Die Welt als "lustige Verquickung von Unmöglichkeiten"
Text: Prinzessin_Brambilla
Brauner Lockenkopf, selbstbewusstes Auftreten, temperamentvolle Stimme: Nora Gomringer ist ein bekanntes Gesicht auf Poetry Slams in ganz Deustchland. Die 29-Jährige gilt als Hoffnungsträgerin in der Lyrikszene und erhielt für ihre Arbeit bereits zahlreiche Auszeichnungen. Im Interview spricht sie über den Luxus der Geisteswissenschaften, ihre fränkische Heimat, Schnecken und Hunde. Dieser Text erschien auf http://www.ottfried.de.
Bild: Anny Maurer
Welchen Stellenwert hat Lyrik in unserer heutigen Gesellschaft? Wird sie als Kunstform überhaupt noch geschätzt?
Sicherlich haben wir andere Prioritäten als Lyrik. Wenn ich mit der Frage nach Innovation auf die Lyrik sehe, dann ist da nicht viel atemberaubend Neues, aber viel Gutes, Beständiges. Der Stellenwert von Lyrik ist gering, was aber nicht schlecht ist, weil man dann manchmal besser hinsieht und es immer ein paar Unbelehrbare gibt. Zum Glück! Unbeirrbare sind: Rezipienten und Autoren, die gegen alle Strömungen und Konventionen unbeirrbar produzieren und lesen. Wenn nicht so viel Augenmerk auf einer Sache liegt, kann sie sich im Stillen entwickeln. Ich glaube, dass die Lyrik sich momentan sehr entwickelt. Ich warte und hoffe auf mehr-sprachige Einflüsse, das Türkische, das Russische, das Chinesische in der deutschen Lyrik. Nein, ausreichend geschätzt wird Lyrik nicht. Aber einzelne Lyriker, die wiederum für einen bestimmten "Ton" stehen. Das ist eben Geschäft. Da gibt es Zeitungen, Institutionen, auch Lehrstühle, die Richtungen, Stile bestimmen, sie "machen", indem sie ihnen Öffentlichkeit ermöglichen.
Welche Rolle spielt dabei der Poetry Slam?
Der Poetry Slam als Veranstaltungsformat hat und verdient Popularität. Da passiert etwas sehr Lebendiges. Leute, die schreiben, bemühen sich, ihre Texte so zu präsentieren, dass sie eine Einheit aus sich, dem Text und dem Vortrag entstehen lassen. Das ist in der Literaturszene immer noch eine Ausnahme.
Ihr Vater ist der Begründer der Konkreten Poesie. Ist er Ihnen ein Vorbild oder hinterlassen Sie lieber Ihre eigenen Fußstapfen?
Mein Vater, der der erste Poetikprofessor in Bamberg war, ist unumgänglich. In Sachen Schriftsteller-Sein und dabei so vielfältig-Bleiben ist er ein Vorbild für mich. Seine Gruppe, das sind und waren die Konkreten. Interessant ist, dass die Konkrete Poesie ja eigentlich schon historisch "abgeschlossen" ist. Das war eine Entwicklung von 1955 bis in die späten 60er. Heute wird sie immer wieder neu entdeckt...und das, was ich mache, ironischerweise, auch. Kulturjournalismus hat heutzutage oft kein wirklich langes Gedächtnis. Eigene Fußstapfen erkennt man ja erst, wenn man nach einer Weile zurückblickt. Mal sehen, was ich erreichen kann...Literarischer Erfolg ist meiner Meinung nach nicht planbar.
Haben Sie weitere Vorbilder?
Ich habe verschiedene Vorbilder für verschiedenes. Schauspiel: Eva Mattes zum Beispiel. Musikalisch: eine Dresdner Sängerin mit ihrem Duo: "Annamateur". Literarisch: Tove Jansson, für die ich mich erst seit zwei Jahren begeistere. Sie hat die "Mummins" erfunden. Stephen King, Lion Feuchtwanger, Mark Strand, Joyce Carol Oates, Peter Härtling, Christoph Meckel, Peter Bichsel, Franz Hohler, Inger Christensen, Dorothy Parker. In der Bildenen Kunst: Ruprecht Geiger, Max Bill, Francis Bacon und Jackson Pollock. Ich bin schnell, aber nur selten nachhaltig zu begeistern.
Gibt es für Sie einen typischen Arbeitstag?
Ich weiß viele Monate im Voraus, wo ich zu sein habe, an welchem Tag im Jahr. Das geht seit etwa vier Jahren so. Das macht typische Tage selten. Es gibt viele Ausnahmen. Fixa in meinen Tagen sind: Emails checken und beantworten, ein paar Seiten lesen, Einträge machen in mein schwarzes Notizbuch. Ich gehe sehr gerne ins Kino und sehe gerne fern. Zu einem perfekten Tag gehören diese Zutaten. Je nachdem, welche Aufgaben anstehen, muss ich zu Proben, Aufnahmen oder Interviews. Oft muss ich Reisen vorplanen. Selbst wenn man für's Goethe Institut reist, muß man seine Daten und Unterlagen beisammen haben und gut organisiert sein.
Über welche Themen schreiben Sie am Liebsten?
In meinen Sprechtexten bemühe ich mich, Monologe für einen versierten Sprecher zu schreiben. Die Themenpalette ist groß: Zwischenmenschliches, Allzumenschliches, Historisches. Ich habe bei den Sprechtexten den Versuch unternommen, mich den banalen und den heiklen Themen zu nähern. Da sind Texte zum Holocaust neben Texten über Schnecken und Hunde. Ich wollte da vorführen, wie emotional sich Motive durch den Sprechakt punktgenau aufladen lassen. Und wie schnell unser Gehirn arbeiten kann. Wie schnell wir umschalten, abschalten. Etwas zu verlieren ist tragisch, aber auch gut beschreibbar. Ich beschreibe oft Verluste, fällt mir auf. Die "Klimaforschung" wimmelt von Abschieden, Abgrenzungen. Und irgendwie ist es trotzdem auch wieder sehr humorvoll. Es zeigt sehr genau, wie ich die Welt sehe: eine oft lustige Verquickung von Unmöglichkeiten.
Sie haben in Bamberg Anglistik, Germanistik und Kunstgeschichte studiert. Inwieweit war das Studium hilfreich für Ihre Karriere?
Die Uni im Speziellen hat mir nicht beim Schreiben oder Veröffentlicht- oder Gelesen-Werden geholfen. Sie hat mein geistiges Fundament erweitert. Ich war gerne Schülerin und ich war gerne Studentin, obwohl mir das humboltsche Selbststudium schwergefallen ist. Ich habe die Zeit genutzt und neben meinem Studium viel gearbeitet (3 Jahre in der alten Müller-CD-Abteilung!), habe Hebräisch gelernt, war HiWi und lehrbeauftragt in der Anglistik. Die Jobs und meine Arbeitgeber haben mir ermöglicht, das Schreiben, Auftreten und Arbeiten parallel zu jonglieren. Insofern hat mir die Uni schon geholfen. Mein Studium war nicht so ...aufdringlich. Im Umfeld der Uni konnte ich viel veranstalten (mit vielen helfenden Händen!) und das ist wahrgenommen worden. Gute Kontakte sind entstanden. In punkto "networking" war die Uni hilfreich, es hätte mir nur mal jemand sagen sollen, dass es auch so was wie Stipendien gibt. Ich wäre da von selbst nie drauf gekommen, Förderung in Anspruch zu nehmen. Unaufgefordert danach zu fragen, dafür war ich zu scheu. Ich denke, manchen Menschen nutzt ihr Studium mehr. Aber in den Geisteswissenschaften hat man ja den großen Luxus, ein bisschen "ungenau" studieren zu können, nicht so verflixt ziel-und zweckorientiert. Es tut gut, in einer Umgebung zu sein, in der Sprache(n) und die Beschäftigung mit ihr/ihnen ernst genommen werden. Meine Vebindungen zur Uni werden immer loser. Ich promoviere in Anglistik. Über die Veränderungen im Horror-Genre, in Film und Literatur, seit 2001. Mein Doktorvater ist emeritiert.
Sie sind ständig im Ausland unterwegs, dennoch kehren Sie so oft wie möglich wieder ins Fränkisch-ländliche zurück. Was bedeutet für Sie Heimat?
Heimat ist ein Gefühl, das überall geweckt werden kann. Ich bin durch und durch zu Hause in New York, Bamberg und Rehau bzw. Wurlitz, meinem Dorf, im Arbeitszimmer meiner Mutter und im schönen Mühlhaus meines Freundes. Auch in der Videothek meines Vertrauens und im Vierether Tonstudio von Scratch Dee.
Bamberg und die Region sind der Wohnort vieler Erinnerungen und Freunde. Der Sommer in Bamberg ist grandios, das Licht hängt lange an den Häusern und der Weltkulturerbelauf war mein erster Halbmarathon.
Wo sehen Sie sich in 10 Jahren? Wie sieht Ihre nähere Zukunft aus?
Die große Einstellungsfrage. Zum Jahresbeginn ist mir mitgeteilt worden, dass ich ein Stipendium erhalten habe, das ich schon sehr lange angeschielt habe...Herbst in New York, im renommierten Ledig House. Es gibt noch mehr große Stipendien, für die ich mich weiter bewerben werde, Einladungen zu Festivals und Veranstaltungsorten, die ich gerne besuchen möchte. Dann hoffe ich, weiter zu veröffentlichen, weiter mit Musikern und Künstlern arbeiten zu können. Mein Traum wäre es, später andere Künstler zu fördern, Verbindungen zu schaffen. Auch auf internationaler Ebene. Ich habe Erfahrungen gesammelt im Gefördert-Werden und habe amerikanische, spanische, kanadische und viele deutsche Künstler in meinem schmalen Rahmen gefördert. Das möchte ich fortsetzen. Gerne in größerem Rahmen. Und einmal in einer Hollywoodproduktion Kabelträger sein, das wäre toll. Ich denke eher in ein-Jahresabschnitten und hoffe, dieses Jahr meine Doktorarbeit abschließen, Martin Beyers neues Buch lesen, viele Shows von Mia Pittroff sehen und im Mai unsere "EAT Hoffmann"-Anarcho-Produktion mit DJ Kermit und Seb Magnus gestalten zu können.
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30.03.2009 - 11:40 Uhr
Aporia