Philipp im Schnee 8
Es war Abend und die Stille noch großer geworden. Ich saß in der Stube und dieses Maß an Stille verwirrte mich. Es waren offenbar Abstufungen innerhalb der Stille möglich, von denen ich zuvor nicht gewusst hatte. Denn ich hätte nicht gedacht, dass die Ruhe des Nachmittags noch gesteigert werden könnte, doch während nachmittags selbst das dezente Ticken der Wanduhr etwas gegen sie ausrichten konnte, kam gegen diese Stille nicht einmal mehr der laute Fernseher an.Draußen war es noch immer nahezu windstill und zumindest im Schein der Straßenlaternen viel der Schnee, groß, schwer und lotrecht vom Himmel herab. Und es gab keinen Grund anzunehmen, dass der Schnee nicht auch zwischen den Lichtkegeln, im undurchdringlichen schwarz zwischen den Laternen also, nicht ebenso groß, schwer und lotrecht zu Boden fallen sollte. Ich ging schlafen. Ich weiß noch, dass ich tief und traumlos schlief. Und als ich gegen sieben Uhr morgens, mit der Schneeschaufel in der Hand nach draußen ging, entschied ich mich es sein zu lassen. Irgendetwas sagte mir und vielleicht war es ja der Schnee selbst der mir zuflüsterte: Sch. Ganz ruhig. Ist schon gut. Lass es sein. Insofern ist es vielleicht zu viel gesagt, dass ich mich entschieden hätte. Jedenfalls war alles um mich und mein Haus herum von derselben, homogenen, über einen Meter dicken Schneeschicht bedeckt. Die Dorfstraße entlang war noch kein Schneepflug gefahren und so hätte ich ohnehin nicht gewusst, wohin mit all den Schnee. Ich weiß noch, ich dachte, dass es unter diesen Umständen ohnehin Unsinn wäre, ein paar Kubikmeter Schnee von A nach B zu schaufeln. Unten in der Talsohle, sah ich, wurde zumindest die Hauptstraße wieder befahrbar gemacht.
Der Schneepflug hatte bereits den Grossteil der Schneedecke von der Fahrpan gekratzt und neben die Straßen befördert. Ein Unimog ist ein Ungetüm von einem Fahrtzeug, doch ich weiß noch, als er im Schritttempo zwischen den hohen Schneewänden links und rechts der schmalen Fahrbahn talauswärts fuhr, sah er eher nach einem Spielzeugauto aus. Er verstreute wohl Splitt auf der Schneefahrbahn und also beschloss ich wie immer Philipps Pausenbrote her zurichten. Ich sagte, er könne heute seinen neuen Schianzug anziehen. Er fragte: Wieso das denn? Doch nachdem er hinausgesehen hatte, erwartete er keine Antwort mehr von mir.
Ich sah durchs Küchenfenster zu, wie sich Philipp querfeldein hinab Richtung Bushaltestelle durch den Schnee wühlte. Er hinterließ einen erstaunlich breiten, nicht völlig geradlinig verlaufenden Graben im insgesamt vielleicht doch schon eineinhalb Meter tiefen Schnee. Ich weiß noch, wie er allmählich immer keiner und kleiner wurde. Bald schien er in den Schneemassen zu entschwinden. Ich konnte es nicht weiter mit ansehen. Er kam auch nicht mehr zurück. Wahrscheinlich dachte ich: Der Bus ist also trotz der allgemeinen Verkehrslage gekommen. Wahrscheinlich verstaute ich Philipps und mein Geschirr in der Spülmaschine, saß dann am Küchentisch und trank noch eine Tasse Kaffee. Das war vielleicht der Moment, an dem ich mir erstmals vorstellen konnte, dass es niemals wieder aufhört. Vielleicht wünschte ich mir insgeheim, dass es nie mehr aufhören würde zu schneien, denn dann könnte ich einfach hinausgehen und mich in den Schnee legen. Mit gespreizten Beinen, mit weit von mir gestreckten Armen und mit leicht geöffnetem Mund. Ich könnte so einfach liegen bleiben, für immer und müsste nie wieder aufstehen. Der Schnee würde beginnen meine Körper zu bedenken. Er würde zunächst noch von meinen warmen Wangen und meiner fast schon heißen Zunge abschmelzen, schließlich aber auch mein Gesicht vollkommen bedecken und die Leere zwischen Gaumen und Zunge füllen, und es wäre gut, oder zumindest egal, da der Schnee doch ebenso Philipps Gesicht bedecken würde, früher oder später. Wir würden also auf die gleiche Art entschwinden. Der Schnee würde uns sicher sehr sanft begraben. Jedenfalls sanfter als ich je Philipp begraben könnte. Jedenfalls sanfter, als mich je Philipp begraben wird.
Gegen neun Uhr kramte ich meinen alten Schianzug aus dem Altkleiderschrank hervor. Ich weiß noch, dass ich erstaunt war, dass er mir überhaupt noch passte. Ich machte mir wie immer einen Knotens ins Haar und stülpte mir dann eine Mütze über. Um zehn nach neun verließ ich das Haus.
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