27.03.2009 - 18:30 Uhr

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Zum Beispiel Alternativen zum Kapitalismus

Text: klaus-werner-lobo

Er hat das "Schwarzbuch Markenfirmen" geschrieben, in "Uns gehört die Welt!" erklärt er Macht und Machenschaften von Konzernen - für jetzt.de macht Klaus Werner-Lobo Wirtschaft plastisch. Heute erkundet er Alternativen zum Kapitalismus.

Heute möchte ich über Alternativen zum Kapitalismus reden. Und bitte gleich um Entschuldigung, dass das in einer Kolumne wie dieser natürlich ein fast unmögliches Unterfangen ist: Zu komplex sind die Wirtschaftszusammenhänge einer globalisierten Welt, und zu gefährlich wäre es, hier einfache Lösungen zu erwarten. Wer das unmenschliche System des Kapitalismus mit seiner Fixiertheit auf persönliche Bereicherung auf Kosten anderer und der Umwelt kritisiert, wird schnell verdächtigt, auf das einzige weltweit bekannte Gegenmodell zu setzen: Den autoritären Kommunismus, wie er in den Sowjetländern gescheitert ist und wie er uns in Ländern wie China, aber auch zum Beispiel in Kuba noch immer vor Augen führt, dass autoritäre Modelle immer auf Kosten individueller Freiheit und der grundlegenden Menschenrechte gehen. Ich selbst war im Februar vier Wochen lang auf der Karibikinsel und konnte mich davon überzeugen, dass auch dort der Preis für die vergleichsweise hohe soziale Gerechtigkeit sehr hoch ist. Verglichen mit den kapitalistischen Ländern Lateinamerikas fällt es in Kuba zwar auf, dass es dort trotz der allgemeinen Armut so gut wie keinen Hunger, keine Obdachlosigkeit, keine Straßenkinder und kaum Kriminalität gibt. Dinge, die überall sonst auf dem Subkontinent menschenunwürdige Ausmaße angenommen haben. Gesundheits- und Bildungseinrichtungen sind zum Teil sogar besser als in Europa, doch Planwirtschaft, Polizeistaat und die massive Einschränkung von Meinungs-, Reise- und anderen Grundfreiheiten reduzieren den Einzelnen auf ein Rädchen in einem übergeordneten, autoritären System und hemmen sowohl den wirtschaftlichen Wohlstand als auch die individuellen Entwicklungsmöglichkeiten. Also letztendlich das Potenzial der Menschen, ein glückliches Leben zu führen. Nun gibt es in der Geschichte Gesellschaftsmodelle, die eigentlich ganz gut funktioniert haben, aber durch autoritäre und mit Waffengewalt durchgesetzte Systeme wie Kapitalismus und Realsozialismus fast immer und überall unterdrückt wurden. Eines davon ist der Anarchismus: Entgegen landläufiger Meinung bedeutet Anarchie nicht Chaos, sondern im Gegenteil „Ordnung ohne Herrschaft“. Das griechische Wort ἀναρχία heißt nichts anderes als Herrschaftslosigkeit. Tatsächliche lebten und leben zahlreiche indigene Gesellschaften weitgehend ohne autoritäre Herrschaft: Leitungs- und Organisationsfunktionen werden auf Zeit und auf die jeweilige Aufgabe beschränkt vergeben, das Zusammenleben wird – ähnlich wie in einem Verein, wo alle freiwillig Mitglieder sind – durch Regeln geordnet, die gemeinsam und nicht durch eine zentrale Führungsgestalt entschieden werden. Anstelle der persönlichen Bereicherung mit privatem Eigentum werden Ressourcen gemeinsam erwirtschaftet, verwaltet und geteilt. Dass das nicht nur in „primitiv“ lebenden Gesellschaften funktioniert, zeigte sich zum Beispiel während des spanischen Bürgerkrieges (1936-39), als große Teile Nordspaniens von der Bevölkerung selbst verwaltet wurden, ohne dass es eine Regierung gab. Weil sich niemand mehr persönlich bereichern konnte, kosteten viele Waren plötzlich nur noch ein Viertel des früheren Preises, und auch die Produktion stieg. Die spanischen AnarchistInnen verwalteten sogar die Verkehrsbetriebe von Barcelona – schon damals eine Millionenstadt – erfolgreich und ohne Vorgesetzte. Dass diese Phase vorüberging, lag nicht am Scheitern des Systems (wie in den Sowjetrepubliken), sondern an den spanischen Faschisten unter General Franco, die den Bürgerkrieg gewannen und das Land in eine Diktatur stürzten. Gerade aufgrund der bestehenden Machtverhältnisse bleibt der liberale Sozialismus, wie man den Anarchismus auch nennt, natürlich eine Utopie. Die Frage müsste also sein, wie wir das, was wir jetzt bereits an sozialen Errungenschaften haben – allen voran Demokratie, Rechtssysteme und solidarische bzw. ökologische Wirtschaftsformen – so weiterentwickeln können, dass wir dieser Utopie zumindest ein Stück näherkommen. Das Wort „Wirtschaft“ kommt von „Werte schaffen“. Das Streben nach Profit für einige wenige schafft keine Werte, es erzeugt Zerstörung und Ausbeutung. In einer globalisierten Welt ginge es daher darum, mithilfe demokratischer Entscheidungen Regeln zu schaffen, die den gesellschaftlichen Wohlstand unter Achtung der ökologischen Grenzen des Planeten zum Wirtschaftsziel erheben – anstelle von Shareholder Value und „Geiz ist geil“. Wir brauchen dafür eine radikale Reform und Weiterentwicklung unserer demokratischen Systeme. Wir brauchen Steuerreformen, die die Reichen zu einem Beitrag zur Armutsbekämpfung und zur Finanzierung der Sozialsysteme zwingen. Wir brauchen – gerade im Angesicht der Finanz- und Kapitalismuskrise – massive Investitionen in moderne, erneuerbare Energieformen, in Armutsbekämpfung, in Gesundheit und vor allem in Bildung, Bildung, Bildung – Dinge, die US-Präsident Barack Obama zum Unterschied von den meisten europäischen Regierungen erkannt hat. Wie das im Einzelnen aussehen könnte, möchte ich beim Nächstenmal erklären. ***
Klaus Werner-Lobo ist Autor und Clown. Sein neuestes Buch heißt „Uns gehört die Welt! Macht und Machenschaften der Multis“, seine Website ist unsdiewelt.com


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Soundso8008
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Mag ich Mag ich nicht

2

30.03.2009 - 15:37 Uhr
Soundso8008

Der Autor scheint zu vergessen, dass schon jetzt über 50% der Einkommenssteuer von weniher als 10% der Bevölkerung, nämlichm dem wohlhabensten Teil der Bevölkerung bezahlt werden.

Deutschland ist kein niedrigsteuer-Land, schon garnicht für Gutverdiener.

Wer "oben" noch mehr wegnehmen will, verscheucht diese Leute. Und wer zahlt denn diese 50% der Einkommenssteuer?

Ich denke nicht, dass unser Steuersystem wohlhabende Menschen bevorteilt. Viel mehr sollte man darauf achten, auch international, dass die bisher geltenden Steuern auch bezahlt werden.

alces
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Mag ich Mag ich nicht

1

30.03.2009 - 15:48 Uhr
alces

Soundso8008 sagte:
Wer "oben" noch mehr wegnehmen will, verscheucht diese Leute. Und wer zahlt denn diese 50% der Einkommenssteuer?


Soweit denken Clowns nicht! Und überhaupt, solche unsolidarischen Fieslinge brauchen wir in diesem Land nicht.

Digital_Data
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-3

30.03.2009 - 20:05 Uhr
Digital_Data

Und wo bleiben Eure hohen Löhne jetzt. Die Firmen purzeln wie Dominosteine. Die Aussage mit den Steuern im Ausland kommt mir immer so vor wie: "Wenn Dein Freund von einer Brücke springst, dann machst Du das auch ?" Das es im Ausland anders gemacht wird, heißt nicht, dass das gut ist. Diese Wirtschaftskrise wurde klar von den Besserverdienenden ausgelöst, aus Gier, Egoismus, Machtgier. Es werden Dinge kommen, die diese Vorgehensweise bestrafen. Die amerikanische Boni-Steuer ist nur der Anfang. Aber wie gesagt, ich will jeden einzelnen Euro, den ich kriegen kann, haben. Ob ich diesen Euro brauche oder ob das das ganze System in den Abgrund reißt, ist doch mir wurscht.

Die Besserverdienenden scheinen immer noch nicht zu verstehen, dass es um Alles geht. Das Risiko gerade Alles zu verlieren ist nicht gebannt, Hartz IV-Empfänger können nichts mehr verlieren.

Digital_Data

Arbeiterkind
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-1

31.03.2009 - 01:08 Uhr
Arbeiterkind

drolli sagte:
Arbeiterkind sagte:
drolli sagte:
.... Leider haben hier solche Spackos wie Du zu wenig auf die quants bzw die Mathematiker gehoert und systematisch Unsicherheiten solange verlagert bis sie fuer jeden der nicht ganz tief in der Risikoabteilung steckte, nicht mehr sichtbar waren. Keine Frage aber auch dass die Politiker in den Aufsichtsraeten der oeffentlichen Banken die groessten Trottel von allen waren.


alle ralis, die ich bisher getroffen habe waren angestellte, die darüber
gejammert haben, dass sie zu viel steuern zahlen. HAHA.
und keiner von ihnen hatte den mut, sich dem freien markt zu stellen, der sogar bei uns exisitert.


Ich weiss nicht, was dein Beitrag mit meinem zu tun hat.

das war keine kritik, das ist eine ergänzung zu deiner spacko-anmerkung. :o)

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-2

31.03.2009 - 01:10 Uhr
Arbeiterkind

Soundso8008 sagte:
Der Autor scheint zu vergessen, dass schon jetzt über 50% der Einkommenssteuer von weniher als 10% der Bevölkerung, nämlichm dem wohlhabensten Teil der Bevölkerung bezahlt werden.

Deutschland ist kein niedrigsteuer-Land, schon garnicht für Gutverdiener.

Wer "oben" noch mehr wegnehmen will, verscheucht diese Leute. Und wer zahlt denn diese 50% der Einkommenssteuer?

Ich denke nicht, dass unser Steuersystem wohlhabende Menschen bevorteilt. Viel mehr sollte man darauf achten, auch international, dass die bisher geltenden Steuern auch bezahlt werden.

sollen wir unsere armen reichen jetzt bedauern. das ist doch ein tolles system, in dem man soviel steuern bezahlen darf und trotz dieser steuern zu den reichsten der welt zählen kann. da kann die steuer doch garnicht zu hoch sein, sonst wären unsere armen reichen doch nur reiche arme. HAHA.

okkasionalsozialist
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2

31.03.2009 - 09:48 Uhr
okkasionalsozialist

drolli sagte:

Achsoo. Deswegen hat es bei Madoff so gut und zuverlaessig geklappt...

Nein, mal im Ernst, die gaengigen Markttheorien sagen fuer maerkte ohne erzwungene Transparenz Instabilitaeten vorher. Und das kollektive Liquiditaetsrisiko zaehlt nun mal zu den Dingen die per Extremalwerttheorie behandelt (und demenstprechend gesichert) werden muessen, was erheblich besser klappt, wenn die Daten sinnvoll agreggiert zur Verfuegung stehen. Leider haben hier solche Spackos wie Du zu wenig auf die quants bzw die Mathematiker gehoert und systematisch Unsicherheiten solange verlagert bis sie fuer jeden der nicht ganz tief in der Risikoabteilung steckte, nicht mehr sichtbar waren. Keine Frage aber auch dass die Politiker in den Aufsichtsraeten der oeffentlichen Banken die groessten Trottel von allen waren.


in meinem umfeld nennt man typen wie dich konsensreplikatoren - eventuell biste das auch in deinem eigenen fach.

das sind recht clevere leute, die ihre talente allzu sehr und allzu offensichtlich darauf konzentrieren, das jeweilige establishment zu beeindrucken, und es dadurch immer etwas weniger weit schaffen als sie es vielleicht schaffen könnten.

in diesem speziellen fall sind aber zudem these und antithese unzureichend durchdrungen.

alces
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0

31.03.2009 - 12:21 Uhr
alces

okkasionalsozialist sagte:
drolli sagte:

Achsoo. Deswegen hat es bei Madoff so gut und zuverlaessig geklappt...

Nein, mal im Ernst, die gaengigen Markttheorien sagen fuer maerkte ohne erzwungene Transparenz Instabilitaeten vorher. Und das kollektive Liquiditaetsrisiko zaehlt nun mal zu den Dingen die per Extremalwerttheorie behandelt (und demenstprechend gesichert) werden muessen, was erheblich besser klappt, wenn die Daten sinnvoll agreggiert zur Verfuegung stehen. Leider haben hier solche Spackos wie Du zu wenig auf die quants bzw die Mathematiker gehoert und systematisch Unsicherheiten solange verlagert bis sie fuer jeden der nicht ganz tief in der Risikoabteilung steckte, nicht mehr sichtbar waren. Keine Frage aber auch dass die Politiker in den Aufsichtsraeten der oeffentlichen Banken die groessten Trottel von allen waren.


in meinem umfeld nennt man typen wie dich konsensreplikatoren - eventuell biste das auch in deinem eigenen fach.

das sind recht clevere leute, die ihre talente allzu sehr und allzu offensichtlich darauf konzentrieren, das jeweilige establishment zu beeindrucken, und es dadurch immer etwas weniger weit schaffen als sie es vielleicht schaffen könnten.

in diesem speziellen fall sind aber zudem these und antithese unzureichend durchdrungen.


Warum sachlich bleiben, wenn es auch persönlich geht? Gebt es euch, ich habe die Erdnüsse parat!

DagnyTaggart
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Mag ich Mag ich nicht

3

31.03.2009 - 15:58 Uhr
DagnyTaggart

Lieber Herr Lobo,

würden Sie bitte zwischen Privateigentum einerseits uns staatlichem Handeln andererseits stärker differentieren. Beide Begriffe haben erstmal ncihts miteinander zu tun. DIe von ihnen angeführten Beispiele -Kuba und das anarchistische Spanien - sind Beispiele für den Eingriff des Staates, welcher den Wohlstand der Menschen behindert.

Sie weisen - dafür muss ich sie loben - auf die Bedeutung des Wortes Anarchismus hin. Gern erkläre ich ihnen gelegentlich, dass Anarchismus und Kapitalismus unbedingt Hand in Hand gehen - Ich kann ihnen da die Werke von Hans-Hermann Hoppe, einem Anarchokapitalisten ans Herz legen oder wenn Sie eher an einen Minimalstaat glauben wollen etwa Johann Norbergs Kapitalistische Manifest. In letzterem wird auf die Arbeiten von de Soto bezug genommen und genau erklärt, wie der Staat, wenn er von den Aufgaben "Rechtssicherheit" und "Eigentumsicherheit" gerade der Kleinen Menschen abweicht, deren Wohlstand mindert.

Freundliche Grüsse
Dagny Taggart.

drolli
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Mag ich Mag ich nicht

0

31.03.2009 - 18:51 Uhr
drolli

okkasionalsozialist sagte:
in meinem umfeld nennt man typen wie dich konsensreplikatoren - eventuell biste das auch in deinem eigenen fach.
..


Ich glaube nicht dass ich irgendwelche Konsense multipliziere. Normalerweise eher Vektoren mit Operatoren.


das sind recht clevere leute, die ihre talente allzu sehr und allzu offensichtlich darauf konzentrieren, das jeweilige establishment zu beeindrucken, und es dadurch immer etwas weniger weit schaffen als sie es vielleicht schaffen könnten.


Jo, ganz schlimm. Deswegen nage ich so am Hungertuch.


in diesem speziellen fall sind aber zudem these und antithese unzureichend durchdrungen.


Ich wuesste nicht wieso die These dass man ein gaengiges Mittel der Versicherungmathematik auf Risiken am Finanzmarkt anwenden sollte, zu wenig durchdrungen ist.

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