12.03.2009 - 18:31 Uhr

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„Wir brauchen ein Gegengewicht zur Religionspropaganda“

Text: sarah-stricker - Foto: www.buskampagne.de, Illustration: Dominik Pain

Seit einiger Zeit fahren durch London und Madrid Busse mit atheistischen Botschaften wie "There is probably no God". Bald soll die Kampagne auch in Deutschland starten

„Gottlos glücklich – ein erfülltes Leben braucht keinen Glauben“ – in Großbritannien, Spanien und Italien rollen bereits Busse, auf denen mit diesem und endlichen Sprüchen für gottloses Glück geworben wird. Jetzt sollen die Banner auch in den deutschen Linienverkehr, vorerst in Berlin, Köln und in München. Seit Montag kann man auf www.buskampagne.de für die Kampagne spenden. Wer mindestens einen Euro gibt, darf mitabstimmen, welcher Slogan auf die Busse kommt. Ein Interview mit dem Sprecher der Kampagne Philipp Möller:

Philipp, ihr wollt auf Bussen für Atheismus werben. Hat Missionieren nicht schon der Kirche mehr geschadet als genützt?
Das möchte ich so nicht stehenlassen. Wir machen keine Werbung für Atheismus. Wenn wir für etwas werben, dann für Skeptizismus. Dafür, Dinge zu hinterfragen anstatt sie einfach zu glauben. Deshalb lautet unser Slogan auch nicht „Es gibt definitiv keinen Gott“, sondern „Es gibt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keinen Gott“, also eine völlig wissenschaftliche Aussage. Auf das argumentativ dünne Eis, die Existenz eines Gottes endgültig auszuschließen, werden wir uns nicht begeben.




Wenn ihr euch selbst nicht sicher seid, warum dann die ganze Aktion?
Wir wollen den rund 35 Prozent Konfessionslosen in Deutschland endlich mal eine öffentliche Stimme geben, die ein Gegengewicht zu der massiven Religionspropaganda aufbaut.

Welche Propaganda?
Du lebst doch in Berlin, oder?

Ja?
Fährst du U-Bahn?

Ja.
Dann achte mal auf die vielen kleinen Aufkleber, die einem erzählen, dass Jesus lebt und dass Jesus einem hilft. Achte mal auf Freikirchen, die überall Werbung machen und auf die unzähligen Pro Reli-Plakate. Das finde ich schon massiv.

Ist es nicht genauso intolerant, wenn ihr gläubigen Menschen auf dem Weg zur Arbeit euren Nichtglauben unter die Nase reibt?
Wir richten uns mit unserer Aktion nicht gegen Personen, sondern gegen Überzeugungssysteme. Die Existenz Gottes ist nur eine Behauptung. Es gibt dafür weder Beweise noch Hinweise. Wir sind davon überzeugt, dass Gott ein Erklärungsansatz aus einer Zeit ist, als man vieles noch nicht verstanden hat. Man versteht natürlich auch heute vieles noch nicht, aber eine Menge der Fragen, die damals mit Gott erklärt wurden, kann man heute mit Fakten beantworten. Ich empfinde unsere Banner überhaupt nicht als intolerant. Wenn sich jemand durch so einen Spruch persönlich angegriffen fühlt, identifiziert er sich offenbar derart mit seinem Überzeugungssystem, dass es letztlich noch mal auf die Relevanz unserer Kampagne hinweist.

Was genau wollt ihr erreichen?
Wir wollen zur positiven Wahrnehmung einer Weltanschauung beitragen, die auf übernatürliche Erklärungsansätze verzichtet. Unserer Meinung nach sind zwischenmenschliche Werte keiner Figur entsprungen, wie Gott – die sowohl unbewiesen, als auch unwahrscheinlich ist – sondern wurden zum Beispiel durch die Aufklärung, aber auch durch Menschen und für Menschen entwickelt.

Aber wieso braucht es dafür Banner auf Bussen? Ist Glauben nicht Privatsache?
Doch. Ist es. Und sollte es auch bleiben. Wir wollen niemanden von seinem Glauben abbringen, wir wollen niemanden bekehren. Wir wollen vielmehr darauf hinweisen, dass es sich bei Religion um ein vor allem durch Erziehung und Sozialisation indoktriniertes Überzeugungssystem handelt und eben nicht um eine Selbstverständlichkeit. Deshalb wollen wir eine Diskussion anstoßen, die die Relevanz eines Gottesglaubens für ein Gutmenschentum kritisch hinterfragt.
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