Die sauberste Garküche der Welt befindet sich in Dalian
Text: nannan
Nach einem ausgiebigen Ausflug in einem für China typischen Kleidungsmarkt der Stadt Dalian, fand ich mich in einem der vielen Garküchen ein, die so selbstverständlich die Nähe großer Shoppinghallen suchen wie Charlie Brown seine Decke aus dem unbekannten Material. Der Grund dafür ist nahe liegend: Hunderte von Ständen ergeben ebensoviel Verkäufer und noch mehr Kunden. Also ganz viele hungrige Menschen, die keine Zeit für eine ausgiebige Mittagspause haben.
Die einen müssen schnell essen, sonst könnte das Geschäft leiden. Die anderen müssen sich erholen, sonst können sie nicht weiter shoppen. So ist die Einrichtung dieser Garküchen nicht selten an den Markt selbst angegliedert und erfüllt in vollem Umfang die Funktion einer Betriebskantine.
Essen und Getränke kann jeder anbieten, der das Geld für die Standmiete aufzubringen vermag. Von Reissuppe und eingelegtem Gemüsche über Fleischspieße, Fladenbrote, Kebab, Wok-Gerichte, gepökeltem und geräuchertem Fleisch, Hühnerfüßen, Nudeln aller Art bis hin zum gekochten Ei ist hier alles vertreten.
Die meisten Gerichte werden frisch innerhalb der kleinen Garküchen selbst zubereitet, weshalb man einen detaillierten Einblick in die offenen Küchen und Hygienestandards erhält. Viele der Kochplätze verfügen über keinen Wasserzugang und das Abwaschen ist folglich eine eher unbeliebte Angelegenheit. Denn dafür müsste ein spezieller Waschraum aufgesucht werden. Selbst für die Kochflächen die mit einen Wasserzugang ausgestattet sind lautet die Gleichung oft: Waschen = Zeit = Geld. Obwohl die Verfügbarkeit von Wasserzugang stark variieren kann, abhängig von Provinz, Stadt und Baujahr des Marktes, wird das Abspülen eher vernachlässigt.
Um die Sauberkeit des Geschirrs fürchten muss man allerdings nicht. Schließlich ist der Mensch für seinen Einfallsreichtum bekannt. Während Nomaden Saharasand vom feinsten, in Kombination mit ein paar Tropfen Wasser, benutzen, nehmen viele Garküchenköche Chinas einfach die wohl hartnäckigste Erfindung des 19. Jahrhunderts zur Hand: Plastik.
Prävention lautet also die Prognose und so beginnt die Reinigung schon vor dem Essen selbst; man nehme einfach eine hauchdünne Plastiktüte und stülpe diese über die Schüssel – fertig – eine vor den Überresten des Verzehrs geschützte Schüssel, die keiner Reinigung mehr bedarf. Auch die Holzstäbchen und Plastiklöffel werden, aus Hygienegründen, nicht weiterverwendet.
So hat sich auch nach dem 2008 erlassenen Verbot über die Verwendung der Einwegplastiktüten vielerorts nichts geändert. Grund dafür sind die oft mangelhaften Kontrollmaßnahmen. So fehlt es, besonders in ländlicheren Regionen an regelmäßigen Stichproben. Nicht umsonst wird in China der alljährliche Holzstäbchenverbrauch auf 45 Milliarden und der tägliche Plastiktütenverbrauch auf 3 Milliarden geschätzt. Man darf annehmen dass der tatsächliche Verbrauch weitaus höher ist.
Fragt man Garküchenbetreiber nach ihrer persönlichen Ansicht, so ist das Interesse an Umweltfragen bestenfalls geringfügig. Kaum verwunderlich, denn wer um seine eigene Existenz und die der Familie bangt, für den sind die Luxusfragen der westlichen Welt ein Genuss in den sie wohl nie kommen werden. Mit Gerichtspreisen die bei umgerechnet 20 Cent pro Person beginnen und einem durchschnittlichen Monatseinkommen von rund 400 Euro, bleibt für Umweltfragen einfach nichts mehr übrig.
Des weiteren bestimmt die Nachfrage auch hier das Angebot. So haben viele Gäste bei handgereinigtem Geschirr Bedenken und bevorzugen daher die Einweglösung.
Warum solle man sich dann die Mühe des Abwaschens machen, meint eine Suppenverkäuferin die seit 3 Jahren fest im Markt arbeitet. Nur die erste Woche habe Sie ‚Tütenfrei’ servierte. Ihre Garküche, oder zumindest ihr Geschirr sei das sauberste der Welt sagt Sie und lacht. Außerdem, fügt sie hinzu, hält sich hier ohnehin niemand an das Verbot. Recht hat Sie. Plastiktüten wohin man sieht. Auch außerhalb der Küchen. Die hauchdünnen Plastiktüten kommen durch den Wind ganz schön weit rum. Sie hängen an Bäumen, schwimmen auf Flüssen und Kanälen oder verfangen sich wo immer es geht. Gerne schweben sie auch einfach in der Luft oder am Boden. Ihre Präsenz ist so allgegenwärtig, dass die Plastiktüten-Szene aus American Beauty ein für allemal zu verdorben scheint.
Das Plastikproblem Chinas scheint sich einer sinnvollen Lösung zu entziehen. So haben zumindest Strafgebühren durch Stichproben noch nicht wirklich gegriffen. Vor der Möglichkeit einer Strafe fürchte sich unsere Verkäuferin nicht. Aufhören könne Sie nicht. Zu zeitaufwendig sei der Abwasch. Sie habe schlichtweg keine andere Möglichkeit als so zu verkaufen sie es alle tun und alle verlangen. Wir schauen einfach was kommt sagt Sie, und schmunzelt.
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