
Meistens ist es wirklich so, dass man es nur noch so aus dem Augenwinkel mitkriegt. Viele Rollen fallen ja auf den Boden, denn ich persönlich bin kein so guter Zieler oder die anderen Leute nicht so gute Fänger. Es ist sehr schwer, die in so einem Überraschungsmoment direkt zu fangen. Manchmal fallen die also auf den Boden und du kannst nur noch im Umdrehen kurz sehen, ob das jetzt jemand aufhebt und wie der darauf reagiert. Und dann ruft man halt: „Heb auf! Geschenk!“ Manchmal gibt es auch Momente, wo die Leute sich erschrecken oder das an den Kopf kriegen – es ist ja wirklich unvorhersehbar, wie das abläuft. Gerade so vom Fahrrad aus: Man schlenkert rum oder dann kommt da ein Auto… das geht dann manchmal schon ganz schön wild her.
Haben einige der Beschenkten euch im Nachhinein kontaktiert, um sich zu bedanken?
Man kann ja zurück schreiben, auf den Rollen ist immer so eine Banderole drauf mit Infos und Email-Adresse. Aber das machen eigentlich nicht viele – davon bin ich aber auch ausgegangen. Ich würde wohl ehrlich gesagt auch nicht zurück schreiben, selbst wenn ich es unheimlich doll vorhätte. Ich hab letztens eine Email bekommen von einem Mädchen aus Holland oder Schweden, wegen der Aktion im letzten Jahr. Die meinte, sie wollte das die ganze Zeit schon machen und hat mir jetzt halt endlich geschrieben. So würde es mir halt wahrscheinlich auch gehen. Aber es sind immer ein paar dabei und das ist dann auch super schön, natürlich. Und manchmal gibt es auch verrückte Zufälle, wo man sogar Leute getroffen hat, über drei Ecken, die so eine Rolle haben und dann auch mitmachen wollen.
Wie viele Rollen verteilt ihr denn so im Schnitt?
Letztes Mal waren es so 270, davor ungefähr 150 Stück. Also die Tendenz ist steigend und ich denke, das wird dieses Jahr noch mal mehr. An der Verteil-Aktion sind dann meistens so 20 bis 30 Leute beteiligt, aber das könnten auch ruhig noch mehr sein.
Seid ihr immer in denselben Stadtteilen Berlins unterwegs?
Es hat sich so entwickelt, dass wir eigentlich jedes Mal wechseln. Am Anfang war es zufällig, das hing von den Ausstellungsorten ab, die ich zur Verfügung gestellt bekommen habe. Dadurch haben wir automatisch den Stadtteil gewechselt. Das erste Mal waren wir im Prenzlauer Berg unterwegs, das zweite Mal in Kreuzberg und dann hatte ich zwar letztes Mal wieder einen Raum in Kreuzberg, wollte aber Friedrichshain beschenken. Irgendwie macht das auch noch mal mehr Spaß, den Stadtteil zu wechseln, ein anderes Publikum zu haben –gerade wenn man sich in Berlin auskennt. Deshalb ist es dieses Jahr dann auch in Neukölln.
Im vergangenen Jahr seid ihr mit Papergirl auch erstmals im Ausland gewesen, beim spanischen Grafikfestival Ingráfika in Cuenca. Wie kam es dazu?
Das war ein totaler Zufall und sehr spontan. Einer vom Ingráfika-Organisationsteam war in Berlin, ist völlig zufällig bei unserer Vernissage reingestolpert und hat mich direkt angesprochen, ob ich nicht nach Spanien kommen will. In dem Moment dachte ich erstmal so: Oh Gott! Noch mal? Jetzt schon, so bald? Und hab erstmal gar nicht wirklich zugesagt. Aber letztlich war das dann total super und auch sehr gut organisiert. Die haben echt alles vorbereitet. Ich habe halt noch mal einen Aufruf gestartet, neue Arbeiten eingesammelt und die dahin geschickt und natürlich kamen über das Festival auch noch viele spanische Künstler dazu. Das war total schön, in einer ganz fremden Stadt, in einer fremden Sprache, Papergirl zu verteilen.
Lief die Aktion dort prinzipiell genauso ab wie in Berlin?
Die war schon anders. Zum einen, weil es eine Kleinstadt war. Das ganze Drumherum, das Flair und die Leute waren irgendwie anders. Und das Problem dort ist: Es gibt kaum Fahrradfahrer. Die Stadt ist ziemlich hügelig und liegt an einem Hang. Aber es gibt eine kleine Fahrrad-Assoziation, die sich fürs Fahrradfahren einsetzen und einen Verein haben – die haben mitgemacht und sind da mit eingestiegen. Und wir haben Leihfahrräder aus Madrid mitgebracht. Sonst wäre das gar nicht gegangen, ich glaube, dass diese Stadt sonst gar nicht genug Fahrräder gehabt hätte. Es war echt ganz lustig. Die Leute haben uns angeguckt wie so Autos. Die wussten gar nicht, was los ist. Aber letztendlich waren sie viel offener als in Berlin, weil die so was nicht so gewohnt sind. Die haben dann gleich gerufen: „Ja, ich auch, hier!“ Die sind aus sich rausgegangen und haben ihre Neugier viel offener gezeigt. In Berlin gibt es ja doch schon so eine Coolness. Da denken die Leute so: Och ja, och Kunst. Es gibt ja so viel Kunst in Berlin – neugierig sind zwar letztendlich alle, aber man zeigt es hier nicht so.
Von Kunst zu leben, ist nach wie vor sehr schwer, gerade in Berlin gibt es eine unheimlich große Konkurrenz. Warum verschenkt ihr eure Werke einfach so?
Hmmm. Also ich denke, das kommt einfach von diesem Streetart-Gedanken, auf der Straße zu arbeiten. Das lag uns eh schon nahe und dann war das sozusagen der nächste Schritt. Der Kern der Künstler ist es glaube ich auch gewohnt, Arbeiten zu verschenken und Arbeiten im öffentlichen Raum zu zeigen. Den Mehrwert, den man dadurch hat – den Spaß und diese Überraschung – den ist es für mich einfach wert, Sachen zu verschenken und Leute damit zu erfreuen. Das ist irgendwie viel mehr, als wenn du in irgendeiner kleinen weißen Galerie hängst und das eine Person sieht. Dieses Unvorhersehbare, das Arbeiten mit anderen zusammen und Leute kennenzulernen – das ist schon schön.
Mehr Infos zum Papergirl gibt es unter papergirl-berlin.de. Die nächste Ausstellung und Verteil-Aktion findet im Sommer statt, Arbeiten können noch bis zum 17.Juli eingereicht werden unter info@papergirl-berlin.de