13.03.2009 - 18:30 Uhr

0 47 Über Twitter weiterempfehlen

Bananenrepublik: Zum Beispiel Dole

Text: klaus-werner-lobo

Er hat das "Schwarzbuch Markenfirmen" geschrieben, in "Uns gehört die Welt!" erklärt er Macht und Machenschaften von Konzernen - für jetzt.de macht Klaus Werner-Lobo Wirtschaft plastisch. Heute stellt er Machenschaften in der Obstindustrie vor

Letzte Woche habe ich eine Erklärung dafür angekündigt, warum ich den globalisierten Kapitalismus der Multis für nichts anderes halte als für eine beschleunigte und anonymere Form kolonialer Ausbeutung. Weil’s mich aber gerade so ärgert, möchte ich diesmal doch noch ein aktuellen Vorfall loswerden. Es geht nämlich um den Supermarkt bei mir ums Eck.
Screenshot von der Dole-Website Der wirbt seit Neuestem mit dem Slogan Genießen und dabei Gutes tun für den Kauf von DOLE-Bananen. DOLE ist der weltweit größte Obstproduzent. Gemeinsam mit Chiquita und Del Monte dominiert der Konzern bereits seit rund hundert Jahren den Handel mit Südfrüchten. In einigen Ländern Lateinamerikas waren diese Firmen jahrzehntelang so mächtig, dass man noch heute von Bananenrepubliken spricht: Sie eigneten sich dort riesige Ländereien an, Arbeits- und Gewerkschaftsrechte wurden mit Füßen getreten, ausbeuterische Kinderarbeit und die Vergiftung Tausender Menschen mit verbotenen Pflanzenschutzmitteln war fast schon die Regel. Mithilfe des US-Militärs und der CIA wurden sogar demokratisch gewählte Regierungen gestürzt, wenn sie sich den Interessen der Obstkonzerne widersetzten. Mittlerweile sind die Untaten dieser Firmen geschichtskundig. Doch seit immer mehr KonsumentInnen auf Fairtrade-Bananen umsteigen, die soziale, menschenrechtliche und häufig auch ökologische Mindeststandards garantieren, versuchen sich auch die großen Drei ein sauberes Image zu verpassen: Auf Chiquita-Bananen klebt beispielsweise das Gütesiegel einer angeblichen Umweltorganisation namens Rainforest Alliance. Damit soll der Anschein erweckt werden, die Früchte würden fair und umweltverträglich angebaut. In Wirklichkeit ist das ein industriefreundlicher Verein, der mit Fairem Handel wenig am Hut hat. „Chiquita ist weder aus umweltpolitischer noch aus arbeitsrechtlicher Sicht vorbildlich“, erzählten zum Beispiel Gewerkschafter in Costa Rica dem Spiegel im Jahr 2006. Auch eine Reportage des 3sat-Magazins nano zeigte, dass auf den Plantagen Gewerkschaftsrechte missachtet und die Beschäftigten teilweise schutzlos gefährlichen Pflanzengiften ausgesetzt wurden. In Kolumbien wird dem Unternehmen vorgeworfen, jahrelang rechte Paramilitärs finanziert zu haben. Rund 400 Familien, deren Angehörige gefoltert und getötet wurden, verklagten den Konzern daher Ende 2007 auf 7,8 Milliarden Dollar Schadenersatz. Chiquita hatte bereits davor zugegeben, die Terroristen zwischen 1997 und 2004 mit mehr als 1,7 Millionen Dollar unterstützt zu haben. 2002 berichtete Human Rights Watch von acht- bis 13-jährigen Kindern, die auf den Plantagen von Chiquita, DOLE und anderen für 3,50 Euro am Tag arbeiteten. Sie waren giftigen Pestiziden ausgesetzt, mussten schwere Lasten tragen, verschmutztes Wasser trinken und wurden zum Teil sexuell missbraucht. 2006 wurde eine von der EU geförderte Studie veröffentlicht, die DOLE die systematische Verletzung von Arbeits- und Gewerkschaftsrechten und die massive Gefährdung von Mensch und Umwelt durch Pflanzengifte vorwirft. 2008 erhob die Organisation Oxfam ähnliche Vorwürfe gegen mehrere Bananenkonzerne, darunter auch DOLE. Warum heißt es also beim Supermarkt bei mir ums Eck, man tue Gutes, wenn man DOLE-Bananen kauft? „Ganz einfach“, heißt es da: „bis zum 31. Mai 2009 Dole Premium Bananen kaufen, und schon wird ein Projekt unterstützt, welches die medizinische Versorgung von tausenden Menschen auf Costa Rica sichern wird.“ 2 (in Worten: zwei) Cent pro Kilo Bananen sollen angeblich für eine mobile Medizinstation verwendet werden. Ganz einfach! Wenn es doch immer so einfach wäre, Gutes zu tun! „Der im Aktionszeitraum günstige Preis von 99 Cent soll den Verkauf weiter ankurbeln“, bekennt man freimütig. Wie viel – oder wie wenig – davon für die costaricanischen PlantagenarbeiterInnen übrigbleibt, steht allerdings nirgends. „Gutes tun“ im Sinn von DOLE: Das ist, wie wenn ich ein bewohntes Haus anzünde und gleichzeitig zwei Cents an die freiwillige Feuerwehr spende. Gegen diese Greenwashing-Aktion kann man übrigens hier protestieren.


Neue Magazin-Texte:

Mehr Texte von jetzt.de liest Du jeden Montag in der Süddeutschen Zeitung - außerdem dienstags im Lokalteil der SZ. Du kannst die SZ zwei Wochen kostenlos testen - du musst nicht einmal kündigen!

Textoptionen
Mehr Texte von
klaus-werner-lobo
Mehr Texte zum Label
Zum_Beispiel
Text Freunden empfehlen Text drucken Text melden
Der Text gefällt Dir?
Lesenswertpunkt schenken
Fehler gefunden?
Report an Error
Hier bei jetzt.de anmelden,
Texte schreiben und kommentieren.
47 Kommentare

speichern

Alle Kommentare anzeigen

Aporia
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

1

14.03.2009 - 13:55 Uhr
Aporia

Klarer kann man es wohl kaum auf den Punkt bringen. Danke, Klaus!

Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

14.03.2009 - 13:56 Uhr
Aporia

(Ich habe eine technische Frage: Wieso taucht dieser gestern veröffentlichte Text erst jetzt in meinem Abo auf?)

okkasionalsozialist
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

-1

14.03.2009 - 13:58 Uhr
okkasionalsozialist

Aporia sagte:
Klarer kann man es wohl kaum auf den Punkt bringen. Danke, Klaus!


was kann man klarer kaum auf den punkt bringen?

es gilt das gleiche, was wir bereits beim letzten artikel festgestellt haben: eine einordnung unerwünschter verhältnisse ist erst möglich, wenn wir die alternative kennen.

Aporia
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

1

14.03.2009 - 14:01 Uhr
Aporia

okkasionalsozialist sagte: es gilt das gleiche, was wir bereits beim letzten artikel festgestellt haben: eine einordnung unerwünschter verhältnisse ist erst möglich, wenn wir die alternative kennen.

Lieber Okka, die Alternative wird im Rahmen von Fairtrade erprobt -- durchaus mit Erfolg, wie mir scheint.

okkasionalsozialist
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

-1

14.03.2009 - 14:08 Uhr
okkasionalsozialist

Aporia sagte:
Lieber Okka, die Alternative wird im Rahmen von Fairtrade erprobt -- durchaus mit Erfolg, wie mir scheint.


"unfair trade" (mit link zum ausführlichen pdf):

http://www.adamsmith.org/publications/ec...

ich geb aber zu, auch ich hätte nicht den nerv jeder ausführlichen gegenthese nachzugehen. wenn es dich aber interessiert...lohnt sich.

Aporia
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

14.03.2009 - 14:13 Uhr
Aporia

Ja nun, es geht bestimmt noch besser. Das wollte ich garnicht ausschließen, Okka. Aber als ersten Schritt finde ich das schonmal ganz gut. Vor allem, weil es in den westlichen Abnehmerländern ja sowas wie einen Bewusstseinswandel unterstützt.

DagnyTaggart
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

14.03.2009 - 14:17 Uhr
DagnyTaggart

Gegen Ausbeutung hilft es, die Eigentumsrechte der Menschen in den Anbaustaaten zu stärken. Leider haben die meisten Regierungen dort aber daran kein Interesse, denn sie verdienen an den Multis selber zu gut. - Gegen Big Business und Big Gouvernment hilft nur, das Gouvernment kleiner zu machen und die Eigentumsrechte (Land, Gesundheit, etc. pp.) der Menschen zu stärken.

okkasionalsozialist
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

14.03.2009 - 14:17 Uhr
okkasionalsozialist

Aporia sagte:
Ja nun, es geht bestimmt noch besser. Das wollte ich garnicht ausschließen, Okka. Aber als ersten Schritt finde ich das schonmal ganz gut. Vor allem, weil es in den westlichen Abnehmerländern ja sowas wie einen Bewusstseinswandel unterstützt.


ich finde fairtrade auch als ersten schritt schlecht. weil sie objektiv zu einer nachhaltigen verschlechterung der verhältnisse vor ort beitragen.

ich kaufe manchmal - mit schlechtem gewissen - fairtrade-produkte, wenn sie als endprodukt objektiv besser sind. das gilt zb für die schokolade von gepa, für mich mit die beste auf dem markt.

dafür sind die fairtrade-espressi meist ungenießbar ;)

Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

14.03.2009 - 14:18 Uhr
okkasionalsozialist

korrektur: wenn ich die endprodukte subjektiv besser finde.

DagnyTaggart
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

14.03.2009 - 14:20 Uhr
DagnyTaggart

...Auch könnte ich mir vorstellen, dass ein konsequenter Grassroot-Kapitalism abhilfe schaffen kann: Direktvermarktung übers Internet, b-2-b, etc. pp. - Würde den Multis schwer zu schaffen machen.

Weiter Seite 1 2 3 ... 5

Alle Kommentare anzeigen


Speichern

Jetzt-Mitglied

klaus-werner-lobo unbekannt

klaus-werner-lobo

ist jetzt-User und hat diesen Beitrag verfasst.

Klaus Werner-Lobo

Hat Beiträge verfasst zu