27.03.2009 - 18:30 Uhr

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Das Sterben der Gangster

Text: julia-finger

Der Rapper Fler und das Erfolgslabel Aggro Berlin trennen sich. Zurück bleibt ein Musikstil, den langsam niemand mehr hören will.

Seit Freitag ist das vierte Album des Rappers Fler auf dem Markt. Das Werk mit dem simplen Namen „Fler“ wird die letzte Zusammenarbeit zwischen Aggro Berlin und dem Rapper sein. An den Erfolg von „Neue deutsche Welle“ konnte Fler nie wieder anknüpfen. Im Gegenteil: Die Verkaufszahlen sind gesunken.
Sechs Jahre ist Flers erstes TV-Interview her. Damals saß der 20-Jährige mit Moderator Falk Schacht in der VIVA-Sendung „Mixery Raw Deluxe“ und posaunte: „In Berlin sind wir keine große Hip-Hop-Familie. Man muss sich erstmal beweisen. Wenn du’s nicht drauf hast, wirst du kaputt gemacht. In anderen Städten ist das anders. Aber Berlin ist hardcore.“ Aggro Berlin, das Label, das bald darauf deutschen Gangsta-Rap kommerziell machen sollte, hatte gerade ein paar Büroräume in einem ehemaligen Bordell angemietet und ein stilisiertes Sägeblatt als Logo auserkoren. Fler hatten sie erst seit kurzem unter Vertrag. Auch die Plattenfirma selbst steckte noch in den Kinderschuhen. Dennoch sprach Fler, einer der wenigen deutschen Gangsta-Rapper, die keinen Migrationshintergrund haben, von dem Label, als wäre es die einzig richtige Antwort auf die Dauerflaute in der deutschen Musikszene. „Wir sind cool, wir sind gut, wir sind die Einzigen, die was Neues machen. Aggro Berlin, Label Nr. 1.“ „Mixery Raw Deluxe“ existiert heute nur noch als Internetshow, Falk Schacht ist nach wie vor Moderator. Und so kam es, dass ihm vor einigen Wochen Fler wieder gegenüber sitzt. Deutlich breitschultriger, die Haare geschoren wie Boxer Mike Tyson, spricht der Rapper nicht mehr euphorisch von seinem „Aggro Berlin, Label Nr. 1“, von der Plattenfirma, die nach seinem ersten Interview 2003 tatsächlich die Antwort war auf den schlechten Absatz in der deutschen Musikszene, und der es trotz überwiegend anderslautender Prognosen gelungen ist, Berliner Hip Hop als deutsche Basis des Musikgenres zu etablieren. Flers Ton hat sich geändert: „Ich mache mein eigenes Ding“, lässt der 26-Jährige gegenüber Falk verlauten, „Man merkt irgendwann, wer echte Freunde sind.“ Nach solchen Äußerungen überrascht es nicht, dass nun kolportiert wird, Fler und Aggro Berlin würden bald getrennte Wege gehen. Auffällig ist nur, dass diese Information einhergeht mit der Veröffentlichung von Flers viertem Soloalbum, das am Freitag erschienen ist. Der deutsche Gangsta-Rap erlitt auf seinem Musik-Olymp einen Herzinfarkt und liegt nun im Hospiz. Als im letzten Jahr erst Sido neben Casting-Drill-Instructor Detlef „D!“ Soost in der „Popstars“-Jury den Schwiegermutter-Star mimte und wenig später dann Bushido in seinem 30. Lebensjahr eine Autobiografie über langatmige Ghettoanekdoten veröffentlichte, erkrankte der deutsche Gangsta-Rap schwer. Die Verkaufszahlen gingen in den vergangen Jahren so weit zurück, dass Legende Kool Savas Ende 2008 sein Label „Optik Records“ schließen musste. Im Februar veröffentlichte der Ruhrpott-Rapper Manuellsen einen 14-minütigen Abschiedssong, in dem er den Fans vorwirft, Musik nicht mehr zu kaufen, sondern nur noch illegal im Internet zu laden. Die Popularität der Rapper bleibt vorerst bestehen – von der Musik leben können jedoch die wenigsten. Die junge Hörerschaft ist Teil der „Generation Download“. Sie ist mit File-Sharing-Diensten wie Rapidshare und Programmen wie Limewire aufgewachsen. CDs zu kaufen scheint vielen von ihnen absurd. Kein Wunder also, dass die Musiker und vor allem deren Macher andere, marketingstrategisch scheinbar erfolgversprechendere Wege einschlagen. Um eine neue Zielgruppe zu erschließen, nahm Bushido vergangenen Sommer einen Song mit Schlagergröße Karel Gott auf. Da verwundert es nicht, dass Sidos vergangenes Album „Ich und meine Maske“ eine Mischung aus Kinderpop und Sozialkritik war. Fler verweigerte sich stets solchen musikalischen Mash-Ups. Die neuen Stile seiner Kollegen nennt er in Songs und Interviews abfällig „Emorap“, „Poprap“, „Technorap“. Vom Gangsta sei im deutschen Hip Hop nicht mehr viel übrig geblieben. Er sei der letzte wahre Rapper. Bevor Fler sich seinen Künstlernamen gibt, heißt er Patrick, gesprochen mit englischem A. Patrick wächst ohne Vater in der Westberliner Thermometersiedlung auf, die wie so viele Trabantenstädte als sozialer Brennpunkt gilt. Er ist schlecht in der Schule und streitet oft mit seiner Mutter. Als die Mauer fällt, ist er sieben. Während der Pubertät leidet Patrick unter Angstzuständen und Depressionen und begibt sich in stationäre Therapie. Danach kommt er in ein Jugendheim am Wannsee. Das wird der erste Wendepunkt in seinem Leben. Er lernt einen Jungen kennen namens Anis, der sich Fuchs nennt. Tagsüber machen die beiden eine Ausbildung zum Maler und Lackierer, nachts rennen sie über Berlins U-Bahn-Gleise und verzieren Waggons mit Farbe aus der Sprühdose. Patrick ist der bessere Graffitikünstler. Noch heute malt er und signiert mit dem Namen Fler. Anis hingegen ist vom Sprühen schnell gelangweilt. Aus Anis wurde Fuchs, aus Fuchs wird Bushido. Aus Sprühen wird Musik. Er ist ein Jahr vor Patrick mit der Ausbildung fertig. Der sensible Patrick hält es ohne den Freund im Heim nicht aus und bricht seine Ausbildung ab. Bald rappt auch er. Dann lernen Fler und Bushido die Aggro-Berlin-Gründer Halil, Specter und Spaiche kennen.
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julia-finger

ist jetzt-Mitarbeiterin und hat diesen Beitrag verfasst.


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