Sechs Geschichten von Frühaufstehern und Langschläfern
Text: jetzt-redaktion - Illustration: Katharina Bitzl
Leben Kurzschläfer länger als Langschläfer? Ein Kurzschläfer und Frühaufsteher hat nachgerechnet. Dies und fünf andere Geschichten über Schlafen, Aufstehen und Liegenbleiben
Was das Aufstehen angeht, so leide ich an einem sonst nicht besonders ausgeprägten Hang zur protestantischen Pflichterfüllung. Obwohl ich das Bett für den perfekten Urlaub und einzig tauglichen Universalschutz gegen das Leben halte, werde ich unruhig, wenn ich zu lange darin liege. Länger als halb elf habe ich zum Beispiel noch nie geschlafen. Unter der Woche steht mein Wecker auf 7.30 Uhr, obwohl ich erst um 8.40 Uhr aufstehen müsste. Das Protestantische ist, dass ich immer schon um 7.15 Uhr aufwache und den Wecker ausmache, seine Batterie hält ewig, weil er nie klingeln muss. Im Sommer stehe ich dann gleich auf und schreibe mit dem beginnenden Tag um die Wette, das ist eigentlich ganz schön und ich kann mich besser konzentrieren. Abends zum Beispiel, wenn der ganze Tag schon so verbraucht und abgenutzt ist, kann ich gar nicht schreiben. Im Winter komme ich jedoch nicht an den Schreibtisch, zu kalt, zu dunkel. Ich bleibe stattdessen wach, aber gelähmt im Bett liegen, eine ganze Stunde lang und starre im Zimmer herum. Anfangs fand ich das ziemlich töricht, weder zu schlafen noch irgendwas zu machen, aber mittlerweile habe ich es als eine Art Meditationsübung anerkannt. Ich gehe in dieser sehr ruhigen Zwischenstunde alles durch, was so anliegt, an diesem Tag, in diesem Winter, in diesem Leben. Ich fasse 95 Vorsätze und erstelle Dringlichkeitslisten und Notfallpläne, formuliere zu schreibende E-Mails aus und kalkuliere Kontostände. Nach einer Stunde ist es, als hätte ich alle diese Sachen irgendwie einsortiert und ich gehe mit einem angenehmen freien Kopf duschen – eben so, als wäre ich gerade erst aufgestanden.
max-scharnigg