"Skandale sind pseudo-reinigende Prozesse"
Für ein Buch über "Skandale" haben Hamburger Studenten Menschen wie Natascha Kampusch, Gabriele Pauli oder den Manager des Ehepaars McCann interviewt, die immer noch nach ihrer Tochter Maddie suchen. Ein Gespräch über das Prinzip Eklat
Studierende des Instituts für Journalistik und Kommunikationswissenschaft der Universität Hamburg haben gemeinsam mit ihrem Professor Bernhard Pörksen und dem Journalisten Jens Bergmann ein Interview-Buch erstellt: 29 Interviews zum Thema "Skandal! Die Macht öffentlicher Empörung". Cliff Lehnen, 26, studiert Journalistik und Medienwissenschaft und war in dem Buchprojekt dabei, bei dem unter anderen Natascha Kampusch, Desirée Nick, Gabriele Pauli oder der PR-Berater des britischen Ehepaars Kate und Gerry McCann zu Wort kommt. Die beiden suchen seit Mai 2007 nach ihrer Tochter Maddie.jetzt.de: Cliff, du hast mit Clarence Mitchell, dem PR-Berater der McCanns über das Prinzip Skandal gesprochen. Was hast du dabei gelernt?
Cliff: Dass der Fall Maddie ein sehr emotionaler Fall war, in dem sich plötzlich die öffentliche Meinung drehte. Erst waren die Medien – die ganze Welt – auf Seite der Eltern, dann standen die Eltern plötzlich im Fokus: Waren Sie etwa die Mörder ihrer Tochter? Das war der Punkt, an dem Mitchell einstieg. Er hat es geschafft, die Berichterstattung weg von den Eltern zu drehen.
Welchen Eindruck hat dieser "Skandalmanager" bei dir hinterlassen?
Er hat uns sehr überzeugend verkauft, dass die McCanns unter dem Verdacht leiden, als potentielle Täter ins Auge gefasst zu werden. Alle Vorwürfe der britischen Medien oder auch der portugiesischen Polizei in Richtung der Eltern hat er schlüssig entkräftet. Aber wir waren nicht da, um den Fall aufzudecken! Wir wollten diskutieren, wie er zu einer weltweiten Story werden konnte: Wie kann es sein, dass eine Dreijährige über Nacht zur Ikone in aller Welt wird?

War es nicht ein bewusst inszenierter Skandal, um die Aufmerksamkeit für Maddie zu schärfen?
Ganz genau. Die Eltern haben bewusst gesagt: „Wir müssen die Suche wie eine PR-Kampagne aufziehen, um unser Mädchen wiederzufinden. So viele Leute wie möglich sollen sich das Gesicht unserer Tochter merken, um sie erkennen und uns bei der Suche helfen zu können“.
Lebt sie noch?
Schwer zu sagen. Die Eltern jedenfalls glauben fest daran. Gerry McCann ist gerade wieder nach Portugal gefahren und das private Ermittlungsteam der Familie geht der Sache immer noch nach.
Ihr habt vergangenen August mit Mitchell gesprochen. Arbeitet er immer noch für die McCanns?
Ja. Er arbeitet aber mittlerweile auch für eine große PR-Agentur und berät auch andere Familien, die ihre Kinder vermissen.
Da scheint es einen Markt zu geben.
Da haben wir auch drüber gesprochen: dass er eine Marktlücke gefunden habe. Er hat geschmunzelt und meinte: „Wer weiß, vielleicht habe ich tatsächlich ein neues Geschäftsmodell entwickelt“.
29 Interviews mit Menschen, die Skandale erlebt, ausgelöst oder aufgedeckt haben. Kannst du nun besser definieren was ein Skandal ist?
Für die Gesellschaft ist er ein reinigender – oder eher ein pseudo-reinigender – Prozess. Es gibt meist einen Sündenbock, auf dessen Schultern ein Problem ausgetragen wird. Es gibt einen großen öffentlichen Aufschrei, die Gesellschaft verurteilt den Täter und vergisst seine Taten umso schneller. Dann hat sich die Gesellschaft scheinbar von dem Problem befreit.
Ändern Skandale also überhaupt etwas?
Ich habe auch mit dem Radfahrer Patrik Sinkewitz gesprochen, der nach seinem Dopingbefund und seinen Aussagen als Kronzeuge der Prügelknabe der gesamten Radsportbranche war. Er sagt: „Auf meinen Schultern ist der Skandal abgeladen worden. Am System geändert hat sich aber nichts bis heute“. Ich finde das eine interessante Lehre.
Dass Skandale selten nachhaltig etwas in der Gesellschaft verändern?
Zumindest in manchen Fällen. Es gibt Politiker, die über den PR-Berater Moritz Hunzinger gestolpert sind – und heute wieder als Politiker arbeiten. Oder Michel Friedman: Er ist über das Koks gestolpert, es gab einen Aufschrei und heute ist er wieder ein mehr oder weniger akzeptierter öffentlicher Mensch. Mit beiden haben wir gesprochen.

Ihr habt sicher eine Liste mit möglichen Interviewpartnern gemacht. Wen wolltet ihr? Bei wem wart ihr kurz davor?
Ich habe zigmal in Washington angerufen, um Bob Woodward an die Strippe zu bekommen, der den Watergate-Skandal für die Washington Post aufdeckte. Ich habe in seinem Büro angerufen, hatte auch die Sekretärinnen dran und habe auch mehrfach auf seinen persönlichen Anrufbeantworter gesprochen. Hat aber nix gebracht. Dann hatte ich noch Kontakt mit Seymour Hersh, der den Skandal um Abu Ghuraib in die Zeitung brachte. Er hat sich per Mail entschuldigt, dass er nicht mitmachen könne. Vielleicht waren die beiden auch zu hoch gegriffen.
Böse gesagt hattet ihr es dann mit medialen Nervensägen zu tun. Gabriele Pauli. Desiree Nick. Michel Friedmann. Leute, die offenkundig sehr gern öffentlich auftauchen. Lösen nur nervige Leute Skandale aus?
Es ist einfacher, mit Leuten zu sprechen, die mediale Präsenz suchen. Das stimmt schon. Aber ich empfehle das Interview mit Desiree Nick zu lesen, die auch effektive Abwehrstrategien gegen Medien entwickelt hat: Es gibt kein öffentliches Foto von ihrem Sohn! Sie definiert selbst, was öffentlich sein soll und was nicht. Vielleicht ist es gar nicht so klug, einige Leute nur als nervende Skandalsucher vorzuverurteilen.

Sie nutzen den inszenierten Skandal für ihre Arbeit in der Öffentlichkeit?
Womöglich.
Verstehst du durch die Arbeit am Buch aktuelle Skandale besser?
Skandale gleichen sich, egal ob es um Sex, Betrug oder Doping geht: Das Schema bleibt, nur die Orte und Personen sind verschieden. Deshalb kann ich mich über Diskussionen wie gerade um Mehdorn oder den Papst nur schlecht aufregen. Es macht mich müde. Unser Buch ist da schon spannender, weil es unterschiedliche Fälle zusammenführt und so eine Phänomenologie des Skandals schafft.
"Skandal! Die Macht öffentlicher Empörung" erscheint Ende der Woche und wird herausgegeben von Jens Bergmann und Bernhard Pörksen im Herbert von Halem Verlag. Mehr unter medienskandale.de
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Ich denke speziell die Bildzeitung drückt in ihren Schlagzeilen sehr deutlich aus was man als Journalist gerne hätte: "Wir sind Papst" z.B. suggeriert die Zeitung sei kein eigenständiges Organ, sondern ein Teil seiner Rezipienten.
Als wären die Medien dieser Soldat der nach der Schlacht von Marathon atemlos ankommt, und mit letzter Kraft "wir haben gesiegt" ruft. Ein Teil der bewegten Masse, und zugleich der Überbringer von Neuigkeiten.
Die Medien sind bei weitem nicht "einer von uns" . Sie schüren Interesse an Themen, indem sie darüber berichten, dass Interesse war nicht zwangsläufig vorher schon da. Das Interesse rekrutiert sich aus dem Angebot.
Die "Skandale" werden künstlich zu solchen hochgepeitscht-bei entsprechendem Potenzial, versteht sich.
Das muss nicht die Regel sein, aber es ist sicher auch kein Ausnahmefall.
Ist der Skandal nicht das "öffentliches Aufsehen erregende Ärgernis", an dem eine Gesellschaft Ansto0 nimmt, weil der zugrundeliegende Sachverhalt oder das Ereignis gegen die geltenden und als gültig empfundenen moralischen Werte und Normen verletzt?
Müßte das Buch der StudentInnen dann nicht im Lichte der Skandale den Unterschied zwischen öffentlicher Meinung (die von den Medien mit gelenkt sein kann) und veröffentlichter Meinung (auf deren Grundlage sich viele ein Urteil bilden) noch einmal neu bestimmten, angesichts so vieler Veränderungen in der Medienlandschaft?
Und wäre nicht wichtiger als eine "Phänomenologie des Skandals" eine Bestimmung der Veränderungen moralischer Werte in diesen Umbruchzeiten? (Man sehe sich mal die öffentliche Empörung über die Volkszählung 1982 an und betrachte dann die öffentliche Meinung zu den Sicherheitsgesetzen der letzten beiden Jahre.)
Es ist doch beileibe nicht so, daß die Skandal-Grundlage gleich bleibt, nur die Personen und Orte wechselten, wie Herr Lehnen schreibt.
Da sind reichliche Dammbrüche, die eine öffentliche Zurschaustellung einer moralischen Tabuverletzung auf qualitativ und quantitativ andere Ebenen heben heute.
Das "Primat der Präsentation" (M.Schönberg) rules, und auf der Strecke bleiben manche anthropologischen Grundannahmen über das menschliche Handeln. Nicht länger der Betrachter ist der Gewinner/Nutznießer eines aufsehenerregenden Ereignisses, sondern der Betrachtete. Nicht länger gilt die Mignon-Zeile 'Laß mich werden, bis ich scheine'; sondern umgekehrt: "Laß mich scheinen, damit ich werde."
ich hab bob woodward mal einen brief geschrieben und drei wochen später hatte ich eine antwort im kasten, von ihm geschrieben. zumindest von ihm UNTERschrieben.
frzzzl sagte:
HA!
ich hab bob woodward mal einen brief geschrieben und drei wochen später hatte ich eine antwort im kasten, von ihm geschrieben. zumindest von ihm UNTERschrieben.
skandal !








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05.02.2009 - 18:35 Uhr
MadameLezard