Philipp im Schnee 10
Ich weiß nicht mehr, wie lange es dauerte, bis die Schneehöhe, selbst im vom Vordach geschützten Bereich, die Fensterbretter erreichte. Vielleicht nur Stunden oder Tage? Wie gesagt, ich weiß es nicht. Noch weniger wusste ich, wie ich meine Zeit verbringen sollte, und am wenigsten weiß ich heute, wie ich sie tatsächlich verbrachte, oder überbrückte, oder verbraucht. Ich weiß nur, dass ich sie offenbar irgendwie überstand. Ich erledigte meine Kram, natürlich, aber da ich mittlerweile vom Schnee umschlossen war und also nicht zur Arbeit könnte, hätte eigentlich Zeit übrig bleiben müssen, zum Lesen, oder Fernsehen, oder an dem Busfahrer denken, mindestens vier Stunden pro Tag. Genau deshalb war es mir immer unangenehm, wenn ich Zeit übrig hatte, da ich dann über den Busfahrer nachdachte. Und es gab ja nicht viel über den Busfahrer nachzudenken, weshalb ich zwangsläufig über den Busfahrer und mich nachzudenken begann. Und da auch das schnell zu Ende gedacht war, fing ich an, nur noch über mich nachzudenken, und das nahm nie ein Ende, das hörte nie auf, das ging immer weiter und weiter, bis ich mich völlig aufzureiben und aufzubrauchen drohte. Ich dürfte also nicht anfangen an den Busfahrer zu denken, weil ich dann unweigerlich begonnen hätte, nur noch an mich zu denken, wobei ich eigentlich doch in erster Linie an Philipp denken muss!Doch nachdem ich eingeschneit worden war, geschah erstaunlicherweise nichts von alldem. Ich erledigte mein Kram und war ansonsten wie betäubt. Ich weiß nicht, wie ich die unnütze Zeit verbrachte. Ich glaube jedenfalls nicht mit lesen, fernsehen, oder an den Busfahrer denken. Ich dachte eigentlich gar nicht mehr. Auch nicht an Philipp. Es schneite und schneite. Und es würde nie wieder aufhören zu scheinen, das schien mir nun so gut wie sicher. Ich trank morgens Kaffee und stellte abends Teewasser über. Und dazwischen war nichts. Zwischen Kaffee und Tee klaffte ein Loch. Ich erledigte ich meinen Kram, also aufräumen, kochen, abwaschen, Wäsche waschen usw. Zumindest das tat ich, oder auch nicht. Ich weiß es nicht. Ich wusste es schon damals nicht. Und erst recht wüsste ich nicht, wie lange es dauerte, bis der Schnee mein Haus vollkommen eingemummt hatte und man zumindest durch die Erdgeschoßfenster, nicht mehr nach draußen sehen konnte, vielleicht nur Tage, vielleicht Wochen, vielleicht Monate, selbst Jahre schienen denkbar. Vielleicht, dachte ich, lag ja irgendwo in der Landschaft eine Art Ur-Uhr herum, von der, auf welche Art auch immer alle anderen Uhren die Zeit ablesen mussten. Und vielleicht, dachte ich, war selbst diese Ur-Uhr, vor Tagen, Wochen, Monaten oder Jahren in den Schneemassen unwiederbringlich versunken. Jedenfalls konnte ich nicht mehr sagen, wie spät es ist und konnte folglich genauso wenig sagen, wie langes es her war, dass ich es das letzte Mal wusste. Als einziger Anhaltspunkte blieben mir die Vorräte im Keller, denn die wurden weniger. Doch um wie viel weniger war schwer zu sagen. Und wie soll sich die Zeit auch in Kartoffeln und Zwiebeln messen lassen. Wer weiß denn schon, wie viele Zwiebeln sich ursprünglich in einem Netz befanden, oder wie viele Kartoffeln? Wie viele Essiggurken waren in dem Glas? Wie viele Maiskörner sind in einer Dose? Wie viele Reiskörner befinden sich in einer Packung? Aus wie vielen Teilen könnte sich ein Kilo Mehl zusammensetzen? Und selbst wenn man es wüsste, was ist, wenn sich ein Teil mit dem anderem verklebt? Ich wusste es nicht. Und es schien überhaupt, als würde ich immer weniger wissen. Ich wusste weder ob es Tag oder Nacht war, noch wusste ich wen oder was ich all die Jahre vermisst hatte. Ich wusste nicht ob ich schlafen oder wach bleiben, oder das Haus putzen sollte. Ich hatte vollkommen das Gefühl dafür verloren, ob es das Haus nötig hatte, geputzt zu werden, oder nicht. Oft konnte ich mich nicht einmal mehr entsinnen, wann ich das letzte mal gegessen hatte und ob ich überhaupt jemals ein geeignetes Synonym für „wissen“ gewusst hatte oder für „vielleicht“, oder für „Schnee“. Ich schlenderte durch die Küchen oder die Stube und ließ dabei meinen Finger über die Möbelstücke gleiten, bis sie schließlich schon ganz rot waren. Meistens wusste ich nicht was ich da tat. Und selbst wenn ich es gewusst, konnte ich das Rot meiner Fingerkuppen nicht deuten. Vielleicht Staub, dachte ich, oder nur einen Hautverfärbung. Vielleicht Schnee, dachte ich, Schnee, oder Staub, oder vielleicht Schnee, und ich wusste nicht nur nicht, ob mich meine Chefin überhaupt noch zur Arbeit erwartet, ich wusste nicht einmal, ob es eine Chefin, oder einen Busfahrer, oder einen Philipp überhaupt noch gab. Ich könnte mir schließlich nicht einmal mehr darüber klar werden, ob der Bus tatsächlich gekommen war, oder ob mir Philipp einfach irgendwann (was heißt irgendwann?) im Schnee verloren gegangen war. Ich war allein, aber vielleicht war ich das schon immer gewesen. Ich trank heißes Wasser, denn wie machte man Tee oder Kaffee? Hatte ich das jemals gewusst? Hat es überhaupt jemals jemand gegeben, der das wusste? Morgens zog ich mich an, oder nicht. Abends zog ich mich aus, oder auch nicht. Und vielleicht war es ja doch Tee, oder Kaffee, oder Milch, oder Limonade, die ich trank, oder leckte ich nur noch den Dampffilm von den Fensterscheiben, wer weiß, wer hätte es wissen sollen, vielleicht, wer weiß, oder auch nicht.
Irgendwann (doch was heißt schon irgendwann?) schlüpfte ich wieder in meinen Schianzug und vielleicht machte ich mir wie immer einen Knoten ins Haar und stülpe mir ein Mütze über, oder nur das eine, nicht aber das andere. Oder zwar das andere, aber das eine nicht. Wie auch immer. Nur was sollte wie auch immer denn noch großartiges bedeuten? Vielleicht habe ich die Schneeschuhe sowohl in der Rumpelkammer, als auch im Dachboden gefunden, und die Schibrille ebenfalls, oder eben gerade nicht. Und vielleicht war es übertrieben, dass ich mir über dem Schianzug auch noch einen alten Anorak überzog und über den alten Anorak, noch einmal einen noch älter Windjacke. Und ein zweites Paar Socken über das Erste. Und ein drittes Paar Socken über das zweite. Und ein viertes Paar Socken über das Dritte. Und ein usw. über das usf. Doch wer hätte feststellen können, ob es eine Übertreibung war, und was heißt schon Übertreibung? Und selbst wenn, wie wäre entscheidbar, ob die Übertreibung in der Handlung selbst, oder nur in ihre Beschreibung geschah? Es scheint jedenfalls, dass es mir schließlich noch ein letztes Mal gelang, ein eines Tages über die Lippen zu bringen und dabei den Eindruck zu haben, dass es etwas bedeutet. Eines Tages, sagte ich, werde ich hinausgehen, und dann ging ich, ob nun völlig übertrieben eingemummt oder nicht, mit den Schneeschuhe an den Füßen hinaus, und alles was ich sah, war weis, und soweit ich sah, ging ich taleinwärts. Doch ich hätte nicht sagen können, dass es kalt war, und es wäre sogar denkbar, dass die Sonne schien, und vielleicht war der Schnee, durch den ich stapfte, mit Raureif bedeckt, und gut möglich also, dass endlich einmal alles glitzerte. Es wäre jedenfalls schön gewesen, wenn alles geglitzert hätte und wenn ich meinen Sohn mit den schönen, langen Wimpern wieder gefunden hätte, mitsamt seiner Mütze und mitsamt seinem dicklippigen Schnabelmund. Nur war das ein Vogel? Gab es etwa noch Vögel, oder nicht? Ist das der Ruf eines Kuckucks gewesen und sind das Krokusse, die Ihre Knospen aus dem Boden treiben? Wer kann das schon sagen. Wer will das schon sagen können. Wer kann schon sagen, ob es schon wieder Frühling war, oder eben auch nicht.
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