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Alltag
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Kultur| 27.02.2009 15:01Ich brauch keine Liebe, ich hab das Internet
Text: fyra
Heute Nacht schon wieder von Sex geträumt. Zermürbt am Morgen aufgewacht. Die Sickerphase, in der man langsam rafft, dass der Typ mit den Bizeps, der einem heute Nacht das Kamasutra nähergebracht hat, nicht der Eigene ist, ist die schlimmste. Das warme Gefühl weicht dann nämlich der abgrundtiefen Enttäuschung darüber, dass man jetzt nicht die Zigarette danach sondern eine Dusche nehmen sollte.Setze mich im Bett auf und fluche so laut, dass meine Mitbewohner ebenfalls wach sind. Gehe in die Küche, da stehen die leeren, stinkenden Weingläser von gestern Abend und mein Kopf erinnert sich auch wieder an die vier Wein und die drei Tequila zuviel und den Liter Wasser zuwenig. An Schweiß auf Oberlippe, schlechte Musik auf Tanzfläche und wenig verwertbares Material zum Mitnachhausenehmen. Kater würgt sich Speiseröhre rauf; „Feeling like shit, looking like shit“, sagt Lydia hinter mir aus dem Kühlschrank und ein Blick genügt, wir sind heute beide nicht zum Kirschenklauen geeignet. „Runter damit“, sagt sie, kippt ein bräunliches Gemisch. Ich versuche, beim Blinzeln nicht zu stolpern, schaue möglichst fragend, damit ich meine Stimmbänder nicht benutzen muss. „Kalter Espresso“, antwortet sie (Telepathie! Es klappt!), „mit Zitronensaft.“ Ich würge. „Hilft“, sagt sie, spült sich aber dennoch den Mund mit kaltem Wasser. „Auch einen?“ Ich schüttele den Kopf, „wenn Du erlaubst, ich genieße den schillernden Schmerz in meinen Schläfen noch ein wenig, danke. Erinnert mich an das Echolot in Das Boot.“ Zwei Scheiben springen aus dem Toaster, Lydia stellt uns Teller hin, Rührei drauf. Ich liebe sie. „Hab wieder vom Ficken geträumt“, seufze ich. Sie nickt, „hab ich mitgekriegt.“ Ich lache. Sie lacht. Wir kauen. Sonntag in Berlin, Sonnenstrahlen kämpfen sich durch die schmutzigen Fensterscheiben. Glück kann so einfach sein. „Ich muss packen“, sagt Lydia plötzlich in unser sinniges Schweigen. Richtig. Hab ich vergessen. Sie zieht ja aus. „Geh nicht“, sage ich. „Bleib locker“, ist ihre Antwort, grinst ihr hartes Grinsen, ihr Karrierelächeln. „Bin nicht aus der Welt.“ Nee, stimmt. Nur in England. Abends ist ihr Zimmer leer, morgen zieht ein Italiener ein. Sitze im Dunkeln vorm hellen Bildschirm, tippe „wee, wee, wee, Punkt, juporn, Punkt, komm“ in die URL-Leiste. Sehen wir es mal positiv: Ich brauch keine Liebe, ich hab das Internet. ![]()
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