04.03.2009 - 00:08 Uhr

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Was für Kenner: Pathos mit Eddie Money

Text: chippyq

Diesmal geht es um alles. Diesmal hat man die richtig große Mehrzweckhalle gemietet und den teuren Schwarzweißfilm gekauft. Das Comeback von Eddie Money steht auf dem Spiel, jenem verdienten CBS-Rockhelden der späten Siebziger, dem Disco und die neumodischen Synthiefuzzis der letzten Jahre ganz übel mitgespielt haben. Ein echter Befreiungsschlag muss jetzt her. Epische Arpeggios und dramatisch geschnittene Bilder von leeren Stuhlreihen im Gegenlicht kündigen große Gefühle an.


Ähnlichkeit mit Otto Waalkes echt nicht beabsichtigt

Man merkt: Hier sind Profis am Werk, und auch der Song selbst ist, gemessen an den inneren Werten des Jahrzehnts, ohne Zweifel eine große Kulturleistung. Unfreiwillige Brachialkomik ist hier nicht zu erwarten. Sogar die Fönfrisur des Protagonisten und seine Windjacke im Jugendzimmerbettwäschedessin, die ihn aussehen lassen wie Don Johnson in Miami Vice, genauer: wie Don Johnson in Miami Vice, wenn es in Miami Vice um, sagen wir: Elektriker gegangen wäre und nicht um Stylerpolizisten: All das ist in vollem Umfang zeittypisch und als solches nicht zu beanstanden. Der Charme des Ergebnisses offenbart sich vielmehr erst im subtilen Detail.

Etwa in der engagierten Performance. Money weiß: Es geht für ihn um viel, um viel Money nämlich, und so begleitet er seine Zeilen mit gestischen Untertiteln für Hörgeschädigte, denn auch die hatte man 1986 schon als Käuferschicht erkannt. Exemplarisch sei die schöne Sequenz ab 0:30 genannt:

Are you the answer? (Zeigen auf imaginäres Gegenüber)
I shouldn't wonder (Kopfkratzen)
When I feel you whet my appetite (Universelle, zum Mund führende Einhandgeste, die heute gern in Karikaturen italienischer Pizzabäcker auf -kartons dargestellt wird)

Entschlossen und beeindruckend beiläufig wird um 0:50 die Sonnenbrille weggeworfen, denn Geld spielt in dieser Produktion keine Rolle, und außerdem naht der erste Refrain. Vorher jedoch ist noch ein schnell pochendes Herz zu visualisieren, und ein früher, unbedingt sehenswerter Höhepunkt des Videos ist Minute 0:55, wo Money diese Aufgabe kompromisslos realistisch, dabei aber genial einfach löst.

Unterdessen hat sich auch Ronnie Spector auf den Weg aus der Umkleide gemacht, denn sie muss am Ende des Refrains mitsingen. Für ihre 43 Jahre ist sie erstaunlich gut in Schuss und, obschon ein Kind der 1960er, als 80er-Jahre-Babe hier unbedingt überzeugend. Aber ach! Moneys Darbietung reißt sie und ihre Hüften schon aus der Entfernung so mit, dass sie sich in ihren Stöckelschuhen nur noch durch energisches Hin- und Herschwingen nach beiden Seiten fortbewegen kann, und das kostet Zeit. Zum Glück hat die teure Halle einen großen Monitorwürfel, auf dem man sie rechtzeitig zum Refrain einblenden kann.


Prügelknabe Aluleiter, der blödeste Job beim Videodreh

Alles glänzend gelaufen also, das heißt: Money kann sich in der zweiten Strophe etwas zurücknehmen. Der Zuschauer gewinnt dadurch Zeit zum Nachdenken, zum Beispiel über die Requisiten, einen Stuhl und eine große Aluleiter. Der Stuhl ist zum Draufsitzen im Intro. Die Aluleiter ist zum... hm. Nein, die Aluleiter ist einfach, und das wird auch im restlichen Video einfach nur tun: sein. Sie führt nirgendwo hin, sie erfüllt keine Funktion in der Story, sie wird nicht benutzt. Gut, manchmal wird auf sie eingeschlagen in ihrer beruhigenden Solidität, und sie dient als Ständer für Moneys Saxophon, aber dazu, denkt sich der Zuschauer, hätte es vielleicht nicht gleich so eine große Aluleiter gebraucht. Sind vielleicht Wartungsarbeiten am Monitorwürfel vorgesehen? Aber der funktioniert tadellos. Hat sie der Hausmeister dort vergessen? Ist es irgendsoeine amerikanische Sicherheitsvorschrift?

Man weiß es nicht, aber man hat auch keine Zeit, weiter darüber nachzudenken, denn gegen 2:00 hat sich Ronnie Spector bis zum Halleneingang vorgearbeitet, rechtzeitig zum zweiten Refrain und der Bridge mit Moneys Saxophonsolo. In die Folgesekunden, genauer: auf 2:24, fällt der zweite Höhepunkt des Videos, eine nur knapp eine Sekunde lange Stelle, deren Schönheit mir eigens der große Publizist A. Goodtimes ins Gedächtnis zurückrufen musste.

Eddie Money spielt Luftgitarre.
Eddie Money spielt Luftgitarre auf dem Saxophon.
Eddie Money spielt Luftgitarre auf dem Saxophon an einer Stelle, an der überhaupt keine Gitarre vorkommt.

Überhaupt, das Saxophon. Das ganze Video über war man um größtmöglichen Realismus bemüht. Das Saxophon durfte nicht einfach zum Solo vom Himmel fallen wie etwa bei den Blues Brothers; es hing die ganze Zeit brav und griffbereit an der Leiter. Auch die Fingerbewegungen beim Solo sind kaum zu beanstanden. Problematisch wird es erst einige Sekunden später. Das Dilemma ist schnell formuliert: Money macht in Personalunion Gesang und Saxophon. Beim Crescendo in der Studioaufnahme überlagern sich Gesang und Saxophon. Während man singt, kann man nun aber nicht gut Saxophon spielen.

"Scheiße", sagt der Regisseur. "Und wenn wir einfach ganz schnell ganz verschiedene Sachen gegeneinanderschneiden, um abzulenken? Schaut doch eh keine Sau richtig hin", schlägt der Praktikant mit der modernen Flock-of-Seagulls-Frisur vor. Und so geschieht es. In einem wüsten, epileptischen Sturm von Bildern ab etwa 2:33 sehen wir in gut drei Sekunden Money singen, Saxophon spielen, das Mikrofon ergreifen, das Saxophon ergreifen, seine Jacke ausziehen, seine Jacke vermutlich auch irgendwie wieder anziehen, schließlich seine Hand mit dem Saxophon triumphierend emporrecken. Geschafft, und keiner hat's gemerkt!

Das war der dritte Höhepunkt des Videos, und schöner wird es tatsächlich nicht mehr. Ab jetzt ist nur noch repeat to fade, Köpfe mit Fönfrisuren werden durch die Gegend geworfen, Ronnie Spector wackelt aufgeregt mit den Hüften und zieht irgendwann ab, ohne Eddie Money mit nach Hause genommen zu haben. Das macht aber nichts, denn der ist schon längst auf dem Weg hin zu 60 Millionen verkauften Platten. Mit einem versöhnlichen Panoramaschwenk durch die Mehrzweckhalle endet dieses Video, und das letzte, was wir in der Ferne sehen, ist ganz folgerichtig: die große Aluleiter.



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7 Kommentare

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AllesOderNichts
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Mag ich Mag ich nicht

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04.03.2009 - 00:10 Uhr
AllesOderNichts

große, wenn nicht größte kunst!

musicus
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Mag ich Mag ich nicht

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04.03.2009 - 00:21 Uhr
musicus

das ist mal was anderes. unterhaltsam geschrieben. danke!

CommodoreSchmidtlepp
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Mag ich Mag ich nicht

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04.03.2009 - 00:23 Uhr
CommodoreSchmidtlepp

Ja, das ist sehr schön, nur eins hast Du vergessen zu erwähnen, im Schnitt von Sekunde 40 auf 41 verschwindet das Saxophon, wobei uns Herr Money die Antwort schuldig bleibt, was genau damit passiert ist. Ansonsten Tipptopp!

Cheers!

noplacespecial
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Mag ich Mag ich nicht

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04.03.2009 - 02:38 Uhr
noplacespecial

ich habe mehr erwartet

Kalef
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Mag ich Mag ich nicht

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04.03.2009 - 02:55 Uhr
Kalef

gut geschrieben, aber das Video ist mir zu harmlos.

fyra
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Mag ich Mag ich nicht

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04.03.2009 - 09:29 Uhr
fyra

Ich bin Fan der Aluleiter.

weltherrrschaft
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Mag ich Mag ich nicht

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05.03.2009 - 16:40 Uhr
weltherrrschaft

Ich habe nicht mehr erwartet.

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chippyq unbekannt

chippyq

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