Zum Beispiel: Freiheit. Eine Wirtschaftskolumne (II)
Er hat das "Schwarzbuch Markenfirmen" geschrieben, in "Uns gehört die Welt" erklärt er Macht und Machenschaften von Konzernen - für jetzt.de macht Klaus Werner-Lobo Wirtschaft plastisch. Heute denkt er über die Bedingungen für weltweite Zuwanderung in die EU nach.
In meiner letzten Zum Beispiel-Kolumne habe ich über Globalisierung geschrieben. Genauer gesagt: Über die neoliberale Globalisierung der Marktwirtschaft. "Liberal" heißt frei, doch die neue Freiheit gilt de facto nur für den globalen Austausch von Kapital, Waren und Dienstleistungen für die Profite reicher Unternehmen. Für Menschen allerdings gilt die Freiheit des Neoliberalismus nicht. Die meisten BewohnerInnen dieses Planeten sind den nationalen Grenzen, den nationalen Gesetzen und der Begrenztheit ihrer persönlichen Reichtümer unterworfen. Gerade diese Reichtümer aber werden einem großen Teil der Menschheit von multinationalen Konzernen weggenommen – etwa in Form von Rohstoffen, ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen, der Rückzahlung von Schulden, die korrupte Regierungen gemeinsam mit korrupten Banken angehäuft haben, oder dem Verlust ihrer Vermögen durch Finanz- und Währungskrisen. Nigeria zum Beispiel ist theoretisch eines der reichsten Länder der Welt. Shell und andere Erdölkonzerne verdienen dort seit Jahrzehnten Milliarden mit der Ölförderung, unterstützten dafür korrupte Herrscher und Militärdiktaturen und haben die Lebensräume von Millionen Menschen zerstört. Das ist der Hauptgrund dafür, dass dort bis heute keine demokratischen Verhältnisse herrschen und das durchschnittliche Monatseinkommen bei nur rund 45 Euro pro Person liegt. Die Lebenshaltungskosten sind dort aber fast so hoch wie bei uns. Wie soll man von 45 Euro im Monat leben und eine Familie ernähren? Verständlicherweise versuchen deshalb viele Menschen dorthin zu flüchten, wohin auch ihre Reichtümer „geflüchtet“ sind: In die reichen Industrieländer, die ohne diese Art Ausbeutung bei weitem nicht so reich wären. Den wenigsten gelingt das, doch wer es schafft, kann im besten Fall sogar Geld heimschicken und damit der eigenen Familie helfen. Diese Hilfe fließt tatsächlich: Mit jährlich über 300 Milliarden Dollar überweisen MigrantInnen weit mehr als dreimal soviel Geld an ihre Familien in der Heimat, wie weltweit an Entwicklungshilfe gezahlt wird. Für viele arme Länder sind diese Rücküberweisungen inzwischen der wichtigste Wirtschaftsfaktor. Was passiert aber bei uns? Ein Nigerianer, der es geschafft hat, die teure und gefährliche Reise nach Europa anzutreten, steht an den Grenzen Europas vor verschlossenen Türen. Öl und Kapital dürfen rein, aber die Menschen nicht. Immer mehr Verzweifelte versuchen dennoch, die Mauern der „Festung Europa“ zu überwinden – und werden dann hier zu „Illegalen“ erklärt. Sie werden zu Verbrechern gemacht, ganz so, als sei der Wunsch nach einer besseren Zukunft kriminell. Dabei wissen unsere PolitikerInnen, dass Europa mehr Zuwanderung bräuchte, um seine wirtschaftliche Stabilität und soziale Sicherheit aufrecht zu erhalten. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat errechnet, dass Deutschland statt derzeit rund 23.000 jedes Jahr etwa 270.000 MigrantInnen die Einwanderung erlauben müsste, will man die Bevölkerungszahl stabil halten. Denn die Geburtenraten fast aller Länder Europas sinken stetig. Angesichts des weltweiten Bevölkerungswachstums sollte es daher kein Problem sein, Menschen aus anderen Ländern hier mit offenen Armen zu empfangen. Wie wäre es zum Beispiel, wenn die EU eine Art "Weltöffnung" ab dem Jahr 2020 ins Auge fassen würde? Eine schrittweise Öffnung der europäischen Grenzen nicht nur für Handel und Kapital, sondern auch für Menschen? Europa hätte dann mehr als zehn Jahre Zeit, die Ausbeutung der ärmeren Länder zu stoppen. Gelänge dies, würden europäische Regierungen und Konzerne also endlich aufhören, diesen Ländern ihre Reichtümer wegzunehmen, dann würden auch nicht plötzlich Millionen von Menschen hier leben wollen. Erinnern wir uns an die bisherigen EU-Erweiterungsprozesse: Obwohl mit ihnen neben dem freien Verkehr von Waren, Dienstleistungen und Kapital auch der freie Personenverkehr ermöglicht wurde, verließen nur wenige Menschen ihr Land, denn die meisten wollen dort leben bleiben, wo sie Familie und Freunde haben, wo sie die Umgebung kennen und sich eine Existenz aufgebaut haben. Diese neue Freiheit würde nur eines beschränken: Die Freiheit, von der Ausbeutung anderer zu leben. ***
- Zum Beispiel: Aktiv werden 12.06.2009
- Zum Beispiel Rinderzucht: Kühe, die subventionierten Klimakiller 05.06.2009
- Zum Beispiel: Das gute Image der Konzerne - und wie leicht es leidet 29.05.2009
- Zum Beispiel Festung Europa: Wie Italien Bootsflüchtlinge umschifft 15.05.2009
- Zum Beispiel Spaß: Subversiver Humor ist der beste Protest 07.05.2009
Mehr Texte von jetzt.de liest Du jeden Montag in der Süddeutschen Zeitung - außerdem dienstags im Lokalteil der SZ. Du kannst die SZ zwei Wochen kostenlos testen - du musst nicht einmal kündigen!
Alle Kommentare anzeigen
limited_release sagte:
Ah ja. Nigeria ist keine Demokratie weil auslaendische Oelkonzerne das Erdoel foerdern. Was fuer wunderbar freie Wahlen es dagegen in Saudi-Arabien gibt, wo Saudi Aramco am Werk ist.
glaubst du wirklich, dass die saudis das ohne westliche konzerne geschafft haben? und die hübschen waffen, die ihnen helfen, ihren reichtum zu schützen, die hat der herr allah ihnen gegeben. HAHA.
gegenüber der redaktion am wirksamsten kritisieren können ihn also jene, die im grunde genommen weltanschaulich seiner seite stehen. darum spare ich mir die mühe.
er sieht aber cool aus. ist bestimmt ein mädchenschwarm und hat schon immer viele mädchenschwarm-sachen gemacht, in ner band spielen und so. da gehört dann so ne "ich mach mir sorgen um die welt und engagier mich total"-attitüde irgendwann fast zwingend dazu.
oder ist es falsch, dass ölkonzerne seit jahrzehnten dort milliarden verdienen und die bevölkerung (die dumme, sagen jetzt unsere ralis hier) leider immer noch nichts davon hat und desahlb versuchen diese dummerle (sagen sindie und rallibert) hier her zu kommen, statt dort mit innovationsgeist und freiem unternehmertum ihr glück selbst in die hand zu nehmen und mit hilfe der unsichtbaren hand die reichtümer selbst zu scheffeln. HAHA. ihr grossen anallysten. HAHA. bad governement. HAHA. bad analyst. HAHA. bad reiniger.
okkasionalsozialist sagte:
wenn die redaktion den eindruck hat, herr lobo würde vor allem aus weltanschaulichen gründen kritisiert, dann ignoriert sie das verständlicherweise.
gegenüber der redaktion am wirksamsten kritisieren können ihn also jene, die im grunde genommen weltanschaulich seiner seite stehen. darum spare ich mir die mühe.
er sieht aber cool aus. ist bestimmt ein mädchenschwarm und hat schon immer viele mädchenschwarm-sachen gemacht, in ner band spielen und so. da gehört dann so ne "ich mach mir sorgen um die welt und engagier mich total"-attitüde irgendwann fast zwingend dazu.
und für die jungs hat er noch ein hübsches mädel als wallpaper platziert, das einen freundlich anlächelt. vermutlich auf einem sozialforum oder ähnlichem anlass aufgenommen. schön bauchfrei, lateinamerikanische unkonventionelle schönheit. cool halt. warum hat noch niemand nach ihrer telefonnummer gefragt?
27.02.2009 - 01:16 Uhr
afrirali
Alle Kommentare anzeigen








-2
27.02.2009 - 00:12 Uhr
Arbeiterkind
nein, das ist nicht richtig, die engländer, respektive europa, lässt bisher nur die besonders qualifizierten herein, kommen wollen und würden auch die anderen. siehe aktuell italien und spanien.