Wobei der Grund seiner Abneigung dunkel bleibt, mein Herr.
Er, sagte mein Vater, könne diese ewigen Beschreibungen von Blattwerk bei Theodor Lessing nicht mehr ertragen. Er hielt sich, als er das sagte, an seinem Essbesteckt fest und starrte auf das Pulpo-Carpaccio. Die feine, die ach so feine Struktur der Mohnblüte, ätzte mein Vater, brächte ihn zu nichts als zur Kotze! Zur Kotze bringt es mich, sagte mein Vater und starrte mordlustig auf den Pulpo, der dort auf den feingeschnittenen Fenchelknollen lag. So zischlautig verachtete mein Vater Theodor Lessing und sein Blattwerk, wie er überhaupt jegliche Willensmetaphysik und ihr Blattwerk hasse, dass am Nachbartisch ein englisch aussehender Herr irritiert meinen hochroten Vater ansah, der immer noch den Blick stur auf das mit Tintenfischöl und Orangensaft angemachte Pulpo-Carpaccio auf Fenchelsalat gerichtet hatte. Mein Vater, der entweder, weil er den Blick des Engländers halbwahrgenommen hatte, oder weil es ihm von selber einleuchtete, dass er mit seiner übertriebenen Blattwerkstirade eine Form von Unangemessenheit an den Tag gelegt hatte, entspannte seinen Körper etwas und offenbarte damit auch eine Geschlagenheit. Iss doch was, sagte ich, als ein Kellner, der inzwischen auch aufmerksam geworden war, sich bereits vorwurfsvoll besorgt unserem Tisch näherte, und innerlich schon zur Frage anhob, ob meinem Vater etwas an dem auf dem Fenchel so fein angerichteten Pulpo missfiele, worauf mein Vater hätte erklären müssen, dass dem so nicht sei, dass es vielmehr überhaupt nichts mit dem Fenchel zu tun habe, sondern mit der ewig tätigen Willensmetaphysik seit Schopenhauer, und mit der befremdlichen Vorliebe aller Willensmetaphysiker für Blattwerkbeschreibungen und dass er diese doch wohl hassen dürfe wann und wo er wolle. Wenn du weiter so starrst, sagte ich, fällt dir deine kreisrunde Brille, die du trägst, seit ich dich wiedererkenne, noch auf den Pulpo und in die aus Tintenfischöl und Orangensaft gemachte Salatsauce. Mein Vater aber schwieg und aß nichts vom Pulpo, nichts vom Fenchel und nichts vom Brot, das neben ihm in einem Körbchen lag, und trank nicht vom Wein aus dem Glas. Den Satz des Anaximander zitierend verließ er plötzlich, stürmisch, spitzbartraufend das Lokal in der ehemaligen Koch-Straße. Ungewöhnlich stark nahm ich den von seinem Teller ausströmenden Anis-Geruch wahr. Draußen - aber es war zu dunkel, das zu erkennen - trieb überall Blüh- und Blattwerk aus den Bäumen, Sträuchern, Gräsern und Gebüschen. Das alles versuchte ich dem englisch aussehenden und dann auch tatsächlich aus England stammenden Herrn zu erklären, der dabei unglücklich wurde. Wobei, sagte ich, der Grund seiner Abneigung dunkel bleibt, mein Herr.
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...nein, mein herr. die rache der sprache heißt melan(ie).
,-
sehr gelungen!
WieJetztAber sagte:
sale e tabacchi
sehr gelungen!
warst du etwa dabei?
WieJetztAber sagte:
nein, aber das ist der lieblingsladen von meinem papa, der wohnt da um die ecke.
Grüße
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19.03.2009 - 16:20 Uhr
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