16.04.2009 - 18:30 Uhr

0 5 Über Twitter weiterempfehlen

"Heb auf! Geschenk!"

Text: marie-piltz - Fotos: just.ekosystem.org

Seit 2006 schmeißen junge Künstler in Berlin ihre Werke einmal jährlich fremden Leuten vor die Füße. Einfach so, vom Fahrrad aus - geschenkt. Vorbild sind die amerikanischen "Paperboys", die morgens die gerollte Zeitung in die Vorgärten werfen. Jetzt geht das Projekt in die vierte Runde und sammelt Kunstwerke für den großen Wurf. Wir sprachen mit Aisha Ronniger, 27, die "Papergirl" vor vier Jahren gegründet hat.



Papergirl geht dieses Jahr in die vierte Runde. Was für eine Idee steckt hinter dem Projekt?
Aisha Ronniger:
Papergirl ist ein Kunstprojekt, bei dem Kunstrollen vom Fahrrad aus verteilt werden – so ein bisschen wie Zeitungsjungs in Amerika es tun, nur halt mit Kunst statt Zeitungen. Die Idee dazu ist mit einer Freundin im Gespräch entstanden. Zu der Zeit lief in den Medien gerade die Debatte um Graffiti und Street Art. Plakatieren sollte genau wie Sprühen als Sachbeschädigung eingestuft und vom Strafmaß gleichgesetzt werden. Das wurde letztlich auch umgesetzt. Wir haben uns also darüber unterhalten und überlegt, was man eigentlich für andere Möglichkeiten hat, die legal sind. Weniger weil wir dachten, oh Gott, jetzt kriegen wir Ärger, sondern einfach um ein bisschen mehr in der Öffentlichkeit arbeiten zu können, auch mit anderen Leuten zusammen und gleichzeitig Spaß dabei haben zu können. Und da meinte sie halt: Ja, Mensch, man müsste das den Leuten einfach hinwerfen, so vor die Füße knallen oder in den Laden rein. Einfach aus dem Moment heraus, spontan, keiner kann nein oder ja sagen – es geht einfach so schnell, dass da richtig Action drin ist.

Und wie ging es dann mit der Idee weiter?
Man hat so viele Ideen, aber ich hab mir gesagt, dass man davon auch mal was umsetzen muss. Immer nur drüber reden bringt nichts, ich mach das jetzt. Ich hab mir das ganz einfach vorgestellt: Ich frag einfach alle meine Freunde und dann deren Freunde und dann sammle ich diese Arbeiten ein, mache da Rollen draus und dann verteilen wir die zusammen. Das hört sich ganz simpel an, aber letztendlich war das dann doch ein ganz schöner Batzen Arbeit. Vor allem wenn man dann weiß, wie anstrengend es ist, Leuten hinterher zu rennen und die verbocken es dann doch wieder. Die Vorarbeit geht mittlerweile über mehrere Monate, um auch den Künstlern ein bisschen mehr Zeit zu geben. Das Verteilen geht dann so schnell, das ist in einer Stunde vorbei wenn’s hochkommt.

Letztes Jahr haben bereits 76 Künstler aus neun verschiedenen Ländern teilgenommen. Wie hast du die alle erreicht?
Es hat sich enorm herumgesprochen. Papergirl geht jetzt ja schon ins vierte Jahr. Da gibt es so ein bisschen Mundpropaganda, dann drucken wir auch Plakate und immer mehr ist auch durch Blogs gekommen. Über Blogs läuft unheimlich viel und das sind dann auch Streetart- oder Urban Art-Begeisterte, auch Künstler selber, die lesen und gucken: was machen die anderen gerade so? Da drüber kamen dann auch viele Leute aus anderen Ländern dazu. Es haben mir sogar Leute aus Südafrika geschrieben und aus Kanada. Das ist total irre, wenn du so eine Email bekommst: „Kann ich mitmachen? Ich bin aus Südafrika.“

Gerade hast du den Aufruf zu Papergirl Nr.4 gestartet. Wie kann man bei der Aktion mitmachen?
Anfangs war das natürlich unkoordinierter und spontaner. Mittlerweile ist es so, dass ich drei Monate Vorlauf habe. Jeden Monat haben wir ein Treffen, wo die Leute, die in Berlin sind, persönlich vorbeikommen können. Ich finde diesen persönlichen Kontakt sehr wichtig und glaube auch, dass das den Künstlern am Herzen liegt, dass man seine Arbeiten nicht irgendwohin an jemand Fremdes schickt, sondern es bei Möglichkeit direkt jemandem in die Hand drücken kann. Wir treffen uns dieses Jahr in einem Restaurant von Freunden von mir und da kann man sich auch gleich ein bisschen kennenlernen. Die Leute, die nicht in Berlin wohnen, können mir das per Post schicken. Die können mir eine Email schreiben und dann bekommen sie meine Anschrift.

Auf der Website heißt es, dass jedes Kunstwerk, das sich rollen lässt, eingereicht werden kann – technisch oder inhaltlich gibt es keine Vorgaben. Triffst du unter allen eingesandten Werken trotzdem eine Vorauswahl?
Nein, es wird wirklich alles verwendet. Ich plädiere, soweit es mir möglich ist, schon dafür, dass die Leute nur Sachen abgeben, bei denen sie davon ausgehen, dass andere sich darüber freuen, sich die gerne angucken oder auch hinhängen oder was auch immer damit machen möchten. Davon gehe ich einfach mal aus, wenn man was einreicht. Meine einzige kuratierende Arbeit ist die, von jedem Künstler mein Favorite auszusuchen und das hängt dann in der Ausstellung an der Wand. Die restlichen Arbeiten kommen alle darunter in einen Kasten. Aber man kann sich wirklich alles angucken, was eingereicht wurde.

In einer Ausstellung werden also alle Arbeiten vor dem Verteilen einmal gesammelt gezeigt. Geht dadurch nicht ein Teil des Überraschungseffekts verloren?
Nee, würde ich nicht sagen. Weil der Überraschungseffekt ist ja für die Leute auf der Straße so oder so da. Das sind ja eigentlich Leute, die nichts davon wissen. Das wäre dann schon ein irrer Zufall, wenn jemand vorher in der Ausstellung war und dann noch eine Rolle fängt, weil die ja nicht wissen können, wo wir lang kommen. Ich glaube, diese Ausstellung ist wichtig, um überhaupt mal zu sehen, was in den Rollen drin ist. Sonst sind die Arbeiten weg, verschenkt an irgendwelche Leute und nie wieder auffindbar, keinem anderen Publikum oder den anderen Künstlern zugänglich. Das war das Problem beim ersten Mal: Da hatte ich gar keine Ausstellung. Wir haben einfach die Rollen angeschleppt und zusammen verteilt und alle haben gefragt: und was haben die anderen abgegeben? Was ist denn da drin? Insofern ist das schon eine Notwendigkeit, diesen Reichtum der zu verschenkenden Arbeiten zu zeigen.

Auf der nächsten Seite lest ihr, wie die beworfenen Passanten darauf reagieren, mit Kunst beschenkt zu werfen und wie es kam, dass Papergirl im vergangenen Jahr auch in Spanien unterwegs war.

Weiter Seite 1 2


Neue Magazin-Texte:

Mehr Texte von jetzt.de liest Du jeden Montag in der Süddeutschen Zeitung - außerdem dienstags im Lokalteil der SZ. Du kannst die SZ zwei Wochen kostenlos testen - du musst nicht einmal kündigen!

Textoptionen
Mehr Texte von
marie-piltz
Mehr Texte zum Label
Interview
Text Freunden empfehlen Text drucken Text melden
Der Text gefällt Dir?
Lesenswertpunkt schenken
Fehler gefunden?
Report an Error
Hier bei jetzt.de anmelden,
Texte schreiben und kommentieren.
Kommentar

speichern

Jetzt-Mitglied

marie-piltz unbekannt

marie-piltz

ist jetzt-Userin und hat diesen Beitrag verfasst.


Hamburg/Leipzig