Fräulein Fies
Im Internet mutieren viele Frauen zu Lästermäulern - und festigen damit alte Rollenbilder
Websites, die explizit für Frauen konzipiert sind, tragen diesen Geschlechterunterschieden Rechnung. Eine der erfolgreichsten Seiten-Neugründungen der vergangenen beiden Jahre ist jezebel.com, das aus dem New Yorker Medienunternehmen "Gawker" hervorgegangen ist. Junge berufstätige Frauen sollen auf "jezebel.com" auf sie zugeschnittene Themen finden: Politische Meldungen, die mit ihrem Leben zu tun haben, Hintergrundberichte aus der Modebranche und, ja, auch Klatsch. All das aber mit Niveau und einer feministischen Grundhaltung. Das klingt gut und funktionierte in den ersten Monaten. Mittlerweile aber produzieren die Redakteurinnen kaum mehr eigene Inhalte. Sie beschränken sich darauf, Klatschgeschichten und andere Meldungen zusammenzufassen und hin und wieder Bilder von Promis oder niedlichen Tieren zu posten. Auch das ist noch mit einer gewissen ironischen Grundhaltung versehen, ändert aber nichts daran, dass diese Seite, die als eine große Hoffnung der weiblichen Netzcommunity gehandelt wurde, mittlerweile den Websites frappierend ähnelt, gegen die sie damals angetreten war. In Deutschland sieht es nicht anders aus. Frauen bewegen sich auch hierzulande in abgesteckten Claims und verbringen ihre Zeit im Netz vor allem damit, sich auszutauschen. Und dieser Austausch kann auch auf Deutsch sehr schnell sehr schroffe Formen annehmen. Style-Blogs, die zu den beliebtesten und erfolgreichsten Blogs im Netz gehören, haben zum Großteil weibliche Fans und Leser. Und die holen sich nicht unbedingt Modetipps von den dort abgebildeten Leuten, sondern arbeiten sich besonders gerne in den Kommentaren an den gezeigten Menschen ab. Die Basher sind in der Mehrzahl weiblich. So kommentieren die User in einem willkürlich gewählten deutschen Styleblog das Foto eines farbenfroh gewandeten Pärchens: "Sieht scheiße aus. Wer hat diese Farbkombi gewählt?!" - "Hackfresse?! Von mir aus Mut zur Farbe, aber bitte geschmackvoll." - "Ich finde dass er mit seinen Beinen bzw. Fußballerwaden definitiv KEINE Röhrenjeans tragen sollte." - "Also wenn man sich so anzieht muss man sich Kritik anhören müssen. Schrecklich!" - "Haha, zwei neue Kandidaten für die Schublade ,Wir versuchen krampfhaft individuell zu sein‘". Dieser raue Ton, der im Netz herrscht, wird von einigen jungen Frauen als positive feministische Entwicklung verkauft. Als würde sich etwas im Geschlechterverhältnis ändern, wenn sie verbal nur genauso vom Leder ziehen, wie das bisher eher Männern zugeschrieben wurde. Diese kindische Attitüde als feministische Errungenschaft zu preisen, ist nicht nur ärgerlich, sondern vor allem auch falsch. Denn junge Frauen scheinen im Internet gerne mal all die Smartheit und Intelligenz zu verlieren, die sie im wirklichen Leben ausmacht. Ausgerechnet im Netz kehren sie verstärkt zu einer vergangen geglaubten Schulhofmentalität zurück und versichern sich ihrer eigenen Identität, indem sie sich von anderen durch Lästereien und verbale Hiebe abgrenzen. Offensichtlich verstärkt das Internet ausgerechnet die stereotypen Eigenschaften, die besonders unangenehm sind. Aus zivilisierten Frauen werden mitunter unangenehm zickige Avatare, die sich über die sexuellen Präferenzen ihrer Exfreunde in aller Öffentlichkeit lustig machen und sich dabei des Beifalls der ganzen Community sicher sein können. Die Rache der Männer an ihren ehemaligen Liebhaberinnen hat übrigens momentan nur ein Ventil: Auf Schmuddelseiten wie Ex Girlfriend Revenge Pics stellen Männer Nacktfotos ihrer Exfreundinnen aus. Das ist noch ein bisschen schlimmer als "Worst Dude", wird aber immerhin nicht als witzigste Seite seit Erfindung des Internets gefeiert, sondern als das gesehen, was es ist: eine armselige Aktion enttäuschter Liebhaber, die ihre Armseligkeit durch solche Aktionen zementieren.- Abschied vom Wachtturm: Drei Frauen und ihre Leben nach den Zeugen Jehovas 20.05.2012
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