Philipp im Schnee 7
Der Weg, die drei-, vierhundert Meter zu meinem Weiler hinauf, wirkte länger, war anstrengender als sonst. Die Straße war zwar vormittags geräumt worden, doch der Himmel hatte sich seitdem noch weiter abgesenkt und noch einmal um die 20 oder 25 Zentimeter Neuschnee herabfallen lassen. So kam ich bei jedem Schritt ins Rutschen. Bei jedem Schritt waren es vielleicht zehn Zentimeter meiner Schrittlänge die ich durchs Rutschen verlor.Ich kann mich erinnern, dass in den Stauden am Straßenrand Spatzen reglos im Dickicht der Zweige saßen. Selbst die Mastspitzen der Überlandsleitung waren nicht mehr sichtbar, so tief war der Himmel nach unten gesackt. Und selbst der verspielte Hund meines Nachbarn, der gestern noch mit hellem, freudigem Gebell den halben Nachmittag lang durch den Schnee getollt war, lag nun wie tot unterm Vordach des Stadels. Als ich vorbeiging hob er nicht einmal mehr den Kopf.
Ich ging ins Haus und hängte meine Jacke an die Gardarobe. Die Flocken daran begannen zu schmelzen und tropften zu Boden, oder sie sickerten langsam in den Jackenstoff ein. Als ich durchs Küchenfenster hinaussah, war der Zaun, der die Wiese nach Osten hin begrenzte völlig im Schnee versunken und auch die Senke des Feldwegs, der den Wiesen normalerweise nach Westen hin eine Grenze setzte, war nicht mehr ausmachbar. Es schien mir, als begännen die Wiesen sich unaufhaltsam ausbreiten. Nur den Häusern, und den mit viel Aufwand frei geräumten Straßen gelang es momentan noch, sich der Expansion der Wiesen entgegen zu stellen. Es war so unglaublich still. Man hörte lediglich das Ticken der Wanduhr und ich weiß noch, plötzlich stand es Spitz oder Kopf. Würde ich meinem Drang nachgeben und die Stille gezielt vollenden? Oder wird es der andere, entgegen gesetzte Drang sein, der wieder einmal obsiegt? Da Philipp noch nicht da war, konnte ich mich eine Zeit lang ungestört in dieser Unwissenheit einnisten. Ich wog erst gar nicht ab. Es gab weder ein für, noch ein wider. Es vergingen so vielleicht fünf oder zehn Minuten. Doch schließlich ließ ich die Batterien der Wanduhr wo sie waren und stellte das Radio an.
Ich sah im Kühlschrank nach und ging dann in den Keller. Ich verschaffte mir einen groben Überblick darüber, was mir zur Verfügung stand. Als ist zu kochen begann, hatte der Drang zum Weitmachen endgültig die Oberhand gewonnen. Oder war es nur ein Drang nach Zerstreunung, ich weiß es nicht. Ich weiß nur noch, dass Philipp kam. Er sagte, er habe seine Mütze verloren. Ich sagte, dass ich hoffe, dass ihm das Essen schmeckt. Der Radiosprecher sagte, dass der Westen des Landes derzeit im Schneechaos versinke. Doch obwohl ich mir noch nie etwas Genaueres unter dem Chaos vorstellen konnte, meinte ich dennoch zu wissen, dass das, was ich sah, wenn ich aus dem Fenster blickte, dem Chaos nicht im Entferntesten ähnlich sah.
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