26.01.2009 - 18:30 Uhr

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Kontrolle ist schlechter

Text: dirk-vongehlen - Foto: dpa

Die Musikindustrie beklagt digitales Kopieren und illegales Filesharing. Doch ist die digitale Kopie vor allem eine Chance

Mit dem Untergang ist Dieter Gorny vertraut. Wann immer der Vorstandsvorsitzende des Bundesverbands Musikindustrie öffentlich über das Internet und die Digitalisierung spricht, ist die Apokalypse nicht fern - zumindest für den Fall, dass digitales Kopieren und illegales Filesharing nicht bald entscheidend eingedämmt werden. Als Vertreter der Rechte-Industrie wird er mit diesem Szenario sicher auch am Dienstag argumentieren - beim nichtöffentlichen Spitzengespräch im Bundesjustizministerium. Dort sollen die Internet-Provider für die sogenannte "Three Strikes and you're out"-Strategie gewonnen werden: Nach drei Verwarnungen wegen illegaler Downloads (ausgesprochen durch die Provider) soll die Drosselung und Sperrung des Internet-Zugangs für uneinsichtige Nutzer stehen. Ein Vorgehen, das man bislang nur aus diktatorischen Staaten kennt.



Die Argumente, die Gorny und Co. anführen, basieren auf der Annahme, niemand würde noch Musik machen oder Kultur schaffen, wenn beides nicht zu den Konditionen des bisherigen Systems produziert, vertrieben und finanziert würde. Sie übersehen dabei, dass die neuen technischen Möglichkeiten nicht nur zu einer betriebswirtschaftlichen Herausforderung (vulgo: Untergang) führen. Dass man heute ohne Qualitätseinbußen identischen Kopien erstellen kann, die von der Vorlage nicht zu unterscheiden sind und diese auch nicht in ihrem Wert mindern, ist für alle künstlerisch tätigen Menschen in erster Linie ein Traum. Die digitale Kopie eröffnet ihnen eine Form der Distribution und damit der Öffentlichkeit, die in der Geschichte der Kultur beispiellos ist.

Wer Kultur schafft, will damit an die Öffentlichkeit. Kunst kann heute zu minimalen Kosten eine maximale Verbreitung finden - eine substantielle Herausforderung für alle, die ihr Geld bisher mit verknappten Kopien verdient haben. Denn Kopieren verursacht heute keine Kosten mehr, es ist vielmehr ein selbstverständlicher Vorgang, den jeder an seinem Computer innerhalb von Sekunden ausführen kann. Die Digitalisierung hat das Kopieren von Musik zu einer skandalisierten Alltäglichkeit gemacht, genau wie die Einführung des Rundfunks seinerzeit das Musikhören veränderte. In beiden Fällen folgt dem technischen Fortschritt ein Kontrollverlust des Bisherigen: Es ist also wenig verwunderlich, dass beispielsweise die Musikindustrie alle Energie darauf setzt, die digitale Kopie einzudämmen. Sie verteufelte zunächst auch das Radio.

Auch das Radio war mal böse

Die Klage lautete damals: Niemand werde noch Musik machen, wenn diese kostenlos und unkontrolliert durch den Äther geschickt würde. Für Menschen, die Songs nur gegen Bezahlung aus der Jukebox kannten, war die Regellosigkeit des Radios genauso skandalös wie für heutige Musikmanager die Praxis der Tauschbörsen. Wir wissen aber: Das Radio hat vielleicht die Popularität der Jukebox geschmälert, zum Untergang des Abendlandes oder zum Ende der Musik hat es nicht geführt. Es hat vielmehr neue Wege der Distribution möglich gemacht - und zwar, in dem Musik das Medium nutzte und nicht etwa bekämpfte.

Kann man aus dieser Geschichte lernen? Kann man Lösungen suchen, die der Herausforderung der digitalen Kopie begegnen, indem sie deren unbestreitbare Chancen für die Kunst nutzen, statt diese zu blockieren?

Es gibt zahlreiche Modelle, die genau dies tun. Der Verkaufserfolg der Nine Inch Nails-Alben "Ghosts I-IV", die unter einer so genannten Creative Commons Lizenz stehen, kostenfrei in digitaler Form aus dem Netz geladen werden können, aber dennoch die Liste der meistverkauften CDs beim Internethändler Amazon im Jahr 2008 anführten, ist nur das jüngste Beispiel für eine Reihe alternativer aber erfolgreicher Versuche, abseits der ausgetretenen Pfade Kultur zu erschaffen, zu verbreiten und diese auch zu finanzieren. Die Creative Commons-Szene und im Softwarebereich die Open-Source-Bewegung zeigen: Es gibt tragfähige Konzepte, die sich allerdings abseits dessen bewegen, was man immer schon gemacht hat. Dass man davon vergleichsweise wenig liest und hört, liegt an der ängstlichen Fixierung auf Untergangsszenarien und Verbotsphantasien. Dabei glaubt selbst auf Seiten der Rechte-Industrie vermutlich niemand, man könne die Digitalisierung aufhalten oder gar rückgängig machen. Die Tatsache, dass Apple als größter Online-Musikhändler in Absprache mit der Musikindustrie künftig auf den Kopierschutz in Musikdateien verzichtet, muss als Beleg dafür gelesen werden. Aber an einen zeitlichen Aufschub glaubt man dort sehr wohl. Es wäre doch zu schön, könnte man die Suche nach neuen Modellen einfach der kommenden Generation überlassen und sich selber noch ein wenig an den alten, den goldenen Zeiten erfreuen. So wird ein repressives Vorgehen propagiert, das eine ganze Generation junger Kulturnutzer pauschal kriminalisiert und noch weit größeren gesellschaftlichen Schaden nach sich ziehen wird.

Wie soll sich das rechnen?

Zunächst wird so eine Kommerzialisierung der Kultur vorangetrieben, die die Frage der Finanzierbarkeit von Kunst auf oberster Ebene abhandelt. Dabei übernehmen die Verteidiger des Althergebrachten neuerdings die Position eines Familien-Patriarchen, der auf den Berufswunsch seines Sohnes, er wolle Künstler werden, lediglich antwortet: "Und, wie soll sich das rechnen?" Große Werke der Weltliteratur, der Malerei und der Kunst wären nicht entstanden, hätten sich die Söhne und Töchter der aufs Bisherige fixierten Perspektive der Väter gebeugt. Dass sie es nicht getan haben, zeigt, dass Kunst schon immer mit widrigen Bedingungen zu kämpfen hatte - und diese oft auch überwunden hat. Neu ist also nicht, dass Kunst und Kultur sich gegen Widerstände bewähren müssen. Neu ist, dass sie dabei auf eine fast kostenfreie und nahezu grenzenlose Verbreitung zählen können.

Zum zweiten schafft die aktuelle Debatte eine auf vermeintliche Originale fixierte Atmosphäre der Angst: Kultur basiert seit jeher auf dem Prinzip der Adaption, der Anspielung und der Kopie. Durch die massive Lobbyarbeit der letzten Jahre wird dieses Prinzip kriminalisiert und an den Rand gedrängt - zum Nutzen der Industrie, nicht der Kultur. Ein vermeintliches Original-Genie wie Vincent van Gogh würde unter den heutigen Bedingungen nicht mehr so selbstverständlich die Kraft der Kopie loben können, wie er das in einem Brief an seinem Bruder im 19. Jahrhundert tat: "Kopieren interessiert mich ungemein", schrieb der Maler und bekannte: "Ich finde, es lehrt einen manches, und vor allem es tröstet einen manchmal. Ich stelle mir das Schwarzweiß von Delacroix oder von Millet oder die Schwarzweiß-Wiedergabe nach ihren Sachen als Motiv vor mich hin. Und dann improvisiere ich darüber in Farbe, doch versteh mich recht - ich bin nicht ganz ich, sondern suche Erinnerung an ihre Bilder festzuhalten, aber diese Erinnerung, der ungefähre Zusammenhang der Farben, die ich gefühlsmäßig erfasse, auch wenn es nicht genau die richtigen sind - ist meine eigene Interpretation."

Ein van Gogh von heute, der vielleicht nicht mit Pinsel und Farbe, sondern mit digitalen Hilfsmitteln arbeitet, müsste zunächst die Frage nach Verwertungsrechten eines Millets beantworten. So unbeschwert, wie der Maler im 19. Jahrhundert fremde Motive mit seinen eigenen Farb-Improvisationen remixte, kann heute kein Künstler mehr arbeiten. Gerade hat das Video-Portal YouTube auf Druck der Rechte-Inhaber angekündigt, Musikclips mit ungeklärter urheberrechtlicher Rechtslage stumm zu schalten. Ein passenderes Bild für den zerstörerischen Einfluss eines repressiven Urheberrechts könnte man sich gar nicht ausdenken: Es bringt Kunst zum Schweigen!

Die Digitalisierung ist ein technischer Entwicklungsschritt, der revolutionäre Folgen nach sich zieht. Dieser in unzähligen Artikeln prophezeite Satz wird heute Realität. Die Gesellschaft und der sogenannte Kulturbetrieb müssen sich fragen, wie sie damit umgehen wollen. Die Urheberrechts-Expertin Jeanette Hofmann hat diese Frage unlängst rhetorisch auf den Punkt gebracht. "Hätten wir gewollt," fragte die promovierte Politikwissenschaftlerin der London School of Economics, "dass die Kerzenmacher im 19. Jahrhundert über die Nutzung von elektrischem Licht bestimmen?"


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kasi
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Mag ich Mag ich nicht

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26.01.2009 - 19:05 Uhr
kasi

das is ja alles so ganz schön und gut, nur dennoch ist es nicht so einfach früher mit heute gleichzusetzen. denn damals hat man ne leinwand und n paar farben und pinsel gebraucht bzw. n stift und n blatt papier oder eben n klavier was dann schon teuerer war. aber mit der technisierung der kultur, steigen auch die kosten um eben diese kultur überhaupt zu produzieren. denn heutzutage gibt es nicht nur leinwände und pinsel für 15 goldmünzen, sondern photoshop, wacom tablet etc. für 1000 euro. das gleiche gilt für die musik und filme. niemand kann mir hier erzählen, dass er mit einem rückschritt dieser fabrikate auf uralte standards zufrieden wäre, nur um es kostenlos zu halten...

MorbusBahlsen
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26.01.2009 - 19:09 Uhr
MorbusBahlsen

Ein sehr schöner Artikel, danke. Und ich muss immer wieder über alle Begriffe lachen, mit denen sich das Konsortium betiteln lassen kann: Diesmal ist es Rechte-Industrie. Rechtsprechung als Gut der Industrialisierung, aber gerade nicht der Allgemeinheit.

radekoration
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26.01.2009 - 22:09 Uhr
radekoration

Ich glaube das Stummschalten von Videos hat mit gewissen Diensten im Netz zu tun (deezer etc.) die einfach die Audiospuren von Youtube nutzen, um ihre User mit einer riesigen Musikdatenbank zu versorgen.

soylentyellow
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26.01.2009 - 22:19 Uhr
soylentyellow

"Sperrung des Internet-Zugangs"

Kein Freedom of Speech? Wie soll der sich dann informieren? Oder kommunizieren? Oder einen Job suchen? Oder wissen wann der Zug fährt? Oder irgendwie am online-Leben teilnehmen? Oder studieren - ohne Internet und Foliendownload etc praktisch unmöglich.

Soll der dann verdammt sein sich nur aus dem Fernsehen zu informieren? Der Arme.

MorbusBahlsen
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26.01.2009 - 22:22 Uhr
MorbusBahlsen

Es ist eine Umgehung der Rechtsstaatsprinzipien. Ich hoffe nicht, dass es auf nur ansatzweise fruchtbaren Boden fällt hier. In Frankreich allerdings nicht. Selbst eine vorgeschaltete Drosselung der Bandbreite vor dem Abschalten ist der absolut falsche Weg!

Little_Joe
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26.01.2009 - 22:30 Uhr
Little_Joe

Okay, okay, aber Filesharing erreicht einfach Dimensionen, die durch Radio und Van Gogh nicht erreicht wurden. Van Gogh mag sich so viele Bilder vor die Nase stellen, wie er mag, er kopiert es doch selbst und erzeugt so etwas neues. Er hat sich nicht hingestellt und mit 20 Lehrlingen das Bild 1.000.000 Mal kopiert und dann unter die Menschen verteilt.

MorbusBahlsen
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26.01.2009 - 22:36 Uhr
MorbusBahlsen

Es ist nicht anzukreiden, dass Künstler für ihre (eigenen) Errungenschaften ihr Geld nicht bekommen sollen, die Methodik dahinter ist das Fragwürdige. Jemand der immer nen Beutel Milch klaut darf sein Geld trotzdem weiterhin irgendwo ausgeben und sich in der Stadt umherlaufen. Wenn er wo Hausverbot hat, darf er da halt hinein, aber der Straßenprovider darf ihm nicht den Zugang zur Straße verwehren.

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26.01.2009 - 22:37 Uhr
MorbusBahlsen

sich in der Stadt bewegen oder in der Stadt umherlaufen war gemeint. Zwei dumme zu einem Gedanken.

Aporia
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26.01.2009 - 22:53 Uhr
Aporia

Die Möglichkeit, Musik aus dem Netz zu ziehen, führt bei mir dazu, dass ich viel, viel mehr Musik anhöre, die ich sonst nichtmal eines Blickes gewürdigt hätte. Daraus folgt außerdem, dass ich durch mein erweitertes Musikwissen wesentlich mehr Musik kaufe, als ich das sonst getan hätte. Und ich habe eine wesentlich bessere Möglichkeit, mich vor dem Konzert einer Band über deren Musik zu informieren und gehe dadurch insgesamt zu mehr Konzerten, weil ich mir sicherer bin, dass ich ein interessantes Konzert erleben werde. Das sind doch jetzt alles Punkte, die die Plattenindustrie und vor allem die Künstler selbst eigentlich nur freuen können...

Und mal ganz ehrlich: wer braucht die Plattenindustrie, wenn die Künstler aufgrund der Digitalisierung und des Internets viel leichter ihren eigenen Vertrieb organisieren können?

MorbusBahlsen
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Mag ich Mag ich nicht

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26.01.2009 - 22:59 Uhr
MorbusBahlsen

Leider sieht's halt auch so aus, dass der Staat dank 19 Prozent Mehrwertsteuer in diesem Milliardengeschäft direkt involviert ist, weshalb ich aufgrund aktueller Krisenstimmung befürchte, dass hier vorschnelle Lösungen durchdachten vorgezogen werden...

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dirk-vongehlen offline

dirk-vongehlen

ist jetzt-Mitarbeiter und hat diesen Beitrag verfasst.