06.02.2009 - 18:30 Uhr

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Oh Gott, ich bin 30! Und was hab' ich erreicht?

Text: philipp-mattheis

Marko Doringer hat den Film "Mein halbes Leben" gedreht - eine Abrechnung mit dem magischen Alter 30. Ein Interview über die erste Bilanz im Leben

Marko Doringer ist Filmemacher aus Österreich und lebt in Berlin. Kurz nach seinem 30. Geburtstag schlittert er in eine Lebenskrise. Plötzlich stellt er fest: Ich habe nichts erreicht, habe keine Ausbildung, kaum Geld. An diesem Punkt beginnt auch der autobiografische Film "Mein halbes Leben". Um seinen Ängsten auf den Grund zu gehen, fährt Marko in seine Heimat nach Österreich und besucht alte Freunde. Er trifft Katha, eine begabte Mode-Designerin, die aber auf keinen Fall ein Kind haben möchte, bevor es ihr finanziell besser geht. Der viel begabte Tom spielt nicht mehr in einer Hardcore-Band, sondern verbringt die Woche über in Bulgarien und opfert sein Leben seiner Arbeit. Martin, ein Sportjournalist mit gutem Einkommen und Freundin, träumt unterdessen vom selbstbestimmten Leben. Ein Gespräch mit Marko Doringer über das magische Alter 30.

jetzt.de: Marko, in deinem Film geht es um einen 30-Jährigen, der aufwacht und sagt „Ich habe in meinem Leben nichts erreicht.“ 30 ist erstmal nichts anderes als eine Zahl, genauso wie 23, 38 oder 34. Warum messen trotzdem so viele Menschen diesem Alter soviel bei? Warum nicht 40?
Marko: 30 ist eine gesellschaftlich definierte Marke. Die Zahl übt weniger einen biologischen, dafür aber einen sozialen Druck aus. Mit 30 hat man nicht mehr diese Narrenfreiheit, wie man sie mit 20 hatte. Eine gewisse Seriösität tritt ins Leben. Das hat viel mit unseren Eltern zu tun, mit denen wir uns als ihre Kinder immer vergleichen, ob wir das wollen oder nicht. Und unsere Eltern hatten mit 30 meistens schon ein Haus gebaut und eine Familie gegründet. Auch wenn diese Werte oberflächlich für uns nicht mehr zählen – sie stecken in uns drinnen und wir messen uns an ihnen.

Marko in einer Filmszene mit seinen Eltern.

Mittlerweile kann ein 40-Jähriger noch ohne Probleme das Leben eines 20-Jährigen führen. Eigentlich erweitert sich unsere Jugend ja ständig.
Diese „ewige Jugend“ wird so oft von allen Medien postuliert, dass man irgendwann daran glaubt. Ich würde aber eher sagen, dass sich das „Erwachsensein“ selbst verändert hat: Es ist lockerer, vielleicht auch ungeplanter und kindischer, aber genau das ist eben die heutige Form des Erwachsenseins, und die ist anders, als was unsere Eltern darunter verstehen. Klar sind wir in deren Augen nicht erwachsen.

Du warst 33, als du den Film gedreht hast. Wie ging es dir, als du 30 geworden bist?
An meinem 30. Geburtstag ging es mir noch ganz gut, ich habe gefeiert. Aber ein paar Wochen später kam die Depression. Ich habe mir Fragen gestellt wie: Was habe ich eigentlich erreicht? Was will ich in meinem Leben? Die Krise hat mehrere Wochen gedauert. Dann im Frühjahr 2006 habe ich mit den Dreharbeiten begonnen. Ich dachte mir, dass es doch mehreren Menschen aus meiner Generation so gehen muss. Weil das Thema des Films für mich ein sehr persönliches war, habe ich mich entschlossen, einen autobiografischen Film zu machen – der gleichzeitig einen unterhaltsamen, ironischen Charakter hat. Es geht nicht um Hunger- oder Umweltkatastrophen, sondern um ein Problem der westlichen Mittelschicht.

Du zeichnest sehr einfühlsame, fast schon intime Porträts von deinen Freunden und Familienangehörigen. War das schwierig?
Das kann man nicht pauschal beantworten. Manche sind aufgeschlossen, manche zieren sich. Aber alle hatten ein Mitspracherecht. Jeder konnte den Film vorher abnehmen und sagen, ob er damit einverstanden ist. Aber es ist nie leicht, Protagonist in einem Dokumentarfilm zu sein. Man kehrt schließlich sein Innerstes nach außen. Für mich selbst ist es natürlich auch schwierig – ich bin ja selbst auch Protagonist in diesem Film. Aber das muss so sein. Ich bin ein kleiner Menschenhändler, ich baue aus Lebensgeschichten einen Film, der mein Publikum ansprechen soll. Da sind die Konfliktpunkte besonders interessant und wichtig.

Bei allen Geschichten spielt der berufliche Erfolg eine sehr große Rolle. Messen wir unserer Karriere zuviel Bedeutung bei?
Wir haben heute viel mehr Möglichkeiten, uns selbst zu verwirklichen. Aber unsere heutige Selbstverwirklichung ist sehr stark am Beruf orientiert. Zum Beispiel hatte meine Krise mit 30 ihre Ursachen vor allem in meinem beruflichen Misserfolg. So wie Katha im Film sagt: `Wir sind die Generation der Egoisten´.

Im Film Fightclub sagt Tyler Durden: „Wir wurden durch das Fernsehen aufgezogen in dem Glauben, dass wir alle irgendwann mal Millionäre werden, Filmgötter, Rockstars. Werden wir aber nicht. Und das wird uns langsam klar. Und wir sind kurz, ganz kurz vorm Ausrasten.“ In „Mein halbes Leben“ drückt dein ehemaliger Mitbewohner seine Unzufriedenheit kulanter aus. Er sagt: „Ich leide unter einer faulen Form von Größenwahn.“ Ist Älterwerden desillusionierend?
Es ist eine Ernüchterung. Auch ich wuchs in dem Glauben auf, dass mir alle Türen offen stehen, ich alles erreichen kann. Im Vergleich zu anderen Generationen ist es ja tatsächlich so! Mit 20 denkt man noch: Die Welt liegt mir zu Füßen. Mit 30 schaut man in den Spiegel und sieht, wie einem die Haare ausfallen. Und nichts weiter passiert. Übrigens verstärken Shows wie „Deutschland sucht den Superstar“ solche Illusionen. Sie suggerieren: Jeder kann ein Star werden – und das schon mit 16 oder 18.

Für Frauen scheint ja noch ein zusätzlicher Druck hinzuzukommen: Man erwartet von ihnen, Mütter zu werden.
In Österreich ist dieses klassische Rollenmodell noch stärker ausgeprägt. Hinzu kommt, dass auch noch die biologische Uhr zu ticken beginnt. Trotzdem gibt es auch für Männer Druck; keinen biologischen, aber einen psychologischen. Früher war der Mann nur Erzeuger, jetzt ist er auch teilhabender Vater. Wenn ich mit 50 mein erstes Kind bekomme, was habe ich noch davon?

Eine Filmszene mit Katha.

Zögern wir zuviel?
Je mehr Möglichkeiten man hat, desto schwerer fällt die Entscheidung. Schließlich muss man mit einer Entscheidung auf so viele andere Möglichkeiten verzichten. Im Film ist Tom der Entscheider: Früher hat er in einer Band gespielt, war Fußballprofi und hatte ein aufregendes Sozialleben. Er aber hat sich für den Beruf entschieden und damit für den Verzicht auf all das. Jetzt ist er die Woche über in Bulgarien und macht nichts anderes als arbeiten, essen und schlafen. Martin ist das Gegenteil von ihm: Er will sich alles offenhalten und hat Angst davor, eine Entscheidung zu treffen.

Leistung ist ein relativer Begriff. Im Film sprechen die Menschen aber trotzdem viel von konventionellen Werten wie Geld, Erfolg, ein eigenes Haus. Warum sind sie in so vielen Köpfen so präsent?
Einerseits sind die Existenzängste schlicht berechtigt. Wenn ich kein Einkommen habe, muss ich mir Gedanken machen, wie ich meine Miete bezahle. Andererseits ist es das Wertemuster unserer Eltern, das wir aus uns nicht herauskriegen. Die jüngere Generation, die heute zwischen 15 und 20 sind, geht damit schon ganz anders um. Ich glaube, sie tun sich im Heute leichter.

Letztlich muss man aber doch sagen: Es geht uns hier allen ziemlich gut. Jammern wir nicht auf hohem Niveau?
Natürlich ist es richtig, dass die überwiegende Mehrheit der Weltbevölkerung ganz andere Sorgen plagen. Trotzdem darf ich meine Ängste ernst nehmen. Wir können und sollten sie in Relation setzen, aber dadurch verschwinden sie nicht einfach.

Gibt es eine Quintessenz des Films?
Das ist eine schwierige Frage. Ich persönlich breche im Film auf, um mir ein neues Leben zu suchen. Am Ende der Dreharbeiten entdecke ich: Die Unsicherheit, die mich so plagt, brauche ich. Genau sie macht mein Leben glücklich und spannend. Führe ich ein sicheres Leben, habe ich weniger Existenzängste, aber auch weniger Überraschungen.

Seit Januar läuft Mein halbes Leben in Österreich in den Kinos. Der Film ist Gewinner der "Großen Diagonale 2008" und erhielt ausgezeichnete Kritiken. Voraussichtlich wird er im September auch in Deutschland zu sehen sein.


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oekorealist
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Mag ich Mag ich nicht

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07.02.2009 - 07:41 Uhr
oekorealist

ich steh total auf österreichische dialekte. sind ja auch regional ziemlich unterschiedlich. aber ich versteh auch nicht alles.

bilanz: ziehe ich ständig. ich habe viel vor und viele ziele, und ich muss ständig schauen, ob ich noch in der spur bin. und gerade die 30 war bei mir tatsächlich einer der bedeutendsten wendepunkte.

nordzucker
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Mag ich Mag ich nicht

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07.02.2009 - 09:22 Uhr
nordzucker

hahaha. 30!!!!!

guckmalumdieEcke
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07.02.2009 - 09:31 Uhr
guckmalumdieEcke

mathematiker regieren die welt, studiert alle mathe, es ist sooo vielseitig.
mir steht wohl erstmal die 25 ins haus, mir gings schon zur zwanzig schlecht, ich hoffe, dann eben erst wieder zur 30, alle zehn jahre reicht ja wohl! und bis dreißig schaff ich mein studium auf jeden fall! :)

octopussy
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Mag ich Mag ich nicht

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07.02.2009 - 10:15 Uhr
octopussy

in Anbertracht der Tatsache, dass wir Lebenserwartungen von an die 100 haben, ist 30 als halbes Leben ziemlich falsch. Ich sehs auch eher als das erste Drittel an.
Man selbst misst sich mit den Eltern, was die mit 30 schon alles hatten oder auch nicht, oder wird selbst daran gemessen. Aber es wird auch immer relativer.
Wenn Marko allerdings meint "Die Zahl übt weniger einen biologischen, dafür aber einen sozialen Druck aus.", dann muss ich ihm widersprechen. Ich als Frau mache seit ich 30 bin die Erfahrung, von jedem Arzt gefragt zu werden, wann ich denn Kinder bekomme. Und das sind alles keine alten Tattergreise, die in Klischees denken - aber irgendwie ist da doch noch ein anderes Bild im Kopf - und bei einem selbst ja auch. Man ist eben nicht mehr 20.

m0n0
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07.02.2009 - 11:23 Uhr
m0n0

Ach, das Interview hat mir in mehrfacher Hinsicht aus der Seele gesprochen. Ich glaube auch, dass diese jetzige 25-30er Generation, bzw ihre Mittelschicht ein Problem hat, weil sie zwischen den prägenden Werten ihrer Eltern (die ihnen ein sicheres und behütetes Erwachsenwerden ermöglicht haben!) und einer Welt stehen, in der diese Werte teilweise gar nicht mehr passen bzw lebbar sind. (Die zT sehr große materielle Sicherheit zB.) Oder man die Werte eigentlich nicht leben wollte, aber ohne ihre positiven Konsequenzen zB hinsichtlich Sicherheit auch nicht leben kann. Dazu die zu vielen Optionen, die desto mehr Unsicherheit generieren, je weniger man bereit ist, eigene Fehler zu tolerieren. Und zu allem Überfluss hat Tyler Durden auch noch recht. Schöne scheisse... Das Damoklesschwert 25 baumelt auch über mir :(

riesenherz
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07.02.2009 - 11:27 Uhr
riesenherz

Ach 25, 30, 40... Schnickschnack. Man kann auch 2010 fünfzig werden, silberne Hochzeit feiern und keinen Gedanken daran zulassen, das könnte schon die Hälfte des Lebens sein;)

Vielleicht lerne ich bis dahin ja sogar noch Österreichisch.

MarkoDoringer
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Mag ich Mag ich nicht

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07.02.2009 - 11:28 Uhr
MarkoDoringer

air_kaviar sagte:
man kriegt das "du bist noch so jung" so lange vorgekaut bis man es irgendwann glaubt.

.
da geht es mir ähnlich - siehe:
.
http://www.meinhalbesleben.com/cms/index...
.
gruesse, marko doringer

rousseau
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Mag ich Mag ich nicht

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07.02.2009 - 11:31 Uhr
rousseau

Dieses "Rumgeheule" was das Altern betrifft
ist Leiden auf hohem, (westlichem) Niveau.

Wenn ein Bewohner eines Township in Kapstadt sagen würde, dass über ihm das Damoklesschwert eines Überfalls schwebt - ok.

Aber hier sich so zu verbalisieren, als rücke man demnächst in ein Hospiz ein,
das ist einfach nur lustig ^..^

soylentyellow
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Mag ich Mag ich nicht

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07.02.2009 - 11:33 Uhr
soylentyellow

EloiseMigraine sagte:
im september? wieso so spät??? würde ich gerne früher schon sehen.


Weil's die Filmfirmen immer noch nicht gelernt haben?

Damit Du Dir das Ding deshalb aus Frust aus dem Netz ziehst anstatt bis September zu warten?

Weil's noch nicht einmal synchronisiert werden muss?

Weil der Film dann sowieso nur in sieben Programmkinos in ganz Deutschland läuft.

Weil das Programmkino in Deiner Stadt natürlich wieder mal nicht dabei sein wird?

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Mag ich Mag ich nicht

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07.02.2009 - 11:37 Uhr
soylentyellow

irrgaertnerin sagte:
riesenherz sagte:
irrgaertnerin sagte:
riesenherz sagte:
Ich finde, Österreichisch sollte grundsätzlich synchronisiert werden.
Sorry.

ich hab das mal dezent überlesen. ähem. :)


Ne, echt, ich finde, das Österreichische beeinflußt oft erheblich den Look eines Films, die Stimmung, sogar das Tempo.


naja, aber das wäre ja wohl etwas eine verfälschung eines österreichischen filmes, diesen norddeutsch zu synchronisieren. da geht ja, wie bei jeder synchronisation allerhand verloren.


DAS stört ja Synchronisateure bei anderen Filmen (die tatsächlich auf ausländisch produziert wurden) schließlich auch nicht!

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philipp-mattheis

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