17.03.2009 - 18:30 Uhr

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Die Großmutter des Teufels

Text: philipp-mattheis

Die Dokumentation "Porno Unplugged" blickt hinter die Kulissen der Pornoindustrie. jetzt.de hat sich den Film angesehen und mit Regisseur Fabian Burstein gesprochen

Als Renee Pornero an ihre Grenzen kommt, stecken in zwei ihrer Körperöffnungen jeweils eine Männerfaust. Renee will sagen: Es reicht, aufhören! Doch anstatt Worten lässt sie Tränen sprechen. Sie weint und schreit vor Schmerz. In diesem Moment zoomt die Kamera auf ihr Gesicht. „Das ist super! Mach weiter so!“, sagt die Kamerafrau zu ihr.
Renee erzählt diese Geschichte mit einem Lächeln, als handele es sich um einen Dumme-Jungen-Streich, der ein wenig außer Kontrolle geraten ist. Die Standardreaktion des Zuschauers, diese Mischung aus fasziniertem Voyeurismus und entsetztem Mitleid hält so auch nur kurz an, denn Sekunden später wieder spricht eine selbstbewusste und erfolgreiche junge Frau über ihren Beruf, als sei sie Unternehmensberaterin. Doch Renee Pornero ist ein ehemaliger Pornostar.

"Was hat dich bloß so runiniert?"
81 Prozent aller Deutschen konsumieren mehr oder regelmäßig Pornografie. Doch wer die Darsteller sind, was sie antreibt, wie sie zu ihrem Beruf gekommen sind, all das bleibt hinter einem Schleier der Professionalität verborgen. Porno Unplugged, das Erstlingswerk von Fabian Burstein, ist eine Dokumentation über Pornodarsteller und Produzenten. Der junge Österreicher begibt sich auf eine Reise von Ost nach West, von Budapester Plattenbauten und osteuropäischen Billigmodels über Wien, Bad Ischl nach Amerika ins San Fernando Valley, dem Mekka der Pornobranche. Porno Unplugged versucht anhand von drei Protagonisten, hinter die Kulissen einer Industrie zu schauen, die mehr Geld als Hollywood, mehr Geld als die zehn größten Internet-Unternehmen zusammen umsetzt.





Bursteins Protagonisten, die ehemalige „Analqueen“ Renee Pornero, der Unternehmer Thomas Janisch und der Pornodarsteller Mike Blue, stammen alle aus Österreich – und an dieser Stelle enden bereits ihre Gemeinsamkeiten. Denn die Beweggründe, in das Pornogeschäft einzusteigen sind, wie der Regisseur betont, vielfältig. Renee war auf der Suche nach einem gut bezahlten Nebenjob, für Mike Blue war der sexuelle Reiz ausschlaggebend, als er bei ödk, der in Bad Ischl ansässigen Pornoproduktionsfirm von Thomas Janisch, anfing. Mittlerweile hat Mike Blue sich als Produzent selbstständig gemacht, er ist auf dem Weg nach oben – ganz oben ist in der Pornobranche, wer es ins San Fernando Valley geschafft hat. 90 Prozent aller amerikanischen Pornofilme werden hier produziert, pro Tag 200 Filme gedreht. Während in Deutschland eine Darstellerin gerade einmal 400 Euro für einen Drehtag erhält, gibt es im kalifornischen Porno-Tal streng gestaffelte Preise: 250 Dollar für einen Blowjob, 600 Dollar für Vaginalverkehr, 800 bis 900 für Anal und 1200 Dollar für die „Double Penetration“.

D, DP und ATM
Fabian Burstein begleitet Mike Blue nach Las Vegas auf eine Messe, auf der der zwischen all dem Silikon und Muskeln wie ein schmächtiger Schüler wirkende Regisseur selbst vor die Kamera tritt und von Porno-Darstellerinnen geknuddelt wird. Er filmt Mike Blue beim Filmen von Deepthroats und Double-Penetrations und am Ende auch mit seiner Freundin, Viviane, ebenfalls Pornodarstellerin.
Immer wieder umkreist Burstein die Frage, woher unser gehemmter und oft tabuisierter Umgang mit Sexualität im Allgemeinen und Pornografie im Speziellen kommt. Er spricht mit Mikes liebevoller Mutter, die nach einigen Anfangsschwierigkeiten den ungewöhnlichen Beruf ihres Sohnes akzeptiert hat. Als dämonischer Gegenpol dient ihm Martin Humer, ein erzkatholischer „Pornojäger“, der vor einem Papst Benedikt-Bild krude Theorien zum Besten gibt („Wenn eine Frau sich mit dieser Sauerei identifiziert, ist sie vergleichbar mit Großmutter des Teufels“.)

Manchmal scheint der Film jedoch unter seinen selbst gesetzten Erwartungen zurückzubleiben. Nachdem Mikes Mutter über ihren Sohn gesprochen hat, wartet der Zuschauer vergebens darauf, dass auch der Vater zu Wort kommt. Der so rational wirkende Geschäftsmann Thomas Janisch bleibt genauso kühl, wie er sich selbst inszeniert und Renee Pornero zeigt ihr verletzliches Gesicht eben genauso weit, wie sie möchte. Vergeblich wartet man auf das große Lüften des ach so professionellen Schleiers, hinter dem sich die emotionalen Abgründe verbergen. Vielleicht gelingt das der Dokumentation nicht. Vielleicht lauert hinter dem Schleier aber auch nur etwas unglaublich Banales: Arbeit.

Auf der nächsten Seite liest du ein Interview mit dem Regisseur Fabian Burstein
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philipp-mattheis

ist jetzt-Mitarbeiter und hat diesen Beitrag verfasst.