Dein Status nervt! Ein Fall für Zwei über die Kurzkommunikation
Text: peter-wagner - und Dirk von Gehlen; Fotos: Screenshots
Die Statuszeile, der Twitter-Kommentar - Ausdruck klarer Einfalt oder Poesie der Moderne?
140 Zeichen mieses Unterhaltungsdope
Vergangene Woche stürzte ein Flugzeug in den Hudson River in New York und es gab da einen Mann, der gerade mit der Fähre fuhr. Er war bei Twitter eingeloggt und sah neben sich im Wasser das Flugzeug und die Menschen auf der Tragfläche und in den Rettungsbooten. Er fotografierte und hievte seine Bilder angeblich noch vor allen Medien ins Internet. Für die Leistung gab es Applaus und hektisch fragten ein paar Leute, ob Twitter nun doch eine Zukunft habe? Mich langweilt eine solche Diskussion, weil ich kein Körnchen mehr davon habe, zu wissen, dass irgendein Twitterer schon ein Foto von etwas gemacht hat, von dem zehn Minuten später ein Fotograf von AP ein Bild macht. Aber gut: In dem Fall konnte man der Mitteilung des Mannes noch einen gewissen Wert abgewinnen, was man von den Botschaften ganz normaler Twitteranten nicht behaupten darf. Hier drei Zufallstexte. Der erste von tsg: "hui das war ein langer tag und soo viele spaghetti ... n8". Der zweite von peternoster: "ich hätte einen keks anzubieten, auf den mir ansonsten gegangen wird". Der dritte von horatiorama: "Und jetzt schaue ich mal, ob noch etwas vom Seelachsfilet mit Broccolicreme übrig ist. Oder ein Berner Plätzli?"
Twitter-Texte und auch Facebook-Statusmeldungen interessieren mich selbst dann nicht mehr, wenn hinter ihnen Freunde stecken. Das hat ein bisschen was mit Fremdschämen zu tun, weil ich mir manchmal vorkomme, als würde ich ihnen in den Hals schauen können, während sie alltägliche Bewegungen auf Facebook in Worte fassen und veröffentlichen. Eine wirklich nette Statusmeldung zu verfassen dauert ja in Wahrheit. Ich erinnere mich an die ersten Wochen auf jetzt.de, in denen ich täglich die Angaben meiner jetzt-Page lektorierte und sie auf ihre Standfestigkeit anderen gegenüber prüfte. Facebook aber verlangt einen höheren Ausstoß an solchen Erlebnis- oder Befindlichkeitsblasen. Da kann die Qualität nicht Schritt halten. Es berührt mich dann peinlich, von schlecht verdautem Essen, verschlafenen Tagen und quälender Langeweile anderer Menschen zu lesen. Wenn ein Post wie "heute lecker Schweinebraten" mit den Kommentaren "Hmyummi!" und "Ohhh, Schweiniiiii - schmatz" versehen ist, wird mir schwindlig und ich wundere mich, wie die Ein-Satz-Kommunikation eine seltene Form von Einfalt zur modernen Kommunikationskultur befördert. An der nehmen dann auch ganz hilflos Menschen wie Thorsten Schäfer-Gümbel oder Hubertus Heil teil und degradieren sich ganz nebenbei zur Lächerlichkeit, wie zum Beispiel hier nachzulesen ist. Das ist nicht verspielt sondern ärmlich.
Ich erkläre mir die Popularität der Kurzkommunikation mit meinem Postboten, als ich Kind war. Ich schrieb viel Post und bekam gern welche, weshalb die Ankunft von Karten und Briefen zu den Highlights meiner Tage geriet. Mir ging es um den Überraschungseffekt, um das Neue, das mit den Sendungen in mein Leben trat. Das Gefühle habe ich heute noch, wenn mir mein Mailaccount sagt, dass ich neue Mails habe. 'Super', denke ich dann, 'jetzt tut sich gleich was'. Die Status-Infos sind, glaube ich, der misslungene Versuch, dieses Gefühl zu einem Dauerzustand zu machen, die News-Erregung in immer kürzeren Abständen zu erzeugen. Aber das funktioniert nicht, weil einem beim Lesen dieser Satzhappen bewusst wird, was zwischen den eigentlich erzählenswerten Geschehnissen im Leben der meisten Menschen so geschieht: Nichts. Die Sache mit Twitter und dem Flugzeug im Hudson war da nur die lange ersehnte Ausnahme.
peter-wagner
Auf der nächsten Seite: Dirk von Gehlen singt das hohe Lied auf die knappe Kommunikation.