15.03.2009 - 18:30 Uhr

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Leben aus Bildern

Text: johannes-boie

Es gibt viermal mehr Pornokonsumenten als Raucher in Deutschland. Trotzdem fehlt eine Debatte über die Folgen der Pornographie

Martin Kaschner* kommt zu spät zur Arbeit. Martin versetzt seinen besten Freund. Martins Leben ist außer Rand und Band. Weil Martin nächtelang Pornos guckt und masturbiert. Bis fünf Uhr morgens. Bis zur seelischen und körperlichen Erschöpfung geht das. Dann setzt das Denken wieder ein. "Ausgezehrt", nennt Martin diesen Zustand. Die Abbilder der Videos in seinem Kopf treten für kurze Zeit in den Hintergrund. Jona Hartung nimmt die externe Festplatte ihres Bruders an sich. Ein Blick genügt ihr: unzählige Pornos. Die 25-jährige Studentin geht die Dateiliste routiniert durch. Ein paar Sachen erscheinen ihr zu hart für die Augen ihres fünf Jahre älteren Bruders. "Kot und so, das muss nicht sein", sagt sie und klingt fürsorglich. Diese Filme löscht sie. Den Rest kopiert sich die freundliche Studentin mit den kleinen Locken auf ihre eigene Festplatte. Jona schaut regelmäßig Pornos, um sich dabei selbst zu befriedigen. Ihr Konsum nehme phasenweise zu und ab, sagt sie. "Grundsätzlich habe ich das aber im Griff." Rund die Hälfte ihrer Freunde, schätzt Jona, schaut ebenfalls Pornos, Mädchen genauso wie Jungs. 81 Prozent aller Deutschen über 15 Jahren konsumieren laut einer Studie der Deutschen Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Sexualforschung (DGSS) Pornographie. Damit gibt es viermal mehr Pornokonsumenten als Raucher in Deutschland. Trotzdem redet fast niemand über Pornographie. Kaum ein anderes Thema nimmt im Leben vieler Menschen mehr Platz ein und wird gleichzeitig in so geringem Ausmaß besprochen. Und das, obwohl der flächendeckende Pornokonsum Grundsatzfragen nach der Bedeutung von Sexualität aufwirft. Gleichzeitig stehen Politik und Gesellschaft vor neue Herausforderungen, die nicht gemeistert werden, weil niemand über sie redet: zum Beispiel Pornographiesucht und Jugendliche, deren Verständnis von Sexualität von Hardcorevideos geprägt wird. "Die Suche nach sexuellen Stimuli ist eine uns Menschen angeborene Eigenschaft", sagt der Sexualforscher Jakob Pastötter von der DGSS. Pornos nennt der Fachmann "audiovisuelle Stimuli". Die gebe es in ausschließlich zum Konsum bestimmter Form schon seit dem Beginn des 16. Jahrhunderts. Im Leben von Martin gibt es nackte Frauen auf Papier seit seiner Kindheit. "Pornographie war für mich schon in jungen Jahren ein gutes Mittel, zu entspannen", erinnert er sich. Der 39-Jährige ist in Österreich aufgewachsen, in einem liberalen Haushalt. Bei seinen Eltern lagen Softpornos offen herum. Gesprochen wurde über die nackten Frauen aber nicht. Martins Vater besitzt noch andere Hefte, härteres Material, die hält er versteckt. Martin findet diese Hefte zufällig als 10-Jähriger. "Damit hat sich die Grundlage für Schlimmeres gebildet", sagt er heute. Martin bezeichnet sich selbst als Pornosüchtigen. Allerdings hat er seine Sucht seit drei Jahren im Griff. Martin ist ein extremer, aber kein Einzelfall unter den Konsumenten. "Tatsache ist, dass viele Therapeuten Klienten haben, die das Gefühl haben, ihre Pornographienutzung nicht mehr kontrollieren zu können", sagt Pastötter. Jona, die in Prenzlauer Berg in Berlin lebt und Kulturwissenschaften studiert, braucht keinen Therapeuten. Sie sagt, ihr Sexualleben sei normal. Vergangenen Sommer hat sie zwei Wochen lang ohne Unterbrechung Pornos angeschaut. "Da ist es ausgeartet", sagt sie. Dass jemand pornosüchtig wird, kann sie gut verstehen. Aber normalerweise schaut sie sich Filme nur hin und wieder an. Meistens spult sie bis zu einer Stelle vor, die ihr besonders gut gefällt, um sich zu befriedigen. Der Rest des Filmes interessiert sie nicht. Im vergangenen Sommer hat sie sich in einem Forum registriert, in dem sich Menschen zum Fesselsex verabredeten. "Filme haben die Vorarbeit zu diesem Schritt geleistet", sagt sie. Dazu sei ein Gespräch mit einer Bekannten gekommen, die mit dieser Praktik viel Spaß habe. Zwei von drei Interessenten hat Jona getroffen, mit dem ersten Mann hat sie lediglich rumgealbert, mit dem zweiten Partner zweimal geschlafen.
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