22.03.2009 - 18:30 Uhr

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Die Sieger im Urheberrechtskrieg

Text: dirk-vongehlen

Urs Gasser und John Palfrey haben die „Generation Internet“ untersucht – und plädieren für ein innovatives Urheberrecht

Professor Gasser, Sie haben ein Buch über die „Generation Internet“ geschrieben. Warum? Wir wollen dazu beitragen, die Wissenskluft zu schließen, die die Digitalisierung geschaffen hat. Wir haben auf der einen Seite die so genannten Digital Immigrants und auf der anderen Seite diejenigen, die in die digitale Welt hineingeboren wurden, die Digital Natives. Uns geht es zunächst darum zu beschreiben, was in diesem digitalen Raum geschieht. Und im zweiten Schritt benennen wir Probleme, die wir sehen.
Eines der Probleme sind Urheberrechtsverletzungen. Können Sie jene Menschen verstehen, die sagen: Wenn es so weiter geht mit der Kostenlos-Kultur im Internet, haben wir in zehn Jahren keine Musik mehr, weil niemand mehr Songs produzieren will? Ich habe nur beschränkt Verständnis für solche Aussagen. Wenn sie von der Musikindustrie kommen, kann ich nachvollziehen, worauf sie beruhen. Ich teile diese Sorge in dieser Form aber nicht, denn man sollte sich genau anschauen, was hier eigentlich passiert. Was passiert denn? Es geht um drei Komponenten: Einerseits geht es um die technologische Innovation der Digitalisierung. Dabei hat das Kopieren eine grundlegende Bedeutung. Computer funktionieren nur auf Basis von Kopien. Zudem sind die Transaktionskosten für Kopien massiv gesunken und die Kopien sind nahezu perfekt. Was ist die zweite Komponente? Dabei handelt es sich um ein soziales Phänomen: Das Internet hat in der Art, wie es genutzt wird, eine Norm des Teilens entfacht, die gesellschaftlich auch sanktioniert ist. Wir lehren unseren Kindern ja auch, dass sie teilen sollen. Denn das Teilen gilt als etwas Gutes. Und im Internet ist es technisch sogar noch sehr viel einfacher. Wenn ich einem Freund einen Song kopiere, hat er ihn und ich habe ihn auch. Das stärkt also die Form des Teilens und das ist zunächst erstmal etwas Gutes. Denn dabei geht es nicht nur um urheberrechtlich geschützte Werke, es geht auch um persönliche Informationen in sozialen Netzwerken. Es ist einfach die Norm des Internet, dass man Informationen austauscht, sich mitteilt und teilhaben lässt. Und die dritte Komponente? Neue neurobiologische Untersuchungen zeigen, dass physisches Eigentum wie ein Fahrrad in unseren Hirnen anders behandelt wird als die Idee vom geistigen Eigentum. Das sollte man bedenken, wenn man die Nutzung von Tauschbörsen mit dem Diebstahl in einem Geschäft vergleicht: Diese Analogie funktioniert schon auf neurobiologischer Ebene nicht richtig. Und wenn man diese drei Komponenten zusammen nimmt, versteht man die unglaubliche Wucht, mit der es zu großflächigen Urheberrechtsverletzungen kommt. Sie sprechen von einem Urheberrechtskrieg. Wer steht sich da gegenüber? Auf der einen Seite die Digital Natives, die mit dieser Technologie des Internet und des Filesharings groß geworden sind und ganz intensiv die sozialen Normen teilen. Auf der anderen Seite steht die Industrie, die ihre Geschäftsmodelle bedroht sehen. Und die Künstler? Ich glaube, die stehen irgendwo in der Mitte. Denn wenn man sich die ökonomischen Bedingungen heute ansieht, kann man das klassische Bild des Urhebers, der in seinem Kämmerchen einen Song komponiert, nicht gleichsetzen, mit der Industrie, die die Rechte vermarktet. Wie wird dieser Urheberrechtskrieg ausgehen? Wird man das Filesharing mittels Strafen einschränken können? Meine Prognose ist: Nein. Ich kann das nicht im Einzelnen beweisen, aber ich glaube man sieht Vorboten: Die bisherigen Strategien, die auf das Verbieten von Technologien setzten, auf die strafrechtliche Verfolgung von Filesharern und die Lobbyarbeit für schärfere Gesetze, hatten keine Erfolge. Denn die Effekte aufs Filesharing sind minimal. Es ist empirisch sogar sehr umstritten, ob es überhaupt Effekte gibt. Das heißt, die Digital Natives werden den Krieg gewinnen? Alles spricht dafür. Man sieht, wie die Industrie nach langem Kampf jetzt versucht, innovative Geschäftsmodelle zu entwickeln und auf die Menschen, die ja letztlich Kunden sind, zuzugehen. Was heißt das fürs Urheberrecht? Die Antwort auf dieses Phänomen muss Innovation heißen, wir müssen also neue Lösungen finden, wie wir den Interessenausgleich zwischen Urhebern und Nutzern unter den neuen Bedingungen der Digitalisierung aushandeln können. Was heißt das konkret? Man kann feststellen, dass neue Formen der Kulturproduktion im Cyberspace entstehen. Wir sehen sehr viel Kreativität von Nutzern, das ist ein tolles Phänomen, wo sehr viel Neues entsteht. Und das Recht kann diese Kreativität unterstützen – z.B. durch neue Lizenzformen wie Creative Commons. Das Recht könnte aber auch reglementierend eingesetzt werden, in Form eines verschärften Urheberrechts . . . Ich glaube, das wäre falsch. Kreativität hat immer schon damit zu tun gehabt, dass man sich von bestehenden Werken inspirieren lässt. Man sieht das beispielsweise bei Shakespeare, der sich stark hat inspirieren lassen und im Prinzip auch Mashups gemacht hat. Wenn man jetzt aber das Urheberrecht weiter verschärft, wird es für den Nutzer zu riskant, überhaupt noch kreativ tätig zu sein. Würden Sie also sagen, eine Verschärfung des Urheberrechts könnte viel schlimmere Folgen nach sich ziehen als die Piraterie? Wenn man es auf die Entwicklung von Kreativität im digitalen Zeitalter bezieht, kann man das durchaus so sehen. Ja, es hat einen Kern Wahrheit. Viel mehr zum Thema Urheberrecht gibt es hier in der Übersicht.


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marksu_
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Mag ich Mag ich nicht

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22.03.2009 - 18:46 Uhr
marksu_

die musikindustrie muss davon ausgehen, dass sie in der heutigen form nicht mehr benötigt wird. es müssen keine CDs mehr gepresst und vertrieben werden. genauso wird es den presswerken an den kragen gehen.

eine ähnliche revolution wie im bereich des druckwesens wird einsetzen.

die musikindustrie muss zur kenntnis nehmen, dass sie ihren kunden auf andere art und weise begegnen muss um in irgendeiner form weiter zu bestehen.

die aktuell erprobten modelle mit abos wo man die musik nicht mehr hören kann, wenn man nicht mehr zahlt, oder das handymodell wechselt sind doch auch schwachsinn.

möglicher weg: musikindustrie abspecken. ordentliche (geringe) preise bei guter verfügbarkeit. wiederauflegen von allen alten songs.

ich kaufe viele songs bei itunes und hab mich ewig mit den doofen rechten rumgeärgert, wenn ichs dann nicht überall hören kann. warum man die echten käufer mit DRM bestraft, versteht wohl niemand.

Digital_Data
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Mag ich Mag ich nicht

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22.03.2009 - 21:59 Uhr
Digital_Data

Der Kapitalismus zeigt gerade jetzt, dass er auf viele neue Entwicklungen keine Antworten parat hat. Beispielsweise kostenlose Services wie Wikipedia. Ein Maler muss auch jedes seiner Werke neu erschaffen und kann nicht einfach digitale Kopien verkaufen. Wenn ich aber eines seiner Werke kaufe, kann ich als Eigentümer damit machen, was ich will, eben auch in meinem Büro aufhängen ohne zusätzlich SCHAUMA zu bezahlen.

Gerade im Bereich der Musik ergeben sich aber auch viele Synergien. Wenn Leute Musik nehmen, neu mischen oder ein neues Video erstellen und z.B. auf YouTube hochladen, dann ist das nicht nur eine Copyright-Verletzung, sondern auch eine Werbung für diese Musik. Ich lerne mittlerweile mehr neue Musik auf YouTube und anderen Videoportalen kennen, als im Radio oder Fernsehen.

@marksu_

Ähnlich erging es ja schon der Fotoindustrie, die erleben mußte, dass der Bilderservice in sich zusammen brach. Dann müssen halt neue vernünftige Modelle her.

Digital_Data

silanea
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Mag ich Mag ich nicht

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23.03.2009 - 12:44 Uhr
silanea

marksu_ sagte:
die musikindustrie muss davon ausgehen, dass sie in der heutigen form nicht mehr benötigt wird. es müssen keine CDs mehr gepresst und vertrieben werden. genauso wird es den presswerken an den kragen gehen.

So weit würde ich nicht gehen. Es gibt nach wie vor viele Menschen die eine CD im Regal ein paar Bytes auf ihrer Festplatte vorziehen.

Aber das Verhältnis zwischen Industrie und Konsumenten hat sich massiv verschoben. Früher gab es nur, was im Laden angeboten wurde. Nun kann man sich die aktuellen Folgen seiner Lieblingsserien frisch aus den USA in HD-Qualität auf den Rechner holen, und zwar teilweise Minuten nach der Ausstrahlung. Musik bekommt man in der gewünschten Qualität, von Mini-MP3s fürs Handy bis hin zu verlustfreien Dateien für die 1000 €-Stereoanlage, und ohne jegliche Nutzungsbeschränkung sofort frei Haus. Spiele kann man einfach herunterladen und installieren ohne die CD im Laufwerk behalten oder sich Gedanken um irgendeine dämliche Online-Aktivierung machen zu müssen.

DAS sind die entgangenen Verkäufe. Nicht die 500-Gigabyte-MP3-Sammlungen irgendwelcher Teenager, die niemals das Geld hätten all die Musik zu kaufen. Da ist nichts zu holen. Es fehlt nicht am potentiellen Markt, sondern an den akzeptablen Angeboten. Die "digital natives" sind einfach extrem verwöhnt. Alles muss sofort kommen, in bester Qualität, mit dem Lieblingsplayer abspielbar sein und sich aufs Handy und den Laptop kopieren lassen.

Und der Preis muss stimmen, aber DAS Kriterium ist nun wirklich nicht auf die Medienwirtschaft beschränkt.

__xxx__
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Mag ich Mag ich nicht

0

23.03.2009 - 14:15 Uhr
__xxx__

Kleine Anmerkung zum Text: in überwiegender Mehrheit der Fälle hat der Autor nach der Vertragsschließung keinerlei Urheberrechte mehr - diese gehen auf die Plattenfirma über.

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Mag ich Mag ich nicht

0

23.03.2009 - 14:19 Uhr
__xxx__

Der Fall dass die Plattenfirma nur Vertrieb macht und die Rechte beim Autor bleiben ist dagegen sehr selten - positives Beispiel Steve Vai mit "Flex-able" der knapp 7$ pro verkaufte Platte von Sony bekommt weil die Rechte noch bei ihm sind. Im Gegensatz zu den Musikern welche den üblichen Weg gehen, die gerade mal ein paar Cent pro CD bekommen.

jastice
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Mag ich Mag ich nicht

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23.03.2009 - 16:29 Uhr
jastice

_xxx_, das gilt zumindest in Deutschland so nicht, hier sind Urheberrechte im Gegensatz zu zB Amerika nicht übertragbar.

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Mag ich Mag ich nicht

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23.03.2009 - 16:40 Uhr
jastice

Natürlich sehen die Verträge für die Künstler hier, bei der den Publishern Nutzungsrechte eingeräumt werden, in der Regel auch nicht viel besser aus.

air_kaviar
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Mag ich Mag ich nicht

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23.03.2009 - 21:39 Uhr
air_kaviar

die musikindustrie ist schlicht überflüssig geworden und wird nach und nach verschwinden. ihre aufgaben sind völlig auf das internet übergegangen.

1.musik aufnehmen: das geht inzwischen im proberaum in völlig ausreichender qualität. jedes jugendzentrum hat produziert heute aufnahmen, für die man in den 80ern viele tausend mark bezahlt hätte. ein wichtiger aspekt der digitaliesierung, der völlig ignoriert wird.

2. musik entdecken: myspace, last.fm, youtube etc. spülen gute künstler nach oben. niemand muss mehr "entdeckt" werden. der PR-apparat ist schlicht überflüssig geworden. man kann immernoch anzeigen schalten, interviews vermitteln und spielzeit im radio kaufen. aber man muss nicht mehr. inzwischen gibt es streetteams, die kneipentoiletten aus reiner begeisterung mit bandnamen zustickern.

3. vertrieb: braucht man nicht mehr.

4. merch: jeder kleine punker hat heute seinen mailorder und tut alles dafür, um deine band mit stoff zu versorgen.

alles in allem ist die situation viel besser geworden: musiker sind nicht mehr auf plattenfirmen angewiesen und haben mehr kontrolle über ihr schaffen. der weg zur berühmtheit ist viel einfacher geworden. und man muss seine einnahmen mit gierigen schmierigen wichtigtuern teilen. ist doch was schönes: DIY ist wieder da!
geld kann man mit musik zwar nicht mehr verdienen, aber: geht es um musik oder das geschäft?

__xxx__
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Mag ich Mag ich nicht

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24.03.2009 - 08:11 Uhr
__xxx__

air_kaviar: trotzdem ist der Zugang zu größeren Vertriebswegen nur über eine große Plattenfirma machbar, das hält sie noch am leben. Denn eine Band die im Proberaum ihre Musik macht wird ohne eine Plattenfirma nie bei Media Markt im regal stehen. Und im Internet geht die Band unter Abertausenden die sich da rumtummeln in der Regel völlig unter, sofern man nicht sehr viel Energie in die Werbung, Website, Kontakte etc. steckt. die wenigsten Bands sind dazu fähig und bereit.


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